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Schwitzen vor der Switch

Spielend abnehmen - geht das? Ein Selbstversuch mit "Ring Fit Adventure"

Spielend abnehmen? Mit seiner Switch-Anwendung "Ring Fit Adventure" hat Nintendo Ende 2019 den ersten ernstzunehmenden Versuch seit Jahren gestartet, Gamer mit einer Fitness-App aus dem Sessel und ins Schwitzen zu bringen. Aber wie gut funktioniert das wirklich? Unser Autor hat im Vorfeld der Fastenzeit über zwei Monate hinweg den Selbsttest gemacht.

  • "Ring Fit Adventure" erkennt die Bewegungen des Spielers, indem man die Joy-Cons in den Ring und in eine Beinschlaufe steckt. Bei manchen Übungen tut sich das Programm etwas schwer, aber insgesamt bewertet das Spiel die Ausführung erstaunlich präzise und gibt sogar Tipps für Verbesserungen. Obendrein werden Kalorien und Puls gemessen. Foto: Nintendo
  • Beim Training bloß nicht den Bogen überspannen: Clevere Bewegungen wie der "Bogenzug" steigern die Kraft des Spielers - aber "Ring Fit Adventure" weist immer wieder daraufhin, dass man es nicht übertreiben soll. Foto: Nintendo
  • Das Spiel bemüht Übungen aus verschiedensten Trainings-Disziplinen, um den Gamer stärker, schneller, fitter, beweglicher und ausdauernder zu machen. Sogar Yoga steht auf dem Plan. Foto: Nintendo
  • Das Spiel ist deutlich anstrengender als es diese Nintendo-Bilder suggerieren: Wer in Jeans und Hemd "Ring-fitted", ist selber schuld und kann die durchgeschwitzte Garderobe nach wenigen Minuten in die Wäsche stecken. Besser: Jogging-Hose plus Shirt oder Sport-Klamotten. Foto: Nintendo
  • Potente Trainings-Kombi für das Bauch-weg-Programm von Couch-Kartoffeln: Die Beinschlaufe und der Ring, dem "Ring Fit Adventure" seinen Namen verdankt. Foto: Nintendo
  • Laufen ist ein zentraler Bestandteil des "Ring Fit"-Programms. Währenddessen werden durch entsprechende Ausrichtung des Rings allerlei Extras aufgesammelt, aus denen der Charakter anschließend leckere Fitness-Drinks mixt oder mit denen er sich eine bessere Sport-Garderobe leistet. Foto: Nintendo
  • Im "Trainings-Studio" wartet das Spiel mit allerlei schweißtreibenden Mini-Games auf. Manche davon (wie hier der Drachenflug in die Tiefe) funktionieren aber nur mäßig gut. Foto: Nintendo
  • Anstrengender als es aussieht: den Spieler-Charakter klettern lassen, indem man Kniebeugen mit Ring-Kontraktion kombiniert. Foto: Nintendo
  • Immer das Ziel im Auge behalten: "Ring Fit" motiviert, kann aber nur wirken, wenn man es regelmäßig benutzt. Unser Autor konnte innerhalb von zwei Monaten zehn Kilo verbrennen, indem er jeden zweiten Tag für eine halbe Stunde trainiert hat - ohne zu hungern oder seine Ernährung radikal umzustellen. Foto: Nintendo
  • Die Monster-Schaukel wird durch Kniebeugen in Bewegung gebracht. Gamer mit kaputten Knien könnten an dieser Stelle ein Problem kriegen - denn diese Übung aus dem Adventure-Modus lässt sich nicht überspringen. Foto: Nintendo
  • Nicht nur Muskeln und Ausdauer, sondern vor allem für die Körper-Koordination anspruchsvoll: die Kanu-Fahrten. Foto: Nintendo

Mehr Sport treiben. Wie halb Deutschland an Neujahr hat auch unser Autor den Schluss gefasst, sein Leben aktiver zu gestalten. Dass ihm das ausgerechnet mithilfe einer Spielekonsole gelingen sollte, überrascht dann doch. Aber der Reihe nach.

Ein Spiel als Sparring-Partner

Wie schon zu Wii-Zeiten hat Nintendo erneut einen cleveren Weg gefunden, um Gamer von der Couch zu scheuchen und vor der Mattscheibe ins Schwitzen zu bringen. Und diesmal so richtig. Anders als "Wii Fit" reduziert das am 18. Oktober 2019 veröffentlichte "Ring Fit Adventures" das Fitness-Angebot nicht auf eine Summe von interaktiven Workout-Videos. Vielmehr wird die Kalorien-Verbrennung in ein echtes Spielkonzept integriert: Um den bitterbösen Bodybuilder-Drachen Draco in die Knie zu ringen, reist der Spieler über mehrere, nach Rollenspiel-Manier aufgezogene Landkarten und arbeitet sich dabei an Gegnern wie schwebenden Trainings-Matten oder Fitness-Hanteln ab - und zwar Spielrunde für Spielrunde.

Sein Begleiter auf dem schweißtreibenden Abenteuer: ein frecher, Ring-förmiger Sparrings-Partner, der dem Spiel seinen Namen gibt. Im digitalen Abenteuer ist der Ring ein grinsendes, plauderndes und die schöne, bunte Fitness-Welt erklärendes Kuriosum - in der Realität ein erstaunlich belastbares Trainings-Gerät, das je nach eingeblendeter Übung auf andere Weise gestreckt, gequetscht oder durch die Gegend gewuchtet wird. Ebenfalls mit in der Packung: eine Beinschlaufe, die - ebenso wie der Ring - mit einem der beiden Switch-Joy-Cons versehen wird, damit das Programm die Bewegungen des laufenden, hampelnden, liegenden und hockenden Gamers erkennt.

Fragt sich nur: Wie viel bringt so ein digitales Workout wirklich? Lohnt sich die ganze Arbeit? Macht "Ring Fit Adventure" dabei auch langfristig Spaß? Und lässt es am Ende tatsächlich die Pfunde purzeln?

Anstrengender als erwartet

Also macht unser Autor den Selbsttest. Lesen Sie hier seine Erfahrungen:

Nach einem Besuch bei Nintendos Release-Event im Oktober bin ich noch skeptisch - und obendrein ziemlich außer Form. Das gibt mir den nötigen Anreiz, um es zu Hause noch mal zu probieren - und zwar ernsthaft: Den ersten Versuch starte ich in meiner üblichen Gaming-Ecke. Dabei stoße ich schon auf das erste Problem - Platzmangel. Und zwar in der Vertikalen: Weil ich mich bei vielen Übungen nach oben strecken muss, kollidiert der Ring immer wieder mit der Dachschräge. Unpraktisch.

Also packe ich Ring sowie Switch unter den Arm und verlege das Training ins Wohnzimmer. Nachdem Couch-Tisch und Sessel zur Seite gerückt sind, passt es mit dem Bewegungs-Radius: Ich laufe mal schneller, mal langsamer auf der Stelle, um die Nintendo-typisch kunterbunte Spielwelt zu durchqueren. Gehe in die Hocke, um mithilfe von Sprungfedern Abgründe zu überwinden oder fahre Kanu, indem ich den Plastik-Ring mit viel Kraft gegen meine angespannten Bauchmuskeln presse und mich dann zu den Ruderbewegungen nach links oder rechts neige.

Oder ich wähle ein Set aus einem ständig wachsenden Repertoire von Übungen, um sie im Kampf gegen Dracos Schergen einzusetzen: Korrekt absolvierte Crunches, Kniebeugen, gymnastische Einlagen, Aerobic und Yoga sorgen dafür, dass die putzigen Gegner von digitalen Fäusten vermöbelt, geohrfeigt und aufs Kreuz gelegt werden. Fast fühle ich mich schuldig, wenn ich die niedlichen Feinde mit wackelnder Hüfte (zum Glück beobachtet mich dabei niemand) vom Bildschirm putze.

All das passiert, ohne dass ich mit dem Zimmer-Interieur kollidiere: "Ring Fit Adventure" verlangt zwar Platz - aber im Vergleich zu so manchem VR-Titel gibt sich das Spiel an dieser Stelle dann doch angenehm bescheiden.

Als behelfsmäßige Trainings-Matte entfremde ich zunächst den Teppich. Für viele Übungen muss man sich auf den Boden setzen oder hinlegen: Ich hebe die Beine und halte oder öffne sie wie angegeben, absolviere Liegestütz-ähnliche Übungen und komme dabei abermals ordentlich ins Schwitzen. "Ring Fit Adventures" empfiehlt, Handtuch und Wasserflasche griffbereit zu haben - und das aus gutem Grund: Nach nur 30 Minuten effektiver Trainingszeit bin ich so durchnässt, als wäre ich durch einen Platzregen gelaufen. Selbst zu meiner Zeit als aktiver Fitness-Center-Besucher bin ich so sehr ins Schwitzen gekommen. Nicht mal ansatzweise.

Krankheits-bedingter Rückschlag

Während der kommenden zwei Monate bleibe ich konsequent am Ball - pardon - Ring. Alle zwei Tage eine halbe Stunde. Und tatsächlich stellen sich gleich mehrere Effekte ein: Das geschickt zwischen Kraft-, Ausdauer- und Beweglichkeits-Übungen austarierte "Ring Fit"-Programm lindert meine Schreibtischhengst-typischen Rückenbeschwerden -und lässt knapp zehn Kilo Körpergewicht schwinden. 80 statt 90 Kilogramm - Sie ahnen gar nicht, was das für eine spürbare Erleichterung ist. Ein Freund, Hobby-Basketballer, berichtet Ähnliches. Nur hat er ein halbes Jahr auf Süßes verzichtet.

Zwischendurch erleide ich allerdings einen kleinen Rückschlag: Meine rechte Achillessehne quittiert die ungewohnte Dauerbelastung auf einmal mit stechenden Schmerzen - darum bin ich für zwei Wochen dazu gezwungen, vom mit viel Lauferei angereicherten Adventure- in den ruhigeren "individuellen" Spiel-Modus zu wechseln, bei dem ich mir aus Wunsch-Übungen mein eigenes Trainings-Programm zusammenstelle.

Zwar muss ich dabei auf das motivierende Rollenspiel-Beiwerk des Abenteuers verzichten, aber dafür kann ich meinen Fuß gezielt schonen. Inzwischen befolge ich auch brav die Ernährungs-Tipps des Spiels und führe meinem Körper zum Beispiel mehr Magnesium zu - in der Hoffnung, meinen Fuß in kürzerer Zeit wieder schmerzfrei zu kriegen. Ansonsten gilt: mehr Gemüse, weniger Süßkram. Das ist natürlich keine neue Erkenntnis. Aber das Gefühl, das mich jemand beim Abnehmen begleitet und unterstützt, hilft tatsächlich. "Ring Fit Adventure" ist "kuratiertes Abspecken".

Dann der nächste Dämpfer: Ein hartnäckiger Erkältungs-Infekt - nein, nicht der Corona-Virus, der die "Ring Fit Adventure"-Nachfrage in China stark hat anwachsen lassen (Stichwort: Bewegungsdrang trotz Quarantäne) - erwischt mich und zwingt mich zu zwei Wochen körperlicher Untätigkeit. Danach versuche ich es wieder mit dem Training, muss den Ring aber erneut liegen lassen, weil zu viel Training meinen Zustand verschlimmbessert hat.

Die Bilanz

Die Bilanz nach zwei weiteren Wochen ist trotzdem erstaunlich: Erkältung und Nachlässigkeiten bei der Ernährung haben dafür gesorgt, dass zwei von insgesamt zehn verlorenen Kilos wieder drauf sind und ich insgesamt wieder etwas träger geworden bin. Aber der Trainings-Kick vor dem Gesundheitsknick spricht Bände.

Das Training ist abwechslungsreich, macht dank gelungener Spiel-Komponente deutlich mehr Spaß als sei Quasi-Vorgänger "Wii Fit", steigert das allgemeine Wohlbefinden und resultiert sogar in deutlich sichtbarem Muskel-Zuwachs: Zum ersten Mal in meinem Leben sehe ich, dass sich unter dem Bauchspeck Muskeln versteckt haben.

Lediglich die Ausdauer hat sich bisher kaum verbessert: Ich trainiere nach wie vor auf dem zweithöchsten Schwierigkeitsgrad und hechele noch immer wie ein altersschwacher Klepper kurz vor seinem Gnadenritt, sobald mir ein Level etwas mehr Laufarbeit abverlangt als gewohnt. Aber dass selbst Nintendo kein Heilmittel gegen chronisches Bronchial-Asthma parat hat, kann man dem Konzern schwerlich vorwerfen.

Ebenfalls schade, dass "Ring Fit Adventures" keine Option anbietet, mit der sich Übungen überspringen lassen, die für den Einzelnen vielleicht kritisch sind: So habe ich es mir oft gewünscht, einige der strapaziösen Kniebeugen auslassen zu können, weil meine Gelenke ziemlich im Eimer sind. Beim personalisierten Trainings-Plan kann ich problematische Übungen zwar aussortieren, aber im Adventure-Modus und bei einigen der vordefinierten Übungs-Sets sind sie fester Bestandteil des Workouts. Da hilft nur noch, zwischendurch die Pause-Taste zu betätigen, um den überstrapazierten Körperteil für ein paar Minuten zu schonen - oder notfalls ganz abzubrechen.

Davon abgesehen gibt es wenig zu meckern: Die Erkennung der Bewegungen durch die Bewegungs-Sensoren und Kameras der Joy-Cons funktioniert nicht immer ganz zuverlässig, wird aber niemals zum "Game-Breaker". Unter dem Strich ist "Ring Fit Adventures" die bisher überzeugendste Anwendung, um aus Gamern Fitness-Freaks zu machen - auch ohne teuren Personal-Trainer.

Robert Bannert

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