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Energie

Kämpferin für und gegen Windmühlen

Claudia Kemfert hält die Energiewende für so notwendig wie lohnend. Dem aktuellen Gegenwind hält sie stand, nicht aber der zuständige Minister.
Von Bernhard Fleischmann, MZ

Entschiedene Verfechterin der Energiewende: Claudia Kemfert in Regensburg Foto: altrofoto.de

Regensburg.Sie kämpft für Windmühlen – im Wortsinn. Im sprichwörtlichen muss sie gegen sie kämpfen. Claudia Kemfert ist die wohl profilierteste Energieökonomin Deutschlands und eine entschiedene Verfechterin der Energiewende. Als solche durchlebt sie aktuell schwere Tage. Denn sie muss realisieren, dass ihre Gegner erfolgreich sind: „Die Negativ-Kampagne gegen die erneuerbaren Energien zahlt sich aus“, sagt sie im Gespräch mit der MZ während einer Autofahrt von München nach Regensburg zu einem Vortrag. Klug gemacht sei diese Kampagne. „Sie stempelt die Öko-Energien zum Sündenbock für den steigenden Strompreis. Und es funktioniert.“ Keiner rede davon, dass Öl in den vergangenen zehn Jahren um 300 Prozent teurer geworden sei; dass Deutschland in diesem Zeitraum eine Billion Euro für fossile Brennstoffe ausgegeben habe; dass den 24 Milliarden Euro EEG-Umlage 12 Milliarden Euro Einsparungen durch Öko-Energie gegenüberstünden.

Endlich ehrliche Preise

Niemand erkläre den Menschen, dass mit der Energiewende „wir jetzt zum ersten Mal eine ehrliche Preisgestaltung“ sehen. Naja, ganz so ehrlich sei sie immer noch nicht. Denn es fehlten im Strompreis nach wie vor die Folgekosten fossiler Gewinnung in Form von Umweltschäden oder steuerfinanzierter Subventionen für die Kohle. Verdeckte – aufgeschobene oder im Staatsetat untergebrachte – Kosten für die herkömmliche Energie, im Gegenzug alle Kosten der Öko-Quellen direkt den Verbrauchern auf die Rechnung geschrieben. So könnten die Erneuerbaren leicht als Luxusprojekt von Öko-Begeisterten gebrandmarkt werden.

Seit 20 Jahren steckt die Professorin tief in diesem Thema drin, hat sich über den Wandel in der öffentlichen Meinung und der Politik gefreut – als klar wurde, dass Ressourcen und das Klima geschont werden müssen. Immerhin kam es ja deswegen – und wegen der Angst vor den Gefahren der Atomenergie – zur Energiewende.

Seit 2010 steht das Ziel, bis zum Jahr 2050 den Anteil der Erneuerbaren auf 80 Prozent zu erhöhen. Prima. Aber die Kräfte dagegen seien gewaltig und feierten große Erfolge – mit „Mythen, die einer Realitätsprüfung nicht standhalten“. Wo sind die Klimaschutzziele der Bundesregierung geblieben? Auf der politischen Agenda weit nach hinten gerückt. „Aber das Klima duldet keinen Aufschub“, betont Kemfert – nach außen emotional nahezu ungerührt, in der Aussage aber schon nahezu verzweifelt.

Die beste Quelle wird ausgebremst

Dazu trägt Wirtschafts- und Energieminister Sigmar Gabriel einen guten Teil bei. Grundsätzlich sei es ja gut, dass die zuvor zersplitterten Zuständigkeiten nun konzentriert seien in einem Ministerium. Aber es hätte nicht das Wirtschaftsministerium sein sollen, sondern ein eigenes Energiewendeministerium. Jetzt sieht die Wendeverfechterin „die Gefahr, dass Wirtschaftsinteressen zu stark in den Vordergrund rücken“.

Genauso kommt es aus ihrer Sicht. Gabriels Energiekonzept prangere einseitig die Öko-Energien als Preistreiber an. Unverständlich sei es, dass er ausgerechnet den Ausbau der An-Land-Windenergie deckeln und die Förderung senken will, jene erneuerbare Quelle mit dem größten Potenzial. „Das kann sich wirtschaftlich nicht mehr rechnen“, sagt Kemfert. Dazu die von Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer gewünschten Abstandsregeln, die nahezu überall unerfüllbar sind – schon bitter.

Stattdessen droht die Renaissance der Kohle. Weltweit und auch in Deutschland steigt der Anteil der klimaschädlichsten Form der Stromerzeugung auf Rekordwerte. Das ist laut Kemfert augenblicklich besonders fatal. Denn ein großer Teil der Kraftwerke in Deutschland müsse binnen der nächsten zehn Jahre erneuert werden. Das heißt: die Weichen werden jetzt gestellt – für die nächsten 50 bis 60 Jahre. „Im Moment läuft es auf Kohle hinaus“, befürchtet Kemfert, die erbost ist, dass Gabriel die Betriebsräte der Kohlefirmen wichtiger sind als die – auch gesamtwirtschaftlich sehr ertragreiche – Energiewende.

Warum Kohle auf dem Vormarsch ist

Kohlestrom ist derzeit die billigste Elektrizität, weil die Umweltlasten außen vor bleiben. Das sollte eigentlich der Handel mit Verschmutzungsrechten, den CO2-Zertifikaten, verhindern. „Doch dieser Markt ist klinisch tot.“ Ausgeknockt dadurch, dass viel zu viele Zertifikate ausgegeben wurden und deshalb ein Überangebot herrscht. Mindestens 15 bis 20 Euro müssten die Zertifikate pro Tonne CO2 kosten, damit Gas- und Pumpspeicherkraftwerke, welche die Öko-Energien gut ergänzen, wirtschaftlich betrieben werden können. Derzeit kosten die Zertifikate nahezu nichts – drei Euro. Solange die EU nicht welche vom Markt nimmt – zwei Gigatonnen wären nötig –, bleibt dieses Instrument wirkungslos. Kemfert plädiert als Ausweg für nationale Grenzwerte für Kraftwerke oder eine CO2-Steuer.

Warum Gabriel bei einem Preistreiber der EEG-Umlage, den Industrierabatten, nicht eingreifen will, ist Kemfert unverständlich. „Da wird er aber nicht drumrumkommen, andernfalls wird die EU-Kommission durchgreifen.“ Brüssel klagt gegen Deutschland, weil es in der großzügigen Befreiung eine wettbewerbsverzerrende Subvention sieht. Sinnvoll sei es, jene zu befreien, die hohe Energiekosten haben und im internationalen Wettbewerb stehen, gesteht Kemfert zu. Das seien ungefähr 900 Unternehmen. Ausnahmen gibt es aber für 2700. „Dagegen muss die EU vorgehen“, sie könne gar nicht anders, meint die Professorin. Man könne die Rabatte koppeln an Effizienzmaßnahmen, also an Energieeinsparungen der Unternehmen. Dann wären Ausnahmen mit EU-Recht kompatibel.

Wenn nun die Energiekompetenz in einem Ministerium gebündelt ist, dann müsste es leichter sein, das Thema umfassend zu denken. Also auch die Gasnetze als Speicher für Energie aus Öko-Strom einbeziehen, ebenso die „gigantischen Einsparpotenziale“ und Erzeugungsmöglichkeiten aus Erneuerbaren bei Wärme. „Aber bisher kam dazu nichts“, sagt Kemfert enttäuscht.

Immerhin sieht sie den Ausbau der Stromnetze „gut im Plan“. Besonders bei den Kommunen sei Bewegung sichtbar. Den großen überregionalen Netzbetreibern wirft sie vor, jahrelang die Netze zugunsten des Gewinns vernachlässigt zu haben. Nun stünden sie vor einem Investitionsstau – auch ohne die zusätzlichen Herausforderungen der Energiewende. Doch auch sie kämen nun voran, dem Druck der Bundesnetzagentur sei Dank.

„Mit Bayern haben wir ein Problem“

Dennoch bereiten ihr Bayern und Baden-Württemberg Sorgen. Hier hinterlässt der Atomausstieg besonders große Lücken. Es müssten neue Stromerzeuger her. Bayern hatte ein gutes Konzept, findet Kemfert – bis vor kurzem. Doch jetzt gehe die Landesregierung wieder rückwärts: „Da haben wir ein Problem“, meint sie. Würde das stromhungrige Bayern bald mehr Energie erzeugen, würden die Netze entlastet beziehungsweise der Ausbau derselben nicht so üppig ausfallen müssen.

Überzeugungsarbeit ist im politischen Alltagsgeschäft schwierig. Nicht einmal im persönlichen Gespräch fällt das immer leicht – ist aber möglich. Kemfert erinnert sich an einen Taxifahrer in Berlin, der sie als „Sie sind doch die von der Energie“ erkannt habe. Er schimpfte, dass er mit seiner Stromrechnung die Fotovoltaikanlage des bayerischen Zahnarztes mitfinanziere. Kemfert riet ihm, den Stromanbieter zu wechseln und mit seinem Vermieter über eine Solaranlage zu sprechen. Eineinhalb Jahre später geriet Kemfert erneut in den Fond dieses Taxifahrers. Tatsächlich, erzählte der Mann, habe er ihre Ratschläge befolgt, der Vermieter hat mitgezogen. Und nun war der Taxler froh.

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