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Asyl

Vom Bürgerkrieg ins Bauerndorf

Vor drei Monaten ist Hisham mit seiner Familie aus dem syrischen Bürgerkrieg geflohen, von Damaskus nach Rattiszell, eine Gemeinde in Niederbayern.
Von Sophie Rohrmeier, dpa

Die aus Syrien stammenden Flüchtlinge (v.l.) Mohammad Al-Halabi, Nabil Doudieh und Sama Al-Halabi: Für sie ist es nicht immer leicht, sich an die Gepflogenheiten in der neuen Heimat zu gewöhnen. Foto: dpa

Rattiszell.„Kommen Sie, kommen Sie“, ruft Hisham Al-Halabi, wenn Neugierige ans Gartentor treten und grüßen. Noch hatten der 14-Jährige und seine Familie nicht viel Besuch. Vor drei Monaten erst sind die Al-Halabis über das Meer von Nordafrika nach Deutschland geflohen. Sie kamen aus Syrien über Ägypten nach Niederbayern – als Asylbewerber. Seit Juni leben sie im kleinen Bauerndorf Rattiszell.

Die Einheimischen bemühen sich um die Neuen. Aber die Fremdheit weicht nur langsam. „Das ist jetzt ein bisschen eine Umstellung. Wie verhältst du dich bei Muslimen?“, sagt Bürgermeister Manfred Reiner von den Freien Wählern. „Die Kirche ist sehr wichtig hier, sehr wichtig.“

Es fehlt die Erfahrung – und an Information

Die Rattiszeller haben kaum Erfahrung mit Flüchtlingen. Die ersten, die vor den Al-Halabis hier lebten, sind inzwischen als Flüchtlinge anerkannt und weggezogen. Sie stammten auch aus Syrien. Aber: Sie waren Christen. Anders als Mohammad, Lama und ihre drei Kinder Hisham, Sidra (11) und Sama (6).

Die Frau der ersten Familie, erzählt Reiner, sei in die katholische Messe gegangen. Fast 90 Prozent der rund 1500 Dorfbewohner sind römisch-katholisch. Hishams Mutter trägt Kopftuch. „Das Vorurteil gegenüber den Muslimen müssen wir jetzt eben abbauen“, sagt Reiner.

Der Strom von Flüchtlingen wächst, die Bundesregierung rechnet in diesem Jahr 2014 mit 200 000 Asylanträgen in Deutschland. Dafür reichen auch die Gemeinschaftsunterkünfte des Staats vielerorts nicht aus. Ende Juli lebten in Niederbayern 1515 Asylbewerber in dezentralen Unterkünften von Städten und Landkreisen. Die kleinste im Kreis Straubing-Bogen ist ein Einfamilienhaus in Rattiszell.

Früher wohnte hier Stabsfeldwebel a.D. Alois Schmitt. Ein beliebter Mann. Nach seinem Tod vermietete die Tochter das Haus im Winter 2012 ans Landratsamt – für Asylbewerber. Nicht alle fanden das gut. „Die Bevölkerung hat es den Hausbesitzern sehr übelgenommen, dass sie Asylbewerber hergelassen haben“, sagt Monika Lex, Leiterin des Dorf-Kindergartens, in den Sama geht.

Der Bürgermeister sagt: Weder Bezirk noch Landratsamt hätten ihm konkrete Informationen gegeben. Die niederbayerische Regierung bat im Februar um Verständnis für die kurzen Fristen. Reiner aber bleibt dabei: „Wir sind überrumpelt worden. Wir sind ein kleines Dorf, ein Bauerndorf. Gerade hier ist Information sehr wichtig.“

Sprache als Barriere

Hisham lernt inzwischen kräftig Deutsch. Für seine Eltern ist das schwieriger. Viele im Dorf sprechen nur Bayerisch. Arabisch jedenfalls spricht niemand. Auch Jeannette Winter-Thaler nicht. Die Nachbarin ist die engste Bezugsperson der Al-Halabis im Dorf. Mohammad und Lama zeigten ihr eines Tages ein Schreiben des Landratsamts. Sie konnten es nicht lesen. Damals rief Winter-Thaler für die Familie dort an. Heute fährt die 43-Jährige Mohammad und Lama zum Deutschkurs ins 20 Minuten entfernte Bogen.

Grünen-Kreisrätin Anita Karl leitet den Kurs ehrenamtlich. Es ist der einzige in der Nähe, sagt sie. Bayern fördert zwar als bisher einziges Bundesland Sprachkurse für Asylbewerber, die während ihres Verfahrens keinen rechtlichen Anspruch darauf haben. „Aber davon kommt hier in der Fläche fast nichts an“, klagt Karl.

Über die Erlebnisse der Familie in Syrien weiß hier niemand etwas. Aber Nabil, der Mann von Mohammads Nichte Walaa, erzählt auf Deutsch: „Mein Haus – bumm – Bombe, Feuer. Meine Arbeitsstelle – auch Feuer.“ Die Kinder hätten die Bomben gehört. „Danke an Allah, dass wir jetzt hier sind.“ Er und Mohammad flohen mit Frau und Kindern per Schiff. Rattiszell sei „sehr schön, alles gut“, sagt Mohammad. Nur Arbeit fehlt. In Deutschland dürfen Asylsuchende erst nach neun Monaten einen Job annehmen. Und nur, wenn kein Deutscher ihn will.

Die Chefin im Ausländeramt, Stephanie Aumer, ist „dankbar“, dass sich Nachbarn kümmern. „Wir sind an der Obergrenze vom Stress.“ Im Dorf überlegt der Bürgermeister, ob eine Wanderung mit Eltern aus dem Ort und den Neuen das Fremdeln abbauen könnte. „Damit das Dorf sieht: Aha, die sind dabei, die machen mit. Ganz normal, bloß dass es Syrer sind. Passt.“ Hisham wird bis dahin zu allen Gästen am Gartentor wieder sagen: „Kommen Sie, kommen Sie!“

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