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Interview

„Offenheit kann Bayreuth nur stärken“

Minister Heubisch sprach mit den MZ-Redakteurinnen Claudia Bockholt und Louisa Knobloch über kulturpolitische Zankäpfel und universitäre Konkurrenz.
Von Claudia Bockholt und Louisa Knobloch, MZ

„Die Freiheit der Kunst ist ein hohes Gut“: Wer in Bayreuth singt, sei nicht Sache des Kunstministers, sagt Dr. Wolfgang Heubisch. Foto: altrofoto.de

Der Sänger Evgeny Nikitin ist wegen Nazi-Tattoos aus der „Holländer“-Produktion geflogen. War das richtig?

Ich habe kurz vor der Eröffnung der Festspiele noch länger mit Katharina Wagner gesprochen und sie hat mir das nochmal dargestellt. Die Freiheit der Kunst ist ein hohes Gut und Ich kann doch nicht sagen das war gut oder schlecht, sondern das war deren Entscheidung, wohl auch im Zusammenwirken mit dem Sänger. Ich weiß nur, dass er in München auftreten wird, das hat Herr Bachler sehr deutlich gemacht. es kann nicht sein, dass der Kunstminister sagt: Du machst gute Kunst und du machst schlechte Kunst, indem der eine einen Sänger auslädt und der andere, in diesem Fall Staatsoper-Intendant Nikolaus Bachler, sagt, jetzt will ich den erst recht bringen.

Aber es war ja keine künstlerische Entscheidung. Es ging um ein Symbol, das in Bayreuth, und nicht nur dort, nicht geduldet wird.

Es ging um ein deutliches Symbol, das man allerdings gar nicht mehr gesehen hat. Es gab noch andere, deren ideologischen Hintergrund die meisten gar nicht kennen. Aber, wie gesagt, dies ist eine Entscheidung, die in Bayreuth so getroffen wurde und die ich so zur Kenntnis nehme.

Jetzt hat auch Kulturstaatsminister Bernd Neumann gefordert, dass die Familie Wagner „umfassend“ über ihre NS-Vergangenheit aufklärt.

Ich bin am Mittwoch extra früher nach Bayreuth gefahren und habe mir die Ausstellung „Verstummte Stimmen“ über die Vertreibung der Juden aus der Oper angesehen. Das Thema ist hervorragend aufgearbeitet. Die Ausstellung ist wichtig und die Schwestern Wagner möchten, dass sie dauerhaft in Bayreuth bleibt.

Reicht so eine Ausstellung aus?

Ich kann nachvollziehen, dass eine Familie sich schwer damit tut zu sagen, dass ein Vorfahr ein Anhänger der Nationalsozialisten war. Ich sage aber ganz klar: Die Familie ist dabei, ihre Rolle in der Vergangenheit aufzuarbeiten. Das zeigt auch die derzeitige Ausstellung „Verstummte Stimmen“ am Grünen Hügel über das Schicksal jüdischer Künstler und Künstlerinnen in Bayreuth. Und wer offen mit seiner Vergangenheit umgeht, der wird gestärkt aus diesem Prozess hervorgehen, weil er nicht mehr angreifbar ist. Wenn Herr Neumann meint, es ihr über die Presse nochmal besonders ins Stammbuch schreiben zu müssen, ist das seine Entscheidung.

Eine Debatte gibt es derzeit auch um das in Regensburg beheimatete Bayerische Jazzinstitut. Ihr Ministerium ist am Ende recht radikal vorgegangen im Versuch, diesen Streit beizulegen.

Wir haben vielfach versucht, Gespräche mit dem neuen Vorstand der Landesarbeitsgemeinschaft Jazz in Bayern (der Trägerverein LAG des Instituts, Anm. d. Red.) zu führen. Wir hatten den Eindruck, dass in der neuen Führung gewisse Eigeninteressen im Vordergrund stehen. Unser Ziel war, in Abstimmung mit der Stadt, das Institut in Regensburg zu erhalten. Weil Wir hatten noch einen anderen Vorschlag, den Verband der Musikschulen dort miteinzubeziehen. Regensburg hat jetzt einen anderen Vorschlag gemacht. Wir sind da offen. der Freistaat Bayern es kräftig mitfinanziert, möchte ich schon gerne wissen, was da los ist.

Herr Geißler, der nun zurückgetretene Vorsitzende der LAG, hat sich in einem Schreiben beklagt, dass Sie das Gespräch mit ihm verweigert hätten.

Der zuständige Ministerialrat Herbert Hillig ist in allen Gremien drin, ist in ganz Bayern unterwegs, kennt jeden persönlich. Es gibt keinen Kompetenteren. Die LAG hat ein Gespräch mit ihm bedauerlicherweise abgelehnt. Für Grundlagengespräche ist der Minister da nicht nötig. Ich weiß, dass die Stadt Regensburg das Institut behalten will und dem trage ich Rechnung. Ich lege aber Wert darauf, dass es weder ein Regensburger noch ein Oberpfälzer Modell wird, sondern dass die Wirkung des Jazzinstituts auf ganz Bayern ausstrahlt.

Also soll es, wie von Ihnen geplant, unter das Dach des Verbands der Bayerischen Sing- und Musikschulen schlüpfen?

Das ist aber noch offen. Die Stadt Regensburg kann sich ja auch ein eigenes Trägermodell vorstellen.

Im Moment sind die Gelder noch eingefroren?

Die erste Tranche ist überwiesen worden, bei der zweiten wird gewartet, wie sich die Trägerschaft entwickelt. Wenn alles im Konsens mit der Stadt geklärt ist, wird die zweite Tranche überwiesen. Rücklagen sind gebildet, so dass ich davon ausgehe, dass die Mitarbeiter natürlich ihre Gehälter bekommen.

In welchem Zeitraum erwarten Sie, dass sich da etwas bewegt?

Bis zum Herbst muss das stehen. Es gibt ja auch keinen Dissens mit Regensburg. Ich habe den Oberbürgermeister immer als großen Pragmatiker erlebt, darum weiß ich, dass wir beide das hinkriegen, gar keine Frage.

Vor einer Woche wurde Prof. Dr. Udo Hebel zum neuen Rektor der Universität Regensburg gewählt. Hat es Sie überrascht, dass der bisherige Amtsinhaber Prof. Dr. Thomas Strothotte nach nur einer Amtszeit abgewählt wurde?

Die Wahl ist ein hochschulinterner Vorgang. Ich habe das zu konstatieren und werde es auch nicht kommentieren. Selbstverständlich werde ich mit dem neuen Rektor vertrauensvoll zusammenarbeiten und wünsche ihm für seinen Amtsantritt alles Gute. Ich stelle nur ganz neutral fest, dass die Regensburger gute Erfolge hatten in den vergangenen vier Jahren und bin zuversichtlich, dass dies auch in Zukunft so sein wird.

Sie haben keine Bedenken, dass sich daran in Zukunft etwas ändern könnte?

Nein. In einem Punkt sind sich der alte und der neue Rektor sogar ähnlich: Herr Strothotte hat in Kanada studiert und Herr Hebel ist Amerikanist – das Thema Internationalisierung wird also weiter hier in Regensburg bleiben. An der Hochschule Regensburg informieren Sie sich über den berufsbegleitenden Bachelorstudiengang Systemtechnik. Aktuell gibt es 15 solcher berufsbegleitenden Bachelorstudiengänge in Bayern. Wollen Sie das Angebot ausbauen?

Ich bin sehr daran interessiert, das auszubauen. Wir müssen auch entsprechende Firmen akquirieren und das wird auch mehr und mehr aus dem Mittelstand heraus erfolgen. Ich bin da sehr offen und halte das für ein sehr gutes Modell.

Sehen Sie Studiengebühren von rund 2000 Euro pro Semester als Hürde, ein solches Studium in Angriff zu nehmen?

Trotz der Diskussion über Studienbeiträge halte ich sie allgemein nicht für eine Hürde. Bei den berufsbegleitenden Studiengängen sind sie natürlich erheblich höher, weil die Sätze auf eine Vollkostenkalkulation abgestellt sind. Das Angebot soll ja nicht zulasten der normalen Studiengänge gehen. Da ist es natürlich gut, wenn Firmen dahinterstehen, die diese Kosten für ihre Mitarbeiter übernehmen. Ich glaube, dass das zunehmen wird – die Firmen haben ja auch Interesse dran, ihre Leute zu motivieren. Von einem Vorgesetzten für ein berufsbegleitendes Studium vorgeschlagen zu werden, zeigt einem ja, dass man als sehr guter Mitarbeiter erkannt worden ist.

Sie haben auch das Uniklinikum besucht. Die Regensburger möchten künftig, wie München, Lungen transplantieren dürfen. Gibt es hier schon eine Entscheidung?

Wir müssen uns überlegen, wo wir in Bayern was machen. Dass die Regensburger bei Transplantationen erfolgreich sind, steht außer Zweifel. Wenn eine so qualitativ hochstehende Arbeit gemacht wird, bin ich auch offen, das zu erweitern – wenn es aus gesamtbayerischer Sicht Sinn macht. Ich kann aber nicht an jedem Universitätsklinikum alles transplantieren, das ist auch eine Frage der Kosten. Der Weg spielt da nicht die entscheidende Rolle. Es werden mittlerweile ja sogar Lebern ins Ausland transportiert. Innerhalb Bayerns sind wir heute mit Autobahnen so gut ausgestattet, dass wir sehr schnell überall sind.

Aber bei einer Lunge muss es schon schneller gehen als bei einer Leber.

Richtig. Aber ist der Weg zwischen München und Regensburg oder dem Bayerischen Wald, der ja hier mit abgedeckt wird, zu weit? Das glaube ich nicht. Bei den Lungentransplantationen handelt es sich zudem um Fälle, von denen bekannt ist, dass sie irgendwann anstehen, weil die Lunge über Jahre hinweg immer kränker wurde. Es laufen Gespräche mit allen fünf bayerischen Universitätskliniken und man muss zu einer gemeinsamen Lösung kommen, wer was wo macht. Den einfachsten Weg zu gehen – wir bieten alles überall an – halte ich nicht für zielführend in dieser extrem teuren Transplantationschirurgie.

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