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Spieletest

Das dünne Fundament der Zukunft

Destiny muss zeigen, ob Bungie und Activision das richtige Fundament für ihr 10-Jahres-Projekt gelegt haben und der Shooter dem Hype gerecht wird.
Robert Banner und Benjamin Neumaier

  • Der Hype um Destiny war groß – jetzt muss sich das Spiel beweisen. Foto: Activision
  • In Destiny spielt der User mit verschiedenen Charakteren. Foto: Activision
  • Die Grafik bei Destiny ist überragend. Foto: Activision

Kelheim.Ziel erreicht: Allein am ersten Verkaufstag spülte das Spiel „Destiny“ rekordverdächtige 500 Millionen Dollar in die Kassen des Publishers Activision. In etwa die gleiche Summe, die der Hersteller zusammen mit Entwickler Bungie („Halo“) in das auf zehn Jahre angelegte Projekt, seine Erweiterungen und geplanten Nachfolger investieren will. Der Erfolg ist zum einen einer gigantischen Marketing-Maschinerie geschuldet, zum anderen der Qualität des Titels. „Destiny“ vereint zahlreiche Genres in sich: Es ein ist grafisch spektakulärer Shooter, süchtig machendes Online-Rollenspiel und temporeiches Mehrspieler-Gerangel in einem. Es ist allerdings nicht der Übertitel, den alle erwartet haben. Dafür ist die Hintergrundgeschichte einfach zu wirr und banal.

Dem neuen Spiel von Microsofts ehemaligem Haus- und Hof-Entwickler Bungie merkt man deutlich an, wer an den kreativen Schalthebeln gesessen hat. Egal, ob Handhabe, Spieltempo, Spezialfertigkeiten, Waffen, die sprunghaften Bewegungen der Gegner oder das Raumschiff-Design - alles sieht ein bisschen so aus, als hätte man Bungies ehemalige Erfolgsmarke „Halo“ mit einem Schuss „Star Wars“ und „Mad Max“ vermischt. Denn ebenso wie der berühmte George-Lucas-Kosmos ist auch die „Destiny“-Welt von mystischen Motiven und magischen Geheimnissen durchdrungen.

Interessante Charaktere fehlen

Im Jahre 2700 steht die Menschheit am Abgrund. Nach einem goldenen Zeitalter voller Aufbruchstimmung, Expansion auf entfernte Kolonien, Zufriedenheit und Frieden tauchen finstere Aliens, die Gefallenen, aus der Dunkelheit des Weltalls auf und haben nichts anderes im Sinn als die Menschheit von der Bildfläche zu tilgen. Die Kämpfe sind unerbittlich, am Ende bleibt nur noch eine Stadt auf der Erde übrig, bewacht von einem mysteriösen Raumschiff, dem sogenannten Reisenden. Wir sind einer derjenigen, die das Ruder wieder herumreißen sollen, ein Hüter. Zusammen mit unserem kleinen Roboterbegleiter (der schlicht Geist heißt) machen wir uns auf, die verlorenen Kolonien zu erkunden, und einem Ausweg aus dem Schlamassel suchen. So verlockend und interessant diese Kulisse und die Geschichte auf den ersten Blick scheinen, so wenig lebendig und äußerst vage werden sie während den insgesamt knapp zehn Stunden dauernden Storymissionen mit Leben gefüllt und erzählt. Zwischensequenzen gibt es nur sporadisch, wirklich interessante Charaktere fehlen komplett, und wenn es dann endlich mal ernst wird und wir auf eine dramatische Enthüllung hoffen, flüchtet sich Destiny in halbgares Geblubber. Selbst wenn wir ein legendäres Schwert finden oder ein gigantisches Weltengrab erforschen, bekommen wir lediglich ein paar kryptische Informationen von unserem Geist.

Letztlich dreht sich alles um den „Reisenden“ - eine gigantische Sphäre, von der auch Jahrhunderte nach ihrer Ankunft auf der Erde niemand so recht weiß, ob sie eine Maschine, eine Lebensform oder ein Gott ist. Oder von allem ein bisschen. Die übergroße Wunderkugel hat der Menschheit erst Wohlstand und Wissen, dann Tod und Zerstörung gebracht: Denn die „Dunkelheit“ ist mit einem ganzen Space-Zirkus aus Furcht einflößenden Kreaturen und Maschinenwesen im Schlepptau dem Reisenden gefolgt, der nur noch eine Metropole schützen kann - und offenbar dringend nach Unterstützung sucht.

Er schickt Drohnen aus: Diese „Geister“ suchen sich auf den Schlachtfeldern außerhalb der Stadtmauern gefallene Kämpfer aus, um sie wiederzubeleben und in „Hüter“ zu verwandeln.

Diese Kaste aus Nah- (Titanen) und Fernkämpfern (Jäger) sowie Magiern (Warlocks) ist nicht nur das letzte Aufgebot. Die Hüter sollen außerdem herausfinden, wie der Reisende gerettet und die Dunkelheit besiegt oder zumindest zurückgedrängt werden kann. Obwohl die drei Charakterklassen so aufeinander abgestimmt wurden, dass sie idealerweise als Trio unterwegs sind, funktioniert „Destiny“ auch hervorragend als Spiel für Einzelgänger: Zwar hetzen auch hier immer wieder andere Gamer durch die postapokalyptischen bis idyllischen Kulissen. Doch die Berührung zwischen den Helden ist eher flüchtig und beschränkt sich auf spontane Schützenhilfe bei einem der zahllosen Schusswechsel, die im späteren Verlauf immer fordernder werden.

Frei in der Welt bewegen

Alternativ stürzt man sich in kooperative „Strike“-Missionen oder in den „Schmelztigel“: Bei dieser Spielart formieren die Erden-Wächter Sechser-Trupps, um dann in Schlachten „Hüter gegen Hüter“ ihre Fähigkeiten zu messen, den Ruhm für ihre Gilden und Orden zu mehren und besondere Ausrüstungsgegenstände für sich oder ihre Raumschiffe zu ergattern, mit denen sie im späteren Verlauf Mond, Venus und schließlich den Mars ansteuern.

Auf den fremden Welten können sich Konsolen-Abenteurer frei bewegen, den Kampf gegen Alien-Horden aufnehmen und Erfahrungspunkte sammeln - oder Markierungen zur nächsten Mission folgen. Große Distanzen lassen sich mit flotten Gleitern zurücklegen.

Wie sehr sich „Destiny“ nach Online-Spiel anfühlt, bleibt also jedem selbst überlassen - anders als bei den üblichen Genre-Vertretern wird hier niemand dazu gezwungen, mit anderen zu kooperieren oder sich auszutauschen. Vielmehr nutzt Bungie die Spieler-Population, um seine neue Welt lebendiger und natürlicher erscheinen zu lassen. Zum Glück wirkt „Destiny“ dabei nie so überfüllt wie die meisten reinrassigen Online-Titel: In den jeweiligen Bereichen sind stets nur so viele Spieler unterwegs, dass das Helden-Aufkommen noch glaubwürdig wirkt - schließlich erkundet man Terrains, die laut Hintergrundgeschichte nahezu menschenverlassen sind.

Technisch ein Überflieger

Etwas lebendiger wirkt dagegen der „Turm“: An dieser zentralen Anlaufstelle treffen sich die Hüter, um nach anstrengenden Schießereien in den über 20 Kampagnen- und zahlreichen Bonus-Missionen ihren nächsten Ausflug zu planen, mit den Vertretern ihrer Gilden zu schwatzen, die Belohnungen für Aufträge einzustreichen, neue Fragmente der Hintergrundgeschichte zu erfahren oder die mühsam erbeuteten Moneten gegen eine bessere Ausrüstung einzutauschen.

Obwohl die grundlegenden Mechanismen hinter „Destiny“ nicht neu sind, fühlen sie sich doch neu an: Tatsächlich schaffen es Bungies dezent verrollenspielte Hüter zum ersten Mal, Mehr- und Einzelspieler-Ansätze so harmonisch und zwanglos miteinander zu kombinieren, dass hier wirklich jeder glücklich wird. Obwohl die Story in dieser ersten Episode anfangs noch reichlich vage und löchrig erscheint, pflanzt sie immerhin die richtige Menge Mysterien ins Spieler-Hirn, um am Ball zu bleiben. Denn kostenpflichtige Download-Inhalte und Nachfolger kommen bestimmt.

Technisch ist „Destiny“ der erwartete Überflieger: Schaurig-schöne Monster, detailverliebte Umgebungen und der wohl schönste Himmel der Konsolengeschichte erstrahlen auf PS4 und Xbox One in Full-HD bei flüssigen 30 Bildern pro Sekunde, PS3- und Xbox-360-Spieler müssen mit der 720p-Auflösung vorlieb nehmen. Auf allen System gleich raffiniert agiert die Künstliche Intelligenz: Die Gegner weichen geschickt Beschuss aus, verstecken sich hinter Säulen oder versuchen, den Spieler zu umzingeln.

Fazit: Der mysteriöse Reisende, die Dunkelheit, untergegangene Zivilisationen und die Weiten des Weltraums - „Destiny“ ist nur der Auftakt zu einer langen Action-Reise. Verständlich, dass die Macher nicht ihr komplettes Story-Pulver schon jetzt verschießen. Allerdings gibt sich das Multimillionen-Projekt mit seinen vagen Andeutungen und sporadischen Zwischensequenzen nur wenig Mühe, den Spieler in dieses neue, fantastische und mystische Universum zu ziehen. Eine Aufgabe, die man weiteren Inhalten überlässt. Inhalte, für die man extra bezahlen muss.

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