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Interview

Minister Bahr wickelt Tochter im Büro

Der Gesundheitsminister sprach mit MZ-Korrespondent Reinhard Zweigler über seine neue Rolle als Vater, die Praxisgebühr und das Tabuthema Pflege.

Der Geburtstag seiner Tochter war der bisher schönste Tag in seinem Leben, sagt Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) im MZ-Interview. Foto: dpa

Herr Bahr, wie geht es Carlotta und Ihrer Frau?

Beiden geht es gut. Sie haben die Geburt und die ersten Tage gut überstanden. In Deutschland ist die Versorgung sehr gut. Unsere Hebamme, die Ärzte und Schwestern haben sich toll gekümmert.

Waren Sie bei der Geburt dabei?

Ja, das wollte ich auch unbedingt. Den Anruf bekam ich im Kabinett und bin dann sofort in die Klinik gefahren. Es war der bisher schönste Tag in meinem Leben, ein wunderbares Erlebnis, die Geburt meiner Tochter mitzuerleben.

Und wie sind die Nächte des stolzen Vaters, der im Hauptberuf Minister ist?

Als Politiker bin ich kurze Nächte gewohnt. Aber nun sind die Etappen noch kürzer, man ist ständig aufmerksam. Ich bin übermüdet. Aber ich bin so verliebt in meine Tochter. Das wiegt alles auf.

Gehört das Wickeln inzwischen zu den täglichen Aufgaben des Gesundheitsministers?

Klar. Windelwechseln ist sozusagen meine Hauptaufgabe, neben Einkaufen und der sonstigen Logistik. Von den Schwestern im Krankenhaus habe ich gehört, ich würde besser wickeln als meine Frau. Mittlerweile erkenne ich das aber als eine recht durchsichtige Strategie.

Gibt es im Kanzleramt eigentlich einen Wickelraum?

Das weiß ich gar nicht. Aber in meinem Büro habe ich meine Tochter schon gewickelt.

Bleibt da für den begeisterten Marathonläufer überhaupt noch Zeit zum Joggen?

Ich bin sogar schon mit meiner Tochter gelaufen. Sie hat im Kinderwagen friedlich geschlafen. Es scheint ihr gefallen zu haben.

Warum laufen Sie, es hätte doch auch Golf, Tennis oder Segeln sein können?

Laufen können sie überall und dabei auch Städte besser kennen lernen. Laufschuhe passen in jedes Gepäck. Danach bin ich entspannter, der Puls geht runter. Ich kann konzentrierter arbeiten.

Ist es wirklich gesund, in dreieinhalb oder vier Stunden über 42 Kilometer harten Asphalt zu rennen?

Ein Marathonlauf ist wahnsinnig anstrengend, aber das Training dafür ist sehr gesund.

Zur Gesundheitspolitik. Was bleibt von vier Jahren liberaler Gesundheitspolitik, außer gut gefüllten Krankenkassen?

Eine ganze Menge. Wir haben die Bürger vom Ärgernis der Praxisgebühr befreit. Es gibt ein eigenes Gesetz für die Rechte der Patienten. Demenzkranke erhalten zum ersten Mal Geld aus der Pflegekasse. Wir haben viel getan gegen den Ärztemangel in der Fläche, damit die Menschen auf dem Lande den Landarzt nicht nur im Fernsehen erleben. Wir setzen mit dem Nationalen Krebsplan ein Projekt um, über das jahrelang nur diskutiert wurde. Damit werden wir den Krebs besser bekämpfen. Und gerade haben wir den Krankenhäusern eine Milliarde Euro zusätzlich zur Verfügung gestellt.

Mit 27 Milliarden Euro auf der hohen Kante sind die Krankenkassen aber dennoch fast zu Sparkassen geworden. Warum bekommen die Beitragszahler nicht Geld zurück, warum senken sie die Beiträge nicht?

Zuerst einmal ist es gut, dass wir nicht Defizite zu bewältigen haben, sondern Stabilität verzeichnen und auf schlechtere Zeiten vorbereitet sind. Das war lange anders. Ich rechne damit, dass Kassen weitere Prämien an ihre Versicherten ausschütten werden. Ich fordere die Kassen auch dazu auf, es ist das Geld der Versicherten. Da haben einige Kassen noch erhebliches Potenzial. Bei anderen sieht es dagegen nicht so gut aus. Deshalb wäre übrigens auch eine allgemeine Beitragsreduzierung falsch.

Sie haben einen neuen Pflegebegriff auf den Weg gebracht, aber wie viel mehr und bessere Pflege künftig kostet, sagen Sie nicht.

Das ist in erster Linie keine Kostenfrage, sondern die Frage, was man erreichen will. Es geht um zwei Millionen Pflegebedürftige, von denen soll möglichst keiner schlechter, aber viele besser gestellt werden. Das ist eine gewaltige Aufgabe. Der Pflegebeirat hat vorgeschlagen, mit zwei Milliarden Euro mehr könnte viel erreicht werden, etwa für Menschen, die bisher nur wenig oder gar keine Leistungen aus der Pflegeversicherung erhielten.

Heißt das, Gesundheitsminister Bahr gibt zwei Milliarden Euro mehr in die Pflege?

Über die Mehrausgaben wird in den Koalitionsverhandlungen nach der Bundestagswahl hart zu verhandeln sein.

Die Vorschläge des Beirates sind eine Basis, auf der auch ich stehe.

Gesetzt den Fall, Sie bleiben Minister...

Das strebe ich an. Das Amt macht mir Spaß, hier kann ich viel gestalten.

Warum genießt Pflege, ob in der Familie oder in Einrichtungen, eine so geringe Aufmerksamkeit?

Pflege und Pflegeberuf genießen ein großes Ansehen. Aber es ist zugleich auch ein Tabuthema, mit dem sich viele Menschen möglichst nicht beschäftigen wollen. Wir müssen die Pflege aus dieser Tabuzone herausholen. Ich habe deshalb die Kampagne „Ich pflege weil...“ ins Leben gerufen. Wir werben für den Pflegeberuf, der eine hohe Arbeitsplatzsicherheit bietet.

Der aber trotz eingeführten Mindestlohns immer noch relativ dürftig bezahlt wird.

Die Vergütung wurde verbessert. Wir haben gesetzlich vorgegeben, dass die Arbeitgeber eine bessere Vergütung gegenüber den Pflegekassen auch durchsetzen können.

Peer Steinbrück verspricht für eine SPD-Regierung 125 000 neue Pflegekräfte.

Wo will er sie denn hernehmen? Die gibt es derzeit nicht. Wir haben erst im Dezember einen Pakt für zehn Prozent mehr Ausbildungsplätze in der Pflege geschlossen. Auch das dritte Umschulungsjahr wird künftig von der Jobagentur bezahlt. Ich erreiche konkrete Lösungen und nicht leere Ankündigungen à la SPD.

Pflegen künftig die 70-Jährigen ihre 90-Jährigen Angehörigen?

Pflege wird immer auch eine Aufgabe der Familien und der Gemeinschaft sein. Die Menschen wollen, so lange wie möglich zu Hause gepflegt werden. Wenn Eltern, Kinder und Enkel Angehörige pflegen, dann ist das etwas Gutes. Das muss gefördert und anerkannt werden. Ich habe meiner Mutter geholfen als mein Großvater pflegebedürftig war.

Um ein Präventionsgesetz wurde jahrelang gerungen, nun soll es kommen. Was bringt es Patienten und Beitragszahlern?

Zur Solidarität im Gesundheitssystem gehört auch die Eigenverantwortung, dass jeder selbst mehr für seine Gesundheit tut. Das wollen wir fördern. Die Kassen sollen ihre Präventionsausgaben mehr als verdoppeln, für betriebliche Gesundheitsförderung sogar verdreifachen. Für Maßnahmen in sozialen Brennpunkten werden die Ausgaben sogar versechsfacht. Unterm Strich ist jede Krankheit, die durch Prävention verhindert wird, ein mehrfacher Gewinn: für den Betroffene, für die Kassen und damit für die Gemeinschaft.

Aber warum enthält das Präventionsgesetz keine Impfpflicht, etwa bei Kindern gegen Masern, Diptherie, Wundstarrkrampf?

Als Liberaler halte ich eine solche Impfpflicht immer nur für das letzte Mittel. Ich setze zuerst auf Aufklärung und Überzeugung. Die Eltern stehen in der Verantwortung für das Wohl ihrer Kinder. Zurzeit haben wir eine Impfquote bei Kindern von guten 92 Prozent, wir brauchen aber etwa 95 Prozent, damit alle Menschen geschützt sind. Sollten wir dieses Ziel bis 2015 nicht erreichen, wird die Debatte über eine Impfpflicht kommen.

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