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Missstände

„Pflegeboss“ will das Schweigen brechen

Missstände in Altenheimen dürfen nicht länger vertuscht werden, sagt BRK-Chef Leonhard Stärk im MZ-Interview – und gibt seinem schärfsten Kritiker Recht.
Von Maria Gruber, MZ

  • Heimbewohner müssten oft stundenlang warten, bis ihnen Pflegekräfte zu trinken geben, volle Windeln würden lange nicht gewechselt – nicht nur der Münchner Pflegekritiker Claus Fussek erhebt schwere Vorwürfe. Foto: dpa
  • Leonhard Stärk im Interview mit der Mittelbayerischen Zeitung: Der Landesgeschäftsführer des Bayerischen Roten Kreuzes will mehr Transparenz im System Pflege – etwa durch die Offenlegung von Bilanzen. Nur tut auch er sich schwer, den ersten Schritt zu gehen. Foto: Stefan Gruber

Regensburg.Es ist nicht gerade die große Stärke der Träger von Alten- und Pflegeheimen, mit Missständen in den eigenen Einrichtungen offen umzugehen. Dass es solche gibt, lässt sich jedoch kaum abstreiten. Kürzlich hat die Anti-Korruptions-Organisation Transparency Deutschland schwere Vorwürfe gegen Betreiber von Pflegeheimen und -Diensten erhoben. In einer – wohlgemerkt hochumstrittenen – „Schwachstellenanalyse“ ist von gezielt knapper Personalausstattung bei Pflegekräften, gefälschten Dokumenten, Abrechnungsbetrug und der Zweckentfremdung von Geldern die Rede. Kurzum: Transparency zufolge lädt das deutsche Pflegesystem geradewegs zu Betrug und Korruption ein.

Unzählige Beweise für Missstände in der Pflege hat auch der Münchner Pflegekritiker Claus Fussek gesammelt und in seinem Buch „Es ist genug! Auch alte Menschen haben Rechte“ zusammen mit dem SWR-Pflegeexperten Gottlob Schober veröffentlicht. Alte Menschen würden mit Druckgeschwüren vor sich hinsiechen, müssten stundenlang warten, bis ihre volle Windel gewechselt oder ihnen zu trinken gegeben wird. Fussek und Schober bezeichnen das, was in manch einem Pflegeheim passiert, als „Folter“. Eine „Allianz des Schweigens“ von „Pflegebossen“, Kassen, Ärzten und Pflegern verhindere jedoch, dass solche Missstände ans Licht kämen.

„Fussek hat in weiten Teilen Recht“

Leonhard Stärk, Landesgeschäftsführer des Bayerischen Roten Kreuzes, ist einer dieser „Pflegebosse“ – und kommt in Fusseks und Schobers Buch dementsprechend schlecht weg. Stärk gibt im MZ-Interview offen zu: „Im System Pflege war man bis jetzt nicht gewohnt, offen mit Fehlern und Mängeln umzugehen“, sagt der BRK-Landesgeschäftsführer. Stärk will das Schweigen brechen – und wünscht sich, dass das Vertuschen und Verharmlosen von Missständen insgesamt ein Ende hat. „Ich bin einer dieser Pflegebosse, ich bin einer der Verantwortlichen und ich sage Ihnen: Claus Fussek hat in weiten Teilen Recht“, sagt der BRK-Chef. „Vor drei Jahren hätte ich noch gesagt, das, was Fussek beschreibt, sind Einzelfälle, sowas passiert bei uns nur in Ausnahmefällen. Heute aber habe ich einen anderen Eindruck. Wenn einer sagt: ‚Im Altenheim gibt es keine Mängel’ – der ist nicht von dieser Welt.“

Stärk erklärt, wie es zu diesem Sinneswandel kam: Anfang 2011 war bekanntgeworden, dass in einem Heim der Sozialservice-Gesellschaft, einer BRK-Tochter in Augsburg-Haunstetten, Bewohner von einem Pfleger misshandelt und sexuell missbraucht worden waren. Daraufhin habe Stärk BRK-Mitarbeiter gebeten, ihn über Vorfälle in Heimen zu informieren anstatt sich an die Presse oder Fussek zu wenden. Das Ergebnis: 60 Beschwerden. „Ich konnte nicht glauben, dass wir so viele Missstände haben. Da ist Druck im System. Und nicht nur bei uns.“

60 bis 70 Prozent der Beschwerden seien solche über die Führung des Altenheims und den Umgang des Personals miteinander gewesen. Die Mitarbeiter hätten jedoch auch über zu wenig Zeit für die Pflege, zu wenig Anleitung durch die Pflegedienstleitung und „frisierte Pflegedokumentation“ geklagt. Stärk: „Die Mitarbeiter sind unter einem Wahnsinns-Druck und können heute ihre Arbeit nicht mehr ordnungsgemäß abliefern.“ So sei unter den momentan herrschenden Rahmenbedingungen menschenwürdige Pflege nicht mehr möglich. „Dass wir nicht jeden Tag einen Skandal haben, liegt daran, dass wir Leute haben, die mehr machen, als sie müssen. Die machen Überstunden und federn Dinge ab, die das System nicht mehr trägt“, ist Stärk überzeugt.

„Würde gerne Bilanzen vorlegen“

Mehr Personal könne nicht eingestellt werden, da die zuständigen Stellen den Heimen die Kosten dafür nicht erstatteten. Stärks Forderung an die Landespolitik: den Personalschlüssel erhöhen und flexibilisieren – und das dringend. „Im nächsten Jahr muss etwas passieren. Wir brauchen schnelles Handeln.“ Bis zur Umsetzung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs könne man nicht warten. 2014 stehe die Dynamisierung der Pflegeversicherungsleistungen an. „Wenn die Politik das nicht nutzt, um mehr Geld ins System zu geben, wird eine Chance vertan.“

Die Pflegelandschaft habe sich stark verändert, erklärt Stärk. „Die Leute sind multimorbider, sie sind älter, die Demenz hat um ein Vielfaches zugenommen, genauso wie der Aufwand in der Pflege. Doch wir arbeiten mit einem 15 Jahre alten Pflegeschlüssel und machen die Arbeit mit dem gleichen Personal wie vor zehn Jahren.“ Im selben Zeitraum habe sich die Dokumentation verdoppelt. Gut 50 Prozent der Zeit müsse eine Pflegekraft dafür aufbringen. „Diese Zeit fehlt für die Arbeit am Menschen. Das kann nicht gutgehen.“ Die Politik aber scheue sich davor, der Gesellschaft beizubringen, dass mehr Beiträge für die Pflegeversicherung gezahlt werden müssten. Mehr Geld ins System – solche Forderungen halten Kritiker wie Claus Fussek für Augenwischerei. „Wer seine Bilanzen und Zahlen nicht veröffentlichen will, der kann nicht immer höhere Leistungen fordern“, schreibt er. Nur so könne aber gewährleistet werden, dass die Mittel bei den Menschen ankommen und nicht in Verwaltungsstrukturen versickerten. Das weist Stärk zurück: „Ich kann Ihnen nachweisen, dass nur die Hälfte der 150 BRK-Heime schwarze Zahlen schreibt. Was wir übrig haben, wird in die Einrichtungen investiert.“

Die Forderung nach mehr Transparenz unterstützt Stärk aber – wenn auch mit einer Einschränkung: „Ich würde gerne Bilanzen vorzeigen, um zu zeigen, dass das lange schon kein Geschäft mehr ist, mit dem man Geld verdient. Mir ist schon klar, dass man nicht ständig mehr Geld verlangen kann, wenn man nicht sagt, wohin es fließt.“ Die anderen Heimträger müssten dann aber auch ihre Bücher offenlegen. Nur: Den ersten Schritt will auch der BRK-„Pflegeboss“ nicht tun.

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