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Stromtrassen

Trassenstreit: Sind Erdkabel die Lösung?

Der Volkszorn gegen neue Stromtrassen macht Netzbetreibern Sorgen. Unterirdische Kabel sollen auf mehr Akzeptanz stoßen – und den Widerstand mildern.

Strommasten stehen im Abendrot. Foto: dpa

Berlin.Boris Schucht wäre schon froh, wenn er bei Anwohnern Verständnis für seine geplanten Stromtrassen findet. „Akzeptanz ist ein schwieriges Wort“, sagt der Chef des Netzbetreibers 50Hertz. Bundesweit gibt es Proteste gegen neue Leitungen. Besonders schlimm ist es in Bayern, wo die Bürger gegen vermeintliche „Monstertrassen“ auf die Barrikaden gehen. Schucht will nichts beschönigen, berichtet aber auch von positiven Erlebnissen wie in Mitteldeutschland, wo Ende 2015 die wichtige „Thüringer Strombrücke“ fertig sein soll. Sie bringt Windstrom nach Bayern, wo Atomstrom wegfällt. Um die Sorgen zu mindern, sollen Stromleitungen teils unter die Erde gelegt werden.

Sind Erdkabel eine Alternative?

Meist reicht es nicht, einfach nur Kabel zu vergraben. Gebraucht werden 25 bis 40 Meter breite Korridore. Diese Schneisen könnten Tiere irritieren, warnen Naturschützer. Außerdem müssten alle paar hundert Meter „Muffenhäuschen“ zur Wartung gebaut werden. Erdkabel sind teuer: Die Mehrkosten können bis zu achtmal so hoch sein wie bei einer Freileitung. Schon ohne Erdkabel kosten die 36 geplanten Neubau- und Ertüchtigungsprojekte über zehn Milliarden Euro.

Wo sollen Erdkabel verlegt werden?

Bei der größten Trasse „SuedLink“ von Nord- nach Süddeutschland sind längere Erdkabelstrecken möglich. Insgesamt sollen über diese 800 Kilometer lange „Hauptschlagader der Energiewende“ durch mehrere Bundesländer bis zu 4000 Megawatt übertragen werden, damit in Bayern trotz des Atomausstiegs die Lichter an bleiben. 50Hertz-Chef Schucht könnte sich auch bei einer Leitung von Sachsen-Anhalt nach Bayern Erdkabel vorstellen: „Wir halten das für ein sinnvolles Instrument.“ Doch der Gesetzgeber hatte eine solche Lösung bei diesem Projekt ausgeschlossen. Hier sei eine Änderung wünschenswert, meint Schucht.

Wie groß ist das Stromnetz bisher?

Es umfasst vereinfacht gesagt Autobahnen, Bundes-, Land- und Gemeindestraßen, über die der Strom vom Ort der Einspeisung bis zur Steckdose kommt. Es sollen bis 2022 drei große Super-Stromtrassen mit 2800 Kilometern Länge gebaut sowie im bestehenden Höchstspannungsnetz 2900 Kilometer optimiert werden - es umfasst bisher rund 35 000 Kilometer. Das gesamte Stromnetz misst nach Zahlen der Bundesnetzagentur rund 1,79 Millionen Kilometer.

Warum werden die neuen Super-Stromtrassen gebraucht?

Im Norden wird viel mehr Windstrom erzeugt als verbraucht, allein in Schleswig-Holstein und Niedersachsen sind bereits über 11 000 Megawatt installiert. Theoretisch könnte damit der Strom von fast acht Atomkraftwerken produziert werden, wenn überall der Wind gleich stark wehen würde. Hinzu kommt noch bis 2020 eine geplante Leistung von über 6000 Megawatt von Windparks in Nord- und Ostsee. In Bayern und Baden-Württemberg hingegen werden bis zum Jahr 2022 noch fünf Atomkraftwerke abgeschaltet, hier gibt es also ein Stromdefizit.

Geht der Strom nur in den Süden?

Nein, auch der Austausch mit Norwegen, Dänemark und Schweden soll laut Netzbetreiber Tennet bis 2023 auf bis zu 4500 Megawatt steigen. Durch Seekabel soll Windstrom, der in Deutschland nicht gebraucht wird, nach Skandinavien fließen. Über die „NordLink“-Trasse könnte Strom in norwegischen Pumpspeicherkraftwerken gespeichert werden. Herrscht in Deutschland Flaute und gibt es zu wenig Strom, kann dort wiederum Wasser herunterfließen, Turbinen antreiben und Strom zurück nach Deutschland bringen. 50Hertz will zudem mit Polen und Tschechien den Stromhandel verstärken. Gerade sind gemeinsame Ausbauprojekte vereinbart worden, um die Netze sicherer zu machen. Bislang waren Leitungen zu den Nachbarn oft durch überschüssigen Ökostrom verstopft, Polen konnte regulär keinen deutschen Strom kaufen.

Wie groß sind die gesundheitlichen Gefahren?

Die neuen Supertrassen sollen mit Gleichstrom betrieben werden. Die Belastungen für Menschen sollen den Betreibern zufolge geringer als bei Wechselstrom sein, weil es sich um magnetische und nicht um elektromagnetische Strahlung handelt. 2013 wurde für Gleichstromtrassen ein Grenzwert von 0,5 Millitesla festgelegt. „Er ist so gewählt, dass Störbeeinflussungen von Herzschrittmachern durch statische Magnetfelder ausgeschlossen werden“, betont das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS). Die Netzbetreiber wollen die Grenzwerte deutlich unterschreiten. Doch diese Werbung in eigener Sache dürfte die Anwohner der geplanten Großtrassen nur bedingt überzeugen. (dpa)

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