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Kultur

Netz und Papier kommen sich näher

Schreiben und Verlegen in digitalen Zeiten – Händler, Verleger und Autoren gehen erfolgreich neue Wege, frei nach dem Motto „umarmen statt abwehren“.
Von Marianne Sperb, MZ

Die Leipziger Buchmesse hat zur Halbzeit ein deutliches Besucherplus verzeichnet. An den ersten beiden Messetagen seien 68 000 Gäste gezählt worden, 4000 mehr als 2013, teilten die Veranstalter mit. Foto: dpa

Leipzig.Leipzig feiert das gedruckte, gezeichnete und gesprochene Buch. Beim großen Branchentreffen 2013 klopften sich die Besucher vor den Eingängen der Messehallen den Schnee von den Füßen und blickten düster auf wegbrechende Umsätze. 2014 herrscht Frühlingswetter und die Stimmung ist prächtig. Die Umsätze steigen behutsam und die Gefahr aus dem Onlinehandel wirkt weniger bedrohlich als vor einem Jahr. Das elektronische Buch pflanzt sich rasant fort. Bookwire etwa, der eBook-Vertriebsspezialist, hatte vor einem Jahr noch 15 000 Titel gelistet, inzwischen sind es mehr als 30 000, rekapituliert Marketingchefin Frayke Prayon.

Die Klassiker der Branche stellen sich in Leipzig auf verschiedenen Ebenen auf eBook und Interkauf ein und proben die Strategie „umarmen statt abwehren“. Stationärer Handel und Verlage erforschen Wege, sich im Netz effektvoller zu präsentieren und gleichzeitig als Begleiter und Berater vor Ort Terrain zu festigen. Im Fachprogramm der Messe betrachteten Händler, Verleger und Autoren Instrumente über das Schreiben und Verlegen in digitalen Zeiten. Von Transmedia Storytelling über multimediale Learning-Lösungen für Bildungsverlage bis zu Geldbeschaffungskampagne per Crowdfunding: Trendforscher, Verlagsmanager und Branchenexperten präsentierten neue Modelle für das Buchbusiness von Morgen.

Junge Kundschaft

Die analoge und die digitale Welt durchdringen sich. Ein Beispiel: Es gibt das Buch als App, aber auch den App-Roman als Buch. Die Buchwelt geht auf das Internet zu – aber das Netz tritt auch dem Papier näher, zu sehen bei Amazon: Der Internetriese startet ein deutschsprachiges Verlagsprogramm. Der Konkurrent wird Belletristik als eBook bei Kindle und im Print bei Amazon anbieten. Leipzig diskutierte die Ankündigung intensiv. Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, hält das neue Angebot für einen Abklatsch der Verlage. Die 360-Grad-Betreuung der klassischen Häuser kann es nicht bieten.

Die Jugend liest. 2013 nahm der Umsatz der Kinder- und Jugendbücher um 1,3 Prozent zu, der Anteil der Sparte am Branchenumsatz insgesamt liegt bei 17,4 Prozent und jede zehnte Neuerscheinung ist ein Buch für die sehr jungen Menschen. Sie schätzen das gedruckte Wort und Bild, ohne ihre Internetaffinität abzulegen: Darüber, welches Buch doof ist und welches cool, tauschen sich vor allem jüngere Leser dann wieder im Netz aus. Immer mehr Spezialportale etablieren sich als Literaturclubs.

In Leipzig ist der gute Rat zum Buch live zu haben, von einem sehr körperhaften und lebendigen Denis Scheck. In seinem Überblick zu den Neuerscheinungen der Saison rät er zu Fritz J. Raddatz, dem „Eitelkeitsmonster“, der in seinen Tagebüchern ein großes Lamento über das Altern und den Kulturverfall anstimmt, aber doch kundig wie kaum einer das geheime Betriebssystem der Literaturbranche ausleuchtet. Aus den diversen Publikationen zum Shakespeare-Jahr greift Scheck die zweisprachige Ausgabe des Shakespeare-Titans Frank Guenther heraus, der das Werk des großen Entertainment-Unternehmers der Renaissance fast vollständig übersetzt hat und ein beseligendes Erlebnis ermöglicht.

Denis Schecks Sondertipp

Eine warme Empfehlung gilt dem neuen Jonathan Frantzen. In den Anmerkungen zu seinem Karl Kraus-Buch hat er seine eigenen Deutschland-Jahre – eine Art Tarnkappenbomber in Fußnoten. Denis Scheck gibt einen Sondertipp für Sybille Lewitscharoffs Katzen-Roman, der zur richtigen Zeit erscheint und eine Autorin literarisch rehabilitiert, die im Dresdner Schauspielhaus „einige blödsinnige Sätze“ gesagt hat, aber doch eine großartige Schriftstellerin bleibt. Eindringlich warnt der „Druckfrisch“-Berater vor den besonders dämlichen Publikationen der Saison. Kein Bär ist zu groß, als dass er nicht zwischen zwei Sachbuchdeckel gebunden werden könnte. Den Beweis legen zwei US-Ärzte vor, die in „Healing Code“ erklären, wie mit Handauflegen und Glaube jede Krankheit binnen Sekunden zu besiegen ist. Die Ergüsse der Eisenbart-Nachfolger sind so hanebüchen, beichtet Denis Scheck, „dass ich bei der Lektüre weinend beten wollte um die Rückgängigmachung meiner Alphabetisierung“.

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