MyMz

Urteil

Transsexuellen-Hatz war versuchter Mord

Nach der Jagd auf einen transsexuellen Mann in Siegenburg müssen drei junge Männer wegen versuchten Mordes durch Unterlassen ins Gefängnis.
Von Isolde Stöcker-Gietl, MZ

Drei junge Männer aus Siegenburg müssen in Haft. Foto: dpa

Regensburg. Viele Freunde sind in den Gerichtssaal 104 beim Landgericht Regensburg gekommen. Sie zeigen ihre Solidarität mit den drei Angeklagten, die wegen der Hatz auf einen transsexuellen Mann in Siegenburg vor Gericht stehen. Am Freitag fällt das Gericht sein Urteil: Die Angeklagten sind schuldig. Die Tat ist nicht nur als gefährliche Körperverletzung zu werten, sondern als versuchter Mord durch Unterlassen. Der 20-jährige Tobias B. muss für sechs Jahre und sechs Monate in Haft, sein zwei Jahre jüngerer Bruder Lothar für vier Jahre. Beide werden nach Jugendstrafrecht verurteilt. Der 24-jährige Mittäter Daniel A. muss fünf Jahre und sechs Monate verbüßen. Alle drei Verurteilten können eine Suchttherapie beginnen.

Gericht folgt Staatsanwaltschaft

Die Strafkammer des Landgerichts Regensburg unter dem Vorsitzenden Richter Carl Pfeffer sieht es als erwiesen an, dass die drei Männer den 22-jährigen Kai M. in einer Februarnacht 2012 grundlos durch den Ort jagten, ihn prügelten und mit Schuhen traten und ihm dabei schwere Gesichtsverletzungen zufügten. „Am Ende der Tortur war das Opfer kaum noch als Mensch zu erkennen. Die Angeklagten können sich deshalb nicht darauf berufen, dass sie die Schwere der Verletzungen nicht hätten merken können“, sagt Vorsitzender Richter Pfeiffer in seiner Urteilsbegründung. Alle drei Angeklagten hatten zwar die Schläge und Tritte ins Gesicht gestanden, wollten aber nicht realisiert haben, dass sie ihr Opfer damit in eine lebensgefährliche Situation brachten.

Das Gericht folgt in seinem Urteil im Wesentlichen den Ausführungen der Staatsanwaltschaft. Diese hatte von einer „Zäsur“ gesprochen, die aus der gefährlichen Körperverletzung ein versuchtes Tötungsdelikt machte. Die Angeklagten hatten sich nach der Hatz beratschlagt, was sie mit dem Opfer tun sollten. Überlegungen, Rettungsdienst oder Polizei zu verständigen, verwarfen sie schließlich und forderten ihr Opfer auf, wegzulaufen. „Diese Handlung macht die Tat auch zum versuchten Mord“, sagte Richter Pfeifer. „Es war Ihnen gleichgültig, was mit Kai M. passiert.“

Bereits am Donnerstag hatten die Angeklagten Entschädigungszahlungen an das Opfer zugestimmt. Jeweils 5000 Euro werden sie nach dem Vergleichsbeschluss an den mittellosen Kai M. zahlen. Der transsexuelle junge Mann befindet sich derzeit in psychiatrischer Behandlung, weil er seit der Tat vermehrt unter Angstzuständen, Suizidgedanken und Depressionen leidet. Auch schon vor dem brutalen Überfall hatte das Opfer psychische Probleme. Im Moment könne er deswegen die angestrebte Geschlechtsumwandlung nicht angehen, hatte Kai M. vor Gericht erklärt. Auch die von ihm nach der Tat ausgesprochenen Morddrohungen gegen Familienangehörige der Täter sowie die Versuche, Geld von ihnen zu erpressen, seien den psychischen Problemen des Opfers geschuldet, meinten Betreuer und Gutachter vor Gericht. Es liege der Verdacht einer „posttraumatischen Belastungsstörung“ nahe.

Lothar B. nimmt das Urteil an

„Ich hoffe, dass ihm das Schmerzensgeld dabei hilft, das alles zu verarbeiten“, sagte der verurteilte 18-jährige Lothar B. am Donnerstag in seinem Schlusswort. Dem schlossen sich die beiden Mittäter an und versprachen, die Zahlungen baldmöglichst zu leisten. Ihre Geständnisse vor Gericht sowie die Entschuldigung wertet das Gericht zu Gunsten der Angeklagten. Zudem wird berücksichtigt, dass alle drei jungen Männer aus schwierigen Familienverhältnissen stammen und auch früh mit Alkohol und Drogen in Berührung kamen. Alle drei Angeklagten seien „Erstverbüßer“.

In seinem Urteil bleibt das Gericht nur unwesentlich unter den von der Staatsanwaltschaft geforderten Strafen. Oberstaatsanwältin Ulrike Klein hatte für Tobias B., der als erster auf das Opfer eingeschlagen hatte, sieben Jahre und sechs Monate Haft gefordert., vier Jahre und neun Monate für seinen 18-jährigen Bruder Lothar und sieben Jahre für Daniel A.. Die drei Verteidiger hatten Strafen für die gefährliche Körperverletzung zugestimmt, sahen den Straftatbestand eines versuchten Mordes durch Unterlassen als nicht nachvollziehbar an.

Der jüngste Verurteilte, Lothar B., wird das Urteil annehmen. Er kann damit unverzüglich in einer forensischen Klinik eine Entziehungstherapie beginnen. Die Anwälte von Tobias B. und Daniel A. haben noch keine Entscheidung getroffen, ob sie in Revision gehen. Für die beiden Männer verfügte das Gericht, dass sie zunächst einen Teil ihrer Haftstrafe absitzen müssen, bevor sie in eine Entzugstherapie wechseln können.

Als die Verurteilten abgeführt werden, gibt es vor dem Gerichtssaal einen tränenreichen Abschied. Freunde bieten ihre Unterstützung an, versprechen Besuche im Gefängnis. Das Opfer Kai M. steht alleine bei seinem Anwalt und seinem Betreuer. So wie während des ganzen Prozesses.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht