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Papst-Beobachter: Kette von Krisen

Der Vatikan-Journalist Marco Politi zieht bei einem Zwischenstopp in Regensburg eine pessimistische Zwischenbilanz des Pontikats Benedikt XVI..
Von Christine Schröpf, MZ

Marco Politi betrachtet das Pontifikat Beneditks XVI. kritisch. atrofoto.de

Regensburg.Der Vatikan-Journalist Marco Politi ist von der Schwäche des Pontifikats Benedikts XVI. überzeugt. „Joseph Ratzinger hätte nicht Papst werden dürfen“, zählt zu den Thesen, die er in seinem neuen Buch vertritt, das Ende des Monats in Deutschland erscheint. Defizite sieht der 65-Jährige unter anderem beim Umgang des Kirchenoberhaupts mit den traditionalistischen Piusbrüdern oder bei der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals. Die Vatileaks-Affäre – geheime Dokumente wurden in diesem Jahr der Öffentlichkeit zugespielt – ist für Polti nur das vorläufig letzte Symptom einer Amtszeit der verpassten Chancen, wie er Sonntagabend in Regensburg sagt. In den vergangenen Jahren habe es keinen Papst gegeben, der soviele Krisen auch selbst ausgelöst oder verstärkt habe.

Politi war auf Einladung der Organisationen „Wir sind Kirche“, des Vereins Laienverantwortung und des Aktionskreises Regensburg in die Domstadt gekommen. Am 11. November hatte er seine Vortragsreihe durch Deutschland gestartet. Regensburg war die sechste Station - ein Ort mit besonderen Beziehungen zum Oberhaupt der weltweit 1,1 Milliarden Katholiken. Joseph Ratzinger hatte hier als Theologieprofessor gelehrt. Sein Bruder Georg war Domkapellmeister und Leiter der Regensburger Domspatzen und lebt noch immer hier.

Es war Politis zweiter Aufenthalt in der Domstadt. 2006 war er schon einmal hier, verfolgte beim Papstbesuch die Rede an der Universität, die für großen Aufruhr in der islamischen Welt sorgte. Sie markiert für den Journalisten den Ausgangspunkt für die Kette der Krisen. „In Regensburg hat es angefangen.“ Hier habe sich erstmals gezeigt, dass Benedikt XVI. zwar ein großer Denker und ein oft bewegender Prediger sei, sich aber „seiner Rolle als geopolitischer Leader“ nicht bewusst sei. Es fehle ihm an Fingerspitzengefühl, er umgebe sich auch nicht mit politisch denkenden Ratgebern. Erhalte er dennoch Warnungen, höre er nicht darauf. Dies sei Teil des „Ratzingerianischen Führungsstils“, so der Vatikan-Journalist. Papst-Sekretär Georg Gänswein, der anders als seine Vorgänger keine aktive eigene politische Rolle einnehme, verschärfe die Situation dadurch ungewollt. Auch von ihm erhalte Benedikt XVI. nicht die fehlenden Außenansichten. „Die Einsamkeit des Papstes wird dadurch unterstrichen.“

Dies sei fatal, gerade in einer Zeit, in der die Kirche im Umbruch stecke und Antworten auf wichtige Fragen finden müsse. Politi sprach von drei speziellen Herausforderungen: Zum einen sei weltweit großer Priestermangel zu registrieren, in vielen Gemeinden fehle ein eigener Pfarrer. „Das ist ein historisches Problem.“ Zudem müsse die Rolle der Frau in der Kirche neu definiert werden. Es sei ein Alarmsignal, dass die Zahl der Ordensschwestern in den vergangenen sechs Jahren um 45 000 zurückgegangen sei. „Sie sind eigentlich der Stoßtrupp der katholischen Kirche.“ Politi verwies auf die Arbeit, die sie in Diözesen, Pfarreien und Krankenhäusern leisteten. Drittens lasse die Bindungskraft der von Rom vermittelten Glaubensinhalte gerade bei jungen Menschen nach. Man glaube an Gott, aber nicht mehr an die Kirche.

Politi spricht von einer Stagnation im Vatikan. Bei den Besuchern im Saal - viele von der Kirche in Deutschland enttäuscht - trifft sein pessimistische Sichtweise den Nerv. Im Diskussionsteil wird der Journalist gefragt, warum Benedikt XVI. den früheren Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller als Präfekt der Glaubenskongregation nach Rom holte. Politi verweist auf das enge Vertrauensverhältnis und eine völligen Übereinstimmung in theologischen Fragen zwischen beiden Kirchenmännern. Von Müller erwarte der Papst aber vor allem größere Öffentlichkeitswirksamkeit, als von seinem aus den USA stammenden Amtsvorgänger William Joseph Kardinal Levada. Dieser sei als zu „farblose Figur“ eingeschätzt worden.

Politis Buch trägt den Titel „Benedikt - Krise eines Pontifikats“ (Rotbuch-Verlag). Der 65-Jährige mit deutscher Mutter hat zehn Jahre in München gelebt. 20 Jahre lang arbeitet er als Vatikan-Journalist für die italienische Tageszeitung „La Repubblica“, inzwischen ist er zu „Il Fatto Quotidiano“ gewechselt.

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