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Menschenrechte

Pussy Riot hofft auf Milde

Das Urteil gegen die drei Musikerinnen der russischen Punkband Pussy Riot fällt erst in einer Woche. Sorgen die weltweiten Proteste für eine Wende im Prozess?
Von Ulrich Heyden, MZ

Das Urteil gegen Nadezhda Tolokonnikova, Maria Aliokhina and Yekaterina Samutsevich (v.l.) wird am 17. August fallen. Foto: dpa

Moskau. Moskau. Was wird aus den drei Frauen von Pussy Riot? Ganz Russland will wissen, was aus Nadjeschda Tolokonnikowa, Mascha Aljochina und Jekaterina Samuzewitsch wird. Gestern sprachen die Angeklagten ihr „letztes Wort“. Auf den Zuschauerbänken im Gerichtssaal gab es Applaus, als die Angeklagte Nadeschda in emotionalen, freien Rede von einem „imitierten Prozess“ sprach und ihre „oppositionelle Kunst“ verteidigte. Doch dann gab die strenge Richterin, Marina Syrowa, die sich mit den Anwälten der Angeklagten schon so manches laute Wortgefecht geleistet hatte, überraschend bekannt, das Urteil werde erst am 17. August verkündet. Durch diese Kunstpause soll sich offenbar die internationale Aufregung legen.

Die Angeklagten hoffen dagegen, dass sich die Aufmerksamkeit für ihren Fall positiv auswirkt. Am Dienstag forderte der Staatsanwalt für alle drei Frauen drei Jahre Arbeitslager. Mark Fejgin, der Anwalt der Aktivistinnen, warnte aber, „die Praxis zeigt, dass das Gericht nicht häufig von der Forderung des Staatsanwaltes abweicht.“ Larisa Pawlowa, die Anwältin der „Geschädigten“ – Altardiener und Kirchenbesucher –, hatte am Dienstag in ihrem Schluss-Plädoyer ein hartes Urteil für die drei Frauen gefordert. Die Besetzung des Altars in der Christi-Erlöser-Kirche sei „gründlich vorbereitet“. Und Pawlowa meinte zu wissen, dass die Aktivistinnen bereit sind, „in andere Kirchen und vielleicht auch in Moscheen und Synagogen einzudringen.“ Im Saal wurde vereinzelt gelacht, denn diese Prognose schien maßlos übertrieben. Immerhin kritisiert Pussy Riot nur die enge Zusammenarbeit zwischen Kreml und russisch-orthodoxer Kirche. Als Pawlowa dann den Feminismus als „tödliche Sünde“ bezeichnet, ging ein Raunen durch die Zuschauerbänke. Für die Anwältin der „Geschädigten“ ist Feminismus offenbar eine sexuelle Orientierung.

Für ihr Punk-Gebet könnten die Frauen theoretisch zu sieben Jahren Arbeitslager verurteilt werden. Die „sieben Jahre“ geisterten unwidersprochen durch die russische Presse, bis Wladimir Putin Ende letzter Woche während erklärte, man solle die Frauen „nicht streng bestrafen“. Das hörte sich nach Milde an. Und sogar einige der „Geschädigten“, die am 21. Februar das Punk-Gebet in der Christi-Erlöser-Kathedrale miterlebten, forderten nur Bewährungsstrafen von zwei Jahren.

Angespannte Atmosphäre im Saal

Doch Staatsanwalt Aleksandr Nikiforow wollte von Milde nichts wissen. Die drei Frauen hätten sich nur für ihre Aktion entschuldigt, nicht aber „für die Kränkung, die sie den russisch-orthodoxen Gläubigen zugefügt haben.“ Eine „Besserung“ der Angeklagten sei nur möglich „in der Isolation von der Gesellschaft, in einem Arbeitslager.“

Die Atmosphäre im Gerichts-Saal ist angespannt. Vier Polizisten sind im Raum und drei Männer der Gerichts-Wache in schwarzen Kampfanzügen, mit schusssicheren Westen und Gummiknüppeln. Angeklagte und Zuschauer werden von Sicherheitskräften misstrauisch beäugt. Sobald eine der Online-Journalistinnen ihr Handy für besseren Empfang nach oben hält, wird sie angewiesen, es herunterzunehmen. Für Belustigung, aber auch Angst sorgt der Polizei-Hund – ein Rottweiler – der bei jeder Verhandlung im Saal ist. Wozu, bleibt unklar.

Manchmal lächeln die Frauen in dem braunen Glaskäfig – insbesondere dann, wenn der Staatsanwalt oder Verteidiger der Geschädigten ihre Vorwürfe darlegen. Manchmal ist das Lächeln spöttisch, manchmal stolz. Meist aber gucken sie sehr ernst. Sie verfolgen die Reden oder schreiben an ihren Verteidigungsreden. Sie sehen blass aus. Sie haben während des Prozesses wenig geschlafen und nur unregelmäßig zu essen bekommen. Die Anwältin Violetta Wolkowa spricht gar von Folter und dem Versuch, die drei Frauen zu brechen. Nadjeschda Tolokonnikowa wirkt sehr stolz. Als die 22-jährige Angeklagte am Dienstag aus dem Saal geführt wird, geht sie aufrecht. Sie lächelt nicht – im Gegensatz zum Lockenkopf Mascha Aljochina, die noch ein paar scherzende Worte mit Anwalt Mark Fejgin wechselt. Die 24-jährige ist die lebhafteste. Die dritte im Bunde, Jekaterina Samuzewitsch, 29 Jahre alt, ist von stillerer Natur. Sie lächelt häufig in sich hinein – etwa, als einer der Verteidiger der „Geschädigten“ in Anspielung auf die Protestbewegung von einem „kalten Bürgerkrieg“ in Russland spricht.

Gut 60 Zuschauer drängen sich täglich auf den vier Bankreihen. Um einen Platz zu bekommen, muss man sich eine Stunde vor Beginn des Prozesses anstellen, denn der Ansturm ist enorm. Fast jeder vierte Besucher hat einen Laptop dabei. Die ganze Welt wird aus dem Gerichtssaal mit Neuigkeiten versorgt. Führende russische Nachrichtenagenturen und Kreml-kritische Zeitungen berichten im Minuten-Rhythmus über den Verlauf des Prozesses. Dass Madonna sich mit Nadja, Mascha und Katja, solidarisierte, berichtete sogar das staatliche russische Fernsehen. Die russische Gesellschaft ist gespalten ist. Eine Minderheit meint in Umfragen, die Frauen hätten nur zu einer Arbeit in einer sozialen Einrichtung verurteilt werden dürfen. Fast die Hälfte meint, die Tat sei mit fünf Monaten Untersuchungshaft gesühnt. Doch ein anderer Teil der Bevölkerung fordert strenge Bestrafung, bis hin zum Arbeitslager. Eine Gläubige aus Nowosibirsk will eine Entschädigung von 30.000 Rubel (750 Euro), weil sie sich geschädigt fühlt.

„Freiheit für Pussy Riot“

In der ersten Bankreihe sitzen zwei Grauhaarige. Es sind die Eltern von Katja. Stanislaw Olegowitsch ist ein ruhiger und zurückhaltender Mann. Doch in einer Verhandlungspause versucht er auf der Treppe des Gerichtsgebäudes, den Altardiener Pawel Schelesnjow zur Rede zu stellen. „Wollen sie, dass meine Tochter ins Arbeitslager kommt?“, fragt der alte Mann den Altardiener aus der Christi-Erlöser-Kirche ungehalten. Dieser hatte während der Verhandlung strenge Strafen gefordert und erklärt, die Erlöser-Kirche sei „von unseren Vorfahren nicht nur gebaut worden, um zu beten“, sondern auch, um dem russischen Volk eine „Immunität gegen äußere Feinde“ zu geben. Auf der Treppe tut der schmächtige junge Mann mit dem rotblonden Haaren so, als ob er die Frage des Vaters nicht gehört habe und entfernt sich schnellen Schrittes.

Vor dem Gericht werden die Anwälte von Journalisten und Freunden der Frauen mit Applaus begrüßt. In die Gruppe von 200 Menschen kommt Bewegung, als der Minibus mit den Frauen den Hof des Gerichts verlässt. „Swobodu Pussy Riot“ („Freiheit für Pussy Riot“) schallen Sprechchöre durch die Gasse. Ein Anwohner beobachtet das Treiben. Der Geschäftsmann glaubt nicht an ein hartes Urteil und ist sicher: „Putin will nicht Assad sein.“

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