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Bildung

Schüler sollen fürs Leben lernen

„Alltagskompetenzen und Lebensökonomie“ sollen künftig größeren Raum an bayerischen Schulen einnehmen – jedoch nicht als eigenes Unterrichtsfach.
Von Louisa Knobloch, MZ

Auch das Thema gesunde Ernährung soll im Rahmen von „Alltagskompetenz und Lebensökonomie“ an den Schulen behandelt werden. Foto: dpa

München. Wie gehe ich mit Geld um? Wie führe ich einen Haushalt? Wie ernähre ich mich gesund? Solche Fragen sollen künftig stärker in der Schule behandelt werden. Wie Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle am Montag in München sagte, soll „Alltagskompetenzen und Lebensökonomie“ zum verpflichtenden Unterrichtsgegenstand erklärt und zielgerichtet ausgebaut werden. Schwerpunkte sollen demnach Ernährungs- und Gesundheitsbildung, Verbraucher- und Konsumbildung sowie nachhaltige Lebensführung sein. Am vergangenen Donnerstag hatte der Landtag einen Antrag der Regierungskoalition beschlossen, „Alltagskompetenz und Lebensökonomie“ als verpflichtenden Unterrichtsgegenstand weiterzuentwickeln. „Dazu wird das Kultusministerium ein pädagogisches Gesamtkonzept erstellen“, so Spaenle, „das die Themenfelder der ,Alltagskompetenz und Lebensökonomie’ in Modulen gegliedert über alle Jahrgangsstufen und Schularten hinweg weiterentwickelt“.

Landfrauen sammeln Unterschriften

Ausgegangen war die Initiative von den Landfrauen im Bayerischen Bauernverband. Diese hatten bereits 2012 Unterschriften für ein eigenes Unterrichtsfach „Alltags- und Lebensökonomie“ an bayerischen Schulen gesammelt. Dieses sollte Fragen der Ernährungs- und Gesundheitsbildung, der Verbraucher- sowie der finanziellen Allgemeinbildung in Theorie und Praxis umfassen. „Vielen jungen Leuten fehlt das Wissen für wirtschaftliches und nachhaltiges Handeln“, sagte Landesbäuerin Anneliese Göller damals. Die Folgen lägen auf der Hand: Fehl- oder Mangelernährung, Lebensmittelverschwendung oder überschuldete Haushalte seien symptomatisch für unsere Gesellschaft. „Es ist höchste Zeit zum Handeln!“, so Göller. Auch die Freien Wähler hatten sich in der Folge für ein eigenes Schulfach „Lebenskunde“ stark gemacht, das an allen Schulformen von der ersten bis zur zehnten Klasse unterrichtet werden sollte. Dem erteilte das Kultusministerium jedoch eine Absage: Neue und zusätzliche Fächer blähten den Stundenplan des einzelnen Schülers auf und behindern fächerübergreifendes vernetztes Denken. Stattdessen sollen die Themenfelder fächerübergreifend behandelt werden. „Alltagskompetenz und Lebensökonomie“ werden als eigenständiger Bereich im Praxis- und Serviceteil der Lehrpläne aufgenommen, kündigte das Ministerium an.

Die Sprecherin des Bayerischen Elternverbands (BEV), Ursula Walther, zeigte sich mit der geplanten Umsetzung zufrieden. „Das ist ein unglaublich wichtiges Thema für Schüler aller Schularten“, sagte sie. Hätte man ein eigenes Fach daraus gemacht, hätte es aber Probleme mit dem Lehrplan gegeben. „Die Frage ist dann, was man dafür streichen soll“, so Walther. Als übergreifendes Thema sollte „Alltagskompetenz und Lebensökonomie“ auch fächerübergreifend behandelt werden. Sie hoffe, dass die Schüler dadurch in Bereichen fitter gemacht würden, über die Verbraucher im Alltag oft stolperten – etwa Handyverträge oder Urheberrecht im Internet.

Die Themen Computer und Kommunikation sieht auch Rektor Michael Rüttinger von der Theo-Betz-Grundschule Neumarkt als sehr wichtig an. „Den Schülern bestimmte Alltagskompetenzen wie einen verantwortlichen Umgang mit dem Internet zu vermitteln, ist sicher notwendig“, so Rüttinger. An einer gebundenen Ganztagsschule wie der Theo-Betz-Schule ließen sich solche Themen auch leichter einbinden als an einer normalen Regelschule.

Jugendlichen fehlt die Orientierung

Für Rektor Winfried Wolf von der Clermont-Ferrand-Mittelschule in Regensburg sind die angesprochenen Themen nicht neu: Im Fach „Arbeit, Wirtschaft, Technik“ (AWT) oder im Sozialkundeunterricht seien bereits lebenspraktische Themen enthalten. Von einem eigenen Schulfach in diesem Bereich hält er nichts. „Die Inhalte sind schon in den Lehrplänen verankert – es geht jetzt darum, das Vorhandene zu akzentuieren.“ Dafür wünscht Wolf sich unterstützende Angebote wie Unterrichtsmaterialien vom Ministerium.

Dass es einen steigenden Bedarf für die Vermittlung von Alltagskompetenzen in der Schule gibt, ist Wolf zufolge der gesellschaftlichen Entwicklung geschuldet. Stützsysteme, die Jugendlichen eine klare Orientierung bieten, würden zunehmend wegfallen. In der Umgebung hätten Jugendliche zudem nicht mehr so viele lebenserfahrene Ansprechpartner wie früher, sagt Ursula Walther. Sie und Grundschul-Rektor Rüttinger sehen außerdem die schnellen Veränderungen in einer hochtechnisierten Welt als Ursache für Probleme. „Die Herausforderungen des Alltags sind sicher vielschichtiger geworden“, sagt Dr. Josef Schmid, der Schulleiter des Donau-Gymnasiums Kelheim. Dass die Schüler von heute in Alltagsfragen weniger kompetent sind als frühere Schülergenerationen, stelle er jedoch nicht fest. Ein eigenes Fach sieht er ebenfalls kritisch: „Diese Themen waren schon immer Teil des Lehrplans in den verschiedenen Fächern.“

Am Montag dankte Minister Spaenle der Landesbäuerin Anneliese Göller, der Landtagsabgeordneten und Ehrenlandesbäuerin Annemarie Biechl sowie der Bundestagsabgeordneten und Ehrenbezirksbäuerin von Mittelfranken Marlene Mortler dafür, dass sie „unseren Blick noch einmal geschärft haben für spezielle Aspekte des gesellschaftlichen Wandels und die daraus erwachsenden Herausforderungen“. Auch in den Ganztagsangeboten soll das Thema „Alltagskompetenz und Lebensökonomie“ stärker positioniert werden. Dabei sollen bestehende Kooperationsvereinbarungen etwa mit den Landfrauen, dem Bayerischen Bauernverband und dem Landesverband für Gartenbau und Landespflege als Ausgangsbasis dienen.

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