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Sicherheit

Retter rufen die digitale Revolution aus

Mit jahrelanger Verzögerung ersetzen Feuerwehr, Polizei und BRK ihre analogen Funkgeräte. Die Vorteile der teueren Technik überzeugen auch Skeptiker.
Von Reinhold Willfurth, MZ

  • Martin Lottner(l.), Vizekommandant der Feuerwehr Guteneck, genießt zusammen mit seinen Kollegen die Vorzüge des Digitalfunks. Fotos: Gabi Schönberger
  • Johannes Buchhauser von der Berufsfeuerwehr Regensburg koordiniert die Einführung der neuen Technik.

REGENSBURG.. Das brikettförmige, kohlschwarze Gerät mit seiner Stummelantenne sieht aus wie ein Museums-Handy aus den frühen Neunzigern. Zehnjährige Smartphone-Besitzer würden es mit Verachtung strafen. Das Ding lädt weder Musik noch Filme herunter, und es kann auch keine #„What’s-App“-Nachrichten versenden. Was kann es überhaupt?

Zum Beispiel Leben retten. Denn was da so bleischwer auf dem Tisch von Johannes Buchhauser liegt, erleichtert die Kommunikation zwischen Polizisten, Feuerwehrleuten, Sanitätern, THWlern und anderen Rettungkräften in Bayern. Digitale Funkgeräte sollen bis in zwei Jahren in der Oberpfalz die alten Analoggeräte mitsamt deren krächzendem Ton und den gefürchteten Funklöchern ablösen.

Wie jede Revolution ist auch die Einführung des Digitalfunks eine Mammutaufgabe. Johannes Buchhauser (40), Chef der Regensburger Berufsfeuerwehr, leitet eine vom Innenministerium eingesetzte, 50-köpfige „Projektgruppe Digitalfunk“ für die südliche Oberpfalz. Zu deren Aufgaben zählt etwa, jene weißen Flecken auf der digitalen Landkarte zu beseitigen, die ein Computerprogramm noch als mögliche Funklöcher ausgemacht hat. Es sind nur mehr wenige: In Regensburg zum Beispiel könnte nur noch eine Siedlung an einem Donau-Steilufer Probleme bereiten.

Millionen in Sicherheit investiert

Lange hat die Politik gezögert, die digitale Technik einzuführen. Denn die Umstellung wird teuer. Allein die Kosten für die Ausstattung der rund 10 000 Feuerwehrmänner und -frauen im Bereich der Integrierten Leitstellte (ILS) Regensburg bewegt sich bei drei Millionen Euro.

Auch Organisationen wie BRK, Wasserwacht, Technisches Hilfswerk oder der Malteser Hilfsdienstsollen in zwei Jahren mit den neuen Geräten arbeiten. Buchhauser schätzt die Zahl der Helfer in seinem Bereich auf 33 000 – die Oberpfälzer Polizei, die eine eigene Arbeitsgruppe betreibt, ist da noch gar nicht mitgezählt.

Die Anschaffung der Geräte ist aber nur der Schlussakt der digitalen Revolution. In der Oberpfalz zum Beispiel forsten derzeit Spezialfirmen den bestehenden Wald der Funkantennen mit 102 zusätzlichen Sendemasten auf. Das ist der Preis für ein unabhängiges Netz, das potenzielle Hacker zur Verzweiflung treiben soll: Mit dreifacher Verschlüsselung kommen die Daten – nach menschlichem Ermessen – bei ihrem Adressaten an, ohne dass Unbefugte die Nachricht mithören könnten.

Wo die Analogtechnik an ihre Grenzen stößt, ist beim Digitalfunk noch lange nicht Schluss. Christian Schneiders Stimme zum Beispiel ist klar und deutlich zu vernehmen, obwohl der Regensburger Feuerwehrmann gerade aus dem Luftschutzkeller der Regensburger Zentrale funkt – umgeben von 40 Zentimeter dicken Stahlbetonwänden.

Roland Kederer ist zwar gerade nicht von Stahlbetonwänden umzingelt, wohl aber vom dicken Gemäuer des Schlosses Guteneck. Trotzdem vernimmt er die Stimme einer jungen Feuerwehrkameradin, als ob sie neben ihm stehen würde. Die Frau steht aber eineinhalb Kilometer Luftlinie von Kederer entfernt auf dem Parkplatz des Gutenecker Weihnachtsmarktes und gibt durch, dass der Akku ihres Winkers schwächele, mit dem sie die vielen Besucherautos einweist.

Für Kederer, den Kommandanten der örtlichen Freiwilligen Feuerwehr, sind die Digitalfunkgeräte, so teuer deren Einführung auch sein mag, ein Segen. Und das Schloss Guteneck (Kreis Schwandorf) ist als Trainingsgelände dafür perfekt geeignet. Mit dem Handy kommt man in dieser Gegend, in der noch große Funklöcher klaffen, nicht weit, die Schlossmauern schirmen analoge Signale gerne mal ab, und auf dem hügeligen Schlossareal überlagern sich immer wieder die Funkwellen – „großer Mist“, sagt Kederer, der Praktiker.

Zwar sind die vielen offenen Feuerstellen des riesigen Weihnachtsmarkts mit dezent versteckten Feuerlöschern ausgestattet, und die Feuerwehrleute achten akribisch darauf, dass die Fluchtwege offen bleiben. Wenn aber an den Adventssonntagen Menschenmassen in der Größenordnung einer Kleinstadt das Schlossareal fluten, dann sind die 46 Gutenecker Wehrleute, die am Wochenende im Einsatz sind, heilfroh, dass die Kommunikation untereinander perfekt funktioniert. „Schau, dass du die wieder herkriegst“, habe ihn ein langjähriger und zunächst äußerst skeptischer Floriansjünger nach dem ersten Probedurchgang mit dem neuen Gerät angefleht, berichtet der Kommandant.

Ein lahmgelegtes Netz, wie es Handynutzer an Silvester oder im Fußballstadion immer wieder erdulden müssen, gibt es beim Digitalfunk nicht. Dafür kann man jederzeit mit jedem Nutzer in hervorragender Qualität sprechen – ob dieser nun im Nebenraum sitzt oder 1000 Kilometer entfernt. Ein Vorteil sei das beispielsweise bei gemeinsamen Katastropheneinsätzen, sagt Johannes Buchhauser.

Die überragende Sprachqualität sei eine der größten Vorteile der neuen Technik, sagt auch Christian Schneider. „Sie kann sogar die Motorgeräusche einer Tragkraftspritze mit seinem lauten VW-Käfer-Motor herausfiltern“. Auch Spezialwünsche würden erfüllt: Die Polizei etwa lasse die Tonfrequenz von Schüssen aus Waffen nicht herausfiltern. Die neue Technik zeichnet exakt auf, was später bei den Ermittlungen helfen könnte.

„Keiner quatscht durcheinander“

Das Testgerät in der Regensburger Feuerwehrzentrale lässt plötzlich einen ohrenbetäubenden Ton erklingen. Das ist der „Totmannwarner“: Wird das Gerät einige Minuten nicht bewegt – zum Beispiel, weil der Feuerwehrmann im Einsatz ohmächtig geworden ist – weist der Warnton den Kollegen den Weg zu ihm. Erleichtert wird die Geräteortung auch durch ein GPS-Signal. Und natürlich können die neuen Geräte bei Bedarf auch Fotos, Texte und Personenprofile übermitteln. Die Vielzahl der Kanäle sorgt außerdem dafür, dass „keiner mehr durcheinanderquatscht“, sagt Stefan Jahreis, der in der Region Amberg-Schwandorf für die „Migration“ vom Analog- zum Digitalfunk zuständig ist.

Fachleute und Ersatzteile sind rar

Es wurde höchste Zeit für die Umstellung. Die alte Technik stammt aus den sechziger Jahren und die Industrie hat sie zuletzt nicht mehr weiterentwickelt. „Ersatzteile oder Fachleute sind mittlerweile schwierig zu bekommen“, sagt Christian Schneider. Dass die „Migration“ gleichwohl eine Mammutaufgabe wird, zeigt sich allein schon an der Zahl der Oberpfälzer Feuerwehrler, bei der es mancher Führungskraft etwas mulmig zumute wird. In den Landkreisen Schwandorf und Amberg zum Beispiel müssen nicht weniger als 11 000 Floriansjünger geschult werden, bevor sie mit den jeweils rund 600 Euro teueren Geräten ausgestattet werden. Der Gutenecker Kommandant Kederer zählt zu den so genannten Multiplikatoren, die jeweils rund 70 Kameraden in deren Freizeit in die neue Technik einführen werden.

In einem Jahr soll dann der Probebetrieb anlaufen. Bislang stehen oberpfalzweit lediglich zwei Testkoffer mit den neuen Geräten zur Verfügung. „Der Andrang ist groß“, sagt Bernhard Strobl von der Projektgruppe im Landkreis Schwandorf. „Manche haben noch ein bissl Bammel davor“, sagt Feuerwehrchef Johannes Buchhauser. „Aber die meisten sind schon in freudiger Erwartung“.

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