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Games-Kritik
Mittwoch, 20. Juni 2018 30° 3

PC / Mac, PlayStation, Xbox: Vampyr

Keine Angst, ich bin Arzt
von Robert Bannert

  • Ist zwischen seiner Pflicht als Arzt und seinem Blutdurst hin- und hergerissen: "Vampyr"-Antiheld Jonathan Reid. Foto: Dontnod / Focus Home Interactive
  • Bei der Gestaltung des nächtlichen Londons hat sich Dontnod mächtig ins Zeug gelegt: Die englische Hauptstadt ist finster und stimmungsvoll, allerdings auch ziemlich leer und unbelebt. Foto: Dontnod / Focus Home Interactive
  • Wer Londons Bewohner zuerst von Krankheiten heilt und ihre Probleme löst, der steigert dadurch den Erfahrungs-Wert ihres Blutes. Aber Vorsicht: Wer sich hemmungslos an den Städtern gütlich tut, der hat bald niemanden mehr, dem er Fragen stellen kann. Foto: Dontnod / Focus Home Interactive
  • Angeblich wird London von der Spanischen Grippe heimgesucht, doch viele der Toten erstehen als Menschen jagende Monster wieder auf. Foto: Dontnod / Focus Home Interactive
  • Doktor Reid findet sich nur allmählich mit seinem Schicksal als Kind der Nacht zurecht. Foto: Dontnod / Focus Home Interactive
  • Als Arzt sitzt Reid an der Quelle: Er kann seine Patienten entweder behandeln oder für andere Zwecke zur Ader lassen. Foto: Dontnod / Focus Home Interactive
  • Hin und wieder bietet "Vampyr" die Möglichkeit, Höhenunterschiede durch einen Teleport-Sprung zu überwinden. Die Platzierung der entsprechenden Aktions-Marker erscheint allerdings extrem willkürlich. Foto: Dontnod / Focus Home Interactive
  • Die Kämpfe sind der größte Schwachpunkt des Rollenspiels: Das hektische Gehacke macht nicht sonderlich viel Spaß und lässt sich nur mit einem gut ausgebildeten Blutsauger halbwegs nervenschonend meistern. Foto: Dontnod / Focus Home Interactive
  • Mit seinen geschärften Vampir-Sinnen erkennt Reid Hinweise und mögliche Blut-Snacks schon früh. Foto: Dontnod / Focus Home Interactive
  • Haben Sie keine Angst, ich bin der Doktor: Ob und wie oft Reid seine Position als Arzt missbraucht, entscheidet über den Verlauf der Geschichte. Foto: dontnod / Focus Home Interactive
  • Je nachdem, in welche übernatürlichen Talente des Vampirs man frisch gezapftes Blut investiert, fällt Reids Kampfstil anders aus. Foto: Dontnod / Focus Home Interactive
  • Haben für Reid und seinesgleichen nur wenig übrig: Vampirjäger. Foto: Dontnod / Focus Home Interactive
  • Bild 13 zu "Vampyr" Foto: Dontnod / Focus Home Interactive
  • Bild 14 zu "Vampyr" Foto: Dontnod / Focus Home Interactive
  • Bild 15 zu "Vampyr" Foto: Dontnod / Focus Home Interactive
  • Bild 16 zu "Vampyr" Foto: Dontnod / Focus Home Interactive

Jonathan Reid steht vor einem Dilemma: Der Antiheld aus dem neuen Rollenspiel von "Life is Strange"-Macher Dontnod ist nicht nur ein gefeierter Arzt, obendrein ist der englische Gentleman mit dem Vollbart ein Vampir. Ob er sich im Angesicht von Patienten für den hippokratischen Eid entscheidet oder stattdessen seinen Blutdurst stillt, das bestimmt den Verlauf eines Abenteuers, in dem Dialoge und Drama die erste Grusel-Geige spielen. "Vampyr" ist für PC, PS4 und Xbox One erhältlich.

Im Grunde will Reid als ehemaliger Front-Arzt vor allem eins: Menschen helfen. Doch kurz nach seiner Ankunft im von einer Epidemie heimgesuchten London wird der Lebensretter Opfer einer Beißattacke. Als er Stunden später in einem Massengrab wieder zu sich kommt, ist er zum Blutsauger mutiert.

Auf der verzweifelten Suche nach Antworten lernt das frischgebackene Kind der Nacht nach und nach seine neuen Fähigkeiten kennen, inzwischen arbeitet der prominente Mediziner in einem Krankenhaus. Für einen Vampir eine perfekte Tarnung: Hier findet er entweder Nachschub an frischen Blutkonserven oder menschlichen Opfern - abhängig davon, auf welche Art und Weise sich der neugeborene Vampir durchschlagen will. Je nachdem, wie rabiat Reid bei seinen Nachforschungen vorgeht, entwickelt sich das Abenteuer in den nächtlichen Straßen und Gassen des spätviktorianischen Londons nämlich anders.

Wer sich bei der Blutbank bedient oder Ratten anzapft, der kann zwar seinen Hunger stillen, aber die Entwicklung der übernatürlichen Vampir-Talente liegt bei dieser Vorgehensweise weitgehend brach. Entscheidet man sich allerdings dafür, regelmäßig einen von Londons Bewohnern zur Ader zu lassen, wird zwar die Entwicklung beschleunigt, doch die Auslöschung eines Menschenlebens wirkt sich negativ auf das fragile Sozial-Geflecht der Stadtviertel aus und hemmt dadurch die weiteren Recherchen.

Denn: Tote reden nicht - und die Angehörigen einer sozialen Gruppe werden auch nicht unbedingt gesprächiger, wenn ihr Umfeld immer stärker ausdünnt. So kann eine leer geschlürfte Bar-Keeperin zum Beispiel keine Informationen mehr über den Bar-Besitzer ausplaudern. Als Folge bleiben beim späteren Plausch mit dem Wirt wertvolle Dialog-Optionen verschlossen, die Reid bei seiner Suche geholfen oder neue Missionen eröffnet hätten. Vernachlässigt man zugunsten des menschlichen Ökosystems die gesunde Ernährung allerdings zu sehr, bleibt Reid eine schlaffe Blutwurst, die es mit den stärkeren Feinden im Spiel nicht aufnehmen kann.

Obwohl Dontnods Horror-Abenteuer vor allem von seinen ausschweifenden und spannend geschriebenen Gesprächen lebt, kommt auch "Vampyr" nicht ohne Kampfsystem aus. Das Echtzeit-Gehacke mit Nahkampfwaffen, archaischem Schießgerät und monströsen Vampir-Kräften ist allerdings reichlich hakelig geraten: Wer seinen Blutsauger nicht ordentlich stärkt, der wird über das fummelige und hektische Knöpfchen-Drücken früher oder später verzweifeln.

Ganz ähnlich verhält es sich, wenn es um die Erkundung der Stadt geht, denn für einen Vampir ist Jonathan Reid erstaunlich unbeweglich: So kann der Doktor mit den spitzen Eckzähnen weder klettern noch sich über Geländer oder Mauern schwingen, und beim Sprung nach unten rauscht er steif wie ein Brett dem Boden entgegen. Wer also ein Vampir-Abenteuer sucht, bei dem er mit einem Raubtier-flinken und geschmeidigen Monster einen riesigen Open-World-Schauplatz durchforstet, der ist hier an der falschen Adresse: Dontnods Version der britischen Metropole wirkt wie ein Adventure-Stillleben, das man erst nachträglich um ein Echtzeit-Kampfsystem ergänzt hat.

Kann man sich allerdings damit anfreunden, dass "Vampyr" bei Dynamik und Kampfsystem patzt, bekommt man eine einfühlsam erzählte und angenehm flexible Geschichte, die so viel plumpe Action eigentlich gar nicht nötig hätte.

teleschau - der mediendienst

Spielename: PC / Mac, PlayStation, Xbox: Vampyr
Genre:
Hersteller: Dontnod Entertainment
Erhältlich ab: 05.06.2018
Alter:
Multiplayer:
Schwierigkeit:
Preis:
Bewertung: Grafik:
Sound:
Steuerung:
Spielspass:
Gesamt: gut

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