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Spannungen

Im Osten der Ukraine wächst die Angst

Freitagnacht wurden zwei junge Wächter im ostukrainischen Charkow von Mitgliedern des Rechten Sektors erschossen. Die Lage ist angespannt.
Von Ulrich Heyden, MZ

Das Lenin-Denkmal in Charkow ist Anlaufpunkt für die pro-russischen Aktivisten der Stadt in der Ost-Ukraine. Foto: dpa

Charkow.Die Studentin Sweta ist eigentlich eine quirlige junge Frau. Aber am Samstag ist sie wie verwandelt, ernst und gefasst. Mit leiser Stimme erzählt sie von ihren Erlebnissen Freitagnacht in Charkow. „Jemand schrie, hinlegen. Und dann explodierte eine Granate“. Dann sah sie den 20 Jahre alten Antifaschist Artjom Schudow leblos auf der Straße liegen. Eine Kugel hatte seine Wirbelsäule durchschlagen. Ihren Eltern hat Sweta nichts von ihren Erlebnissen in der Nacht auf Sonnabend erzählt.

Freitagnacht waren zwei junge Antifaschisten von Mitgliedern des Rechten Sektors erschossen und fünf weitere Personen - darunter ein Polizist - durch Schüsse verletzt worden waren.

Wie war es zu der Gewalt gekommen? Am frühen Freitagabend hatten Mitglieder des Rechten Sektors die Jugendlichen, die das Lenin-Denkmal bewachten, zunächst aus einem VW-Bus heraus mit Tränengasgranaten und Schüssen provoziert. Dann zogen 200 Antifaschisten los, um das Büro des Dachverbandes „Rechter Sektor“ zu stürmen, wo sich 40 Rechte mit Schußwaffen verbarrikadiert hatten. Als die Linken nahten, begannen die Rechten aus den Fenstern des Büros mit Pistolen und automatischen Waffen zu schießen. Auf den Dächern schossen Scharfschützen auf die Demonstranten, erinnert sich Sweta.

Zwei junge Antifaschisten - Artjom Schudow und Aleksej Scharow - wurden von Kugeln tödlich getroffen. Fünf weitere Menschen- darunter ein Polizist - wurden von Kugeln schwer verletzt. Die Rechten hatten zum eigenen Schutz einen Polizisten und zwei Wachleute als Geiseln genommen. Außerdem warfen sie von einem der Dächer Molotow-Cocktails auf die Demonstranten.

Spät in der Nacht legten dann die Rechten nach Verhandlungen mit Bürgermeister Gennadi Kernes, der persönlich im Büro des Rechten Sektors erschienen war, die Waffen nieder. Anschließend wurden 29 verhaftete Rechte mit Bussen einer Spezialeinheit des Innenministeriums auf Polizeiwachen gefahren.

Die Antifaschisten von Charkow fürchten nun, dass die Verhafteten nach Kiew gebracht und dort freigelassen werden. Die Sorge ist nicht unberechtigt, denn nach dem Umsturz in Kiew wurden zahlreiche rechtsradikale Gewalttäter, die teilweise schon über längere Zeit in ukrainischen Gefängnissen einsitzen, freigelassen.

Wer will wen provozieren?

Eine Gruppe „Misanthropic Division - Töten für Wotan“, die Fotos von der Beschießung der Antifaschisten im sozialen Netzwerk vkontakte.ru online stellte, meldete für Freitag die stolze Zahl von 240 000 Klicks und sprach von einem großen Propaganda-Erfolg.

Was wollte der Rechte Sektor mit seine Provokation vor dem Lenin-Denkmal erreichen? Offenbar geht es den Rechten darum, in Charkow ein Klima der Angst zu schaffen, damit sich weniger Bürger an großen, prorussischen Kundgebungen beteiligen.

Der „Rechte Sektor“ stellt die Sache anders dar. In einer auf vkontakte.ru veröffentlichten Erklärung heißt es, mit dem Sturm auf ihr Büro hätten die Demonstranten den Einmarsch russischer Truppen in der Ostukraine provozieren wollen.

Auch der von Kiew eingesetzt neue Gouverneur von Charkow, der Millionär Igor Baluta erklärte, bei dem Sturm auf das Büro der ukrainischen Organisation Proswita, in dem auch der Rechte Sektor seinen Sitz hat, handele es sich um eine „gut geplante Provokation prorussischer Aktivisten“. Die Polizei, die den Sitz des Gouverneurs Tag und Nacht mit einem Großaufgebot von gut ausgerüsteten Ordnungshütern bewacht, sei erst nach den Erste-Hilfe-Wagen in der Rymarski-Straße angerückt, kritisierte die Links-Organisation „Borotba“ das verspätete Eingreifen der Polizei.

Der ukrainische Innenminister Arsen Awakow sprach in einem Facebook-Eintrag von einer „Schießerei zwischen Radikalen“ und forderte die Bevölkerung auf Ruhe zu bewahren. Die Links-Organisation beschuldigte den Innenminister, er trage an den Toten in Charkow eine Mitschuld. Nach Informationen der Links-Organisation werden einige der im Rechten Sektor zusammengeschlossenen Organisationen vom Innenministerium finanziell unterstützt.

In Donezk stirbt bei Auseinandersetzungen ein Swoboda-Aktivist

Auch in der südostukrainischen Stadt Donezk hat es einen Toten gegeben. In der Nacht auf Freitag wurde bei Auseinandersetzungen zwischen prorussischen Kräften und ukrainischen Nationalisten ein örtlicher Aktivist der rechtsradikalen Partei Swoboda durch einen Messerstich getötet.

Am Samstag versuchten 5000 prorussische Demonstranten in Donezk die Gebäude des Geheimdienstes SBU und der Polizei zu stürmen. Die Demonstranten forderten die Freilassung des „Volks-Gouverneurs“ Pawel Gubarew und der Aktivisten, die bei den blutigen Auseinandersetzungen am 13. Mai in Donezk verhaftet worden waren.

Das russische Außenministerium veröffentliche am Samstag eine Erklärung. Danach hätten sich friedliche Bürger aus der Ukraine mit der Bitte um Hilfe an Russland gewandt. „Die Bitten werden geprüft“, heißt es in der Erklärung.

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