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Ausstellung

Realismus in vielerlei Spielarten

Werke von 85 Künstlern aus Ostbayern präsentiert die äußerst abwechslungsreiche 87. Jahresschau des Kunst- und Gewerbevereins in Regensburg.
Von Ulrich Kelber, MZ

  • Der Kunst- und Gewerbeverein hat dem Maler Stefan Bircheneder den Kunstpreis 2013 für sein Bild „Buntgas“ zuerkannt. Foto: altrofoto.de
  • Alfred Kainz’ „Becken“ zieht neugierige Blicke auf sich. Foto: altrofoto.de
  • „Ordnung und Chaos IXX“ des Bildhauers Joseph Stephan Wurmer Foto: altrofoto.de
  • Politische Kunst: Maximilian Meiers Drecksäckchen mit dem Titel „Für Seehofer“ Foto: altrofoto.de
  • Albert Prechtls „Bei der Arbeit“ Foto: altrofoto.de

Regensburg.Seit vielen Jahren gehört Josef Mayer zu den regelmäßigen Teilnehmern bei den Ausstellungen im Regensburger Kunst- und Gewerbehaus. Die Bilder des inzwischen 74 Jahre alten Malers aus dem niederbayerischen Landau wirkten dabei oft ein bisschen verloren und exotisch: ein einsamer Realist, während die Abstrakten dominierten. Das hat sich gründlich geändert. Dieses Mal fällt Mayers Gemälde – das mit akribischer Präzision dargestellte Interieur eines venezianischen Hotelzimmers – gar nicht mehr besonders auf. Bei der Jahresschau beherrschen heute diverse Spielarten des Realismus das Feld, und das nicht allein bei der Malerei, sondern ebenso bei der Plastik. Die Neue Leipziger Schule scheint nunmehr auch die Künstler in Ostbayern zu beflügeln.

An einen Realisten ging folgerichtig der mit 1500 Euro dotierte Kunstpreis. Die Jury hatte dabei die Wahl unter 14 an der Ausstellung beteiligten Künstlern, die das Vergabe-Kriterium erfüllten, jünger als 40 Jahre zu sein. Ausgezeichnet wurde Stefan Bircheneder für sein Gemälde „Buntgas“. Der zunächst als Kirchenmaler tätige Künstler hat eine Vorliebe für morbide, triste Szenen. In seinen Bildern sieht man Industrie-Ruinen, ausrangierte Gegenstände, Straßenlandschaften. Motiv des prämierten Bildes: Ein umzäuntes Gelände, auf dem Propangasflaschen lagern. Die Darstellung strebt dabei nicht die Perfektion des Hyper-Realismus an, denn der Hintergrund bleibt diffus, so dass eine verfremdende Distanz entsteht. Die dicht gedrängten Stahlflaschen wirken anthropomorph und geradezu bedrohlich.

Fotokunst stark vertreten

Zur Dominanz der Realisten trägt auch der große Bereich der Fotokunst bei. Da gibt es rätselhafte lineare Strukturen auf den großformatigen Fotos von Herbert Stolz, der in seinen Luftaufnahmen häufig seriellen Mustern nachspürt. Dann fallen durch Computerbearbeitung surreal verfremdete Landschaften auf, wie bei den Arbeiten von Johanna Obermüller oder Martin Rosner. Es gibt aber auch Versuche, die Foto-Realität aufzubrechen, etwa bei Heino Sartor, der Landschaft in diffuse Schemenhaftigkeit auflöst, oder bei Birgit Szuba, bei der die Landschaft von einem Liniengeflecht überlagert wird.

Wenn es um die menschliche Figur geht, gibt es ebenfalls recht unterschiedliche fotografische Lösungen. Bei Juliane Zitzlsperger bleibt von der Gestalt nur ein Schattenriss, bei Rainer Strobel verschwimmen die Gesichter hinter einem rasterartigen Schleier. Michael Bry zeigt sich mit seinen Impressionen vom Jazzweekend als Altmeister der Foto-Reportage. Den Kontrast dazu bildet ein Foto von Stefan Hanke, das an das Inszenierungskonzept der Neuen Sachlichkeit anknüpft: In dem Gesicht des alten Mannes, der das KZ Flossenbürg überlebt hat, zeigt sich der Schmerz der Erinnerung auf ergreifende Weise.

Jury hatte eine gute Hand

Bei der figurativen Malerei kommen häufig Ironie und Verfremdung ins Spiel, so bei Sabine Wild, Katja Barinsky, Nina Schneider oder Karin Allar, deren Bilder alle symbolbeladen und sehr effektbedacht sind. Ähnliche Tendenzen werden bei der figürlichen Plastik erkennbar wie beim skurrilen „Kentaurenbambi“ von Stefan Giesbert Fromberger oder bei der barbusigen „Sirenen-Geisha“ mit dem makabren Totenkopf-Gürtel von Regine Herzog.

Arbeiten von rund 80 Künstlern sind zu sehen. Nur 23 von ihnen waren auch im Jahr 2012 dabei. So kommt Abwechslung in die Jahresschau, wird eine Erstarrung vermieden. Dass die Jury ständig wechselt, ist sicher ein kluger Schachzug des Kunst- und Gewerbevereins. In diesem Jahr waren mit Anita Kaegi aus Berlin, Eva Schickler aus Nürnberg sowie mit Andrea Lamest, die in Kürze die Leitung des Oberpfälzer Künstlerhauses in Schwandorf übernimmt, drei renommierte Kuratorinnen für die Auswahl verantwortlich. Es ging ihnen offensichtlich darum, Schwerpunkte zu setzen und aus den eingereichten Arbeiten ein überzeugendes Ausstellungskonzept zu entwickeln.

Witzige Installationen

Das ist gut gelungen, wobei trotz der Realismus-Dominanz auch Platz für andere Aspekte bleibt. So fallen zwei witzige Installationen auf: Eine aus Plastiktüten zusammengeklebte und aufblasbare „Kuh Gloria“ von Pauline Adler sowie ein kinetisches Objekt mit scheppernden Kugeln von Tone Schmid. Und Abstraktes wird ebenfalls nicht völlig ausgeklammert. Um den Rhythmus linearer Strukturen geht es bei Peter Dorn und Astrid Schröder, ebenso bei einem Glasobjekt der Bildhauerin Christine Sabel. Eine spöttische Reaktion auf die Figuren-Renaissance lässt sich schließlich aus einem Diptychon von Peter Nowottny ablesen. Er geht hier nämlich den umgekehrten Weg, abstrahiert menschliche Köpfe, bis nur noch ornamentale und kalligraphische Formen übrig bleiben. Und das wirkt interessanter als mancher Realismus-Neuaufguss.

Katalog zur Ausstellung

Die 87. Jahresschau im Kunst- und Gewerbehaus, Ludwigstraße 6, in Regensburg dauert bis zum 12. Januar. Geöffnet ist sie Dienstag bis Sonntag von 12 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 20 Uhr. Am 24., 25. Und 26. Dezember sowie an Silvester und am Neujahrstag bleibt die Ausstellung geschlossen. Dazu erschienen ist ein umfangreicher Katalog mit zahlreichen Abbildungen.

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