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Gesellschaft

Der Kampf um das beste Ich

Viele möchten das Optimum erreichen – auch in der Freizeit. In Sozialen Medien kann jeder teilhaben. Muss das wirklich sein?
Von Heike Sigel

Selbst die Uhr muss voll vernetzt sein. Foto: kromkrathog-AdobeStock
Selbst die Uhr muss voll vernetzt sein. Foto: kromkrathog-AdobeStock

Regensburg.Vor ein paar Tagen im Regensburger Wöhrdbad: Auf der abgetrennten 50-Meter-Sportschwimmer-Bahn ist einiges los. Rund zehn Schwimmer teilen sich die Bahn. Es herrscht Rechtsverkehr und alle sind in etwa gleich schnell. Geringe Stauwahrscheinlichkeit also. Eigentlich – wären da nicht die beiden Herren mit der High-Tech-Sportuhr am Handgelenk. Nach jeder Bahn starren sie am Wendepunkt wie gebannt auf die Zeitanzeige. Erst sobald alles wieder auf null gestellt ist, schwimmen sie los. Um wirklich keine Sekunde zu verlieren, tun sie das ohne Rücksicht auf alle restlichen Schwimmer. Die Folge: Gedränge am Wendepunkt und Verdruss bei den anderen.

Die beiden Sportuhr-Träger möchten ihr Training optimal durchziehen und die Resultate dann zuhause auf dem Computer auswerten. Sie stehen damit beispielhaft für viele von uns. Höher, schneller, weiter soll es sein. Auch in der Freizeit. Der Hang zur Selbstoptimierung ist längst nicht mehr nur auf den Job beschränkt. Das Aussehen, die Ernährung, das Sportprogramm, die „Quality-Time“ mit der Familie: alles perfekt, alles genau getaktet. In den Sozialen Medien wird das Ganze dann stolz der „Community“ präsentiert. Warum? Weil wir das Gefühl von Kontrolle brauchen und den Gedanken an die eigene Sterblichkeit möglichst weit von uns wegschieben, schreibt die US-Autorin Barbara Ehrenreich in ihrem Buch „Wollen wir ewig leben? Die Wellness-Epidemie, die Gewissheit des Todes und unsere Illusion von Kontrolle“.

Ein Interview mit Sarah Brandner zum Thema Social Media und Selbstfindung lesen Sie hier.

„Zeitgeistgejammer“ oder unzumutbarer Leistungsdruck?

Die studierte Physikerin und promovierte Biologin analysiert in ihrem wissenschaftlich fundiert und witzig geschriebenem Text so manche Auswüchse des Gesundheits- und Optimierungswahns unserer Zeit: sei es den Hang zur Überdiagnostik in der Medizin, oder die zwanghafte Fokussierung auf die eigene Ernährung und Fitness. „Wir gehen heute von nahezu grenzenloser menschlicher Macht aus“, schreibt sie. „Wir unterziehen jeden, der scheinbar zu früh stirbt, einer Art von biomoralischer Autopsie: Hat sie geraucht? Hat er zu viel Alkohol getrunken? Zu viel Fett gegessen und zu wenig Ballaststoffe? Kann man sie und ihn, mit anderen Worten, für ihren Tod selbst verantwortlich machen?“

„Es ist mir ein Rätsel, warum sich gerade jetzt viele dagegen aufbäumen, sich selbst zu optimieren.“

Gerhard Hecht, Regensburger Diplom-Psychologe

Nicht ganz so negativ sieht der Regensburger Diplom-Psychologe Gerhard Hecht den menschlichen Drang, immer das Beste aus sich herauszuholen. Im Gegenteil. „Es ist mir ein Rätsel, warum sich gerade jetzt viele dagegen aufbäumen, sich selbst zu optimieren“, sagt er und spricht in diesem Zusammenhang von einem regelrechten „Zeitgeistgejammer“. Schon als sich sie festen Rollen der Feudalgesellschaft auflösten, habe sich das Bürgertum mehr und mehr dafür abgerackert, so zu werden wie der Adel. „Das Selbstoptimieren war doch schon immer Mainstream. In allen Religionen wird von den Menschen die dauernde Anstrengung gefordert, sich selber zu verbessern.“ Hecht wundert sich deshalb nicht über den Selbstoptimierungs-Trend an sich, sondern vielmehr über die gerade einsetzende Gegenbewegung dazu. „Das kommt mir schon fast wie ein zweites ’68 vor. Ich denke, die Menschen verweigern sich so dem Leistungsdruck und der medialen Reizüberflutung.“ Tatsächlich rät auch Autorin Barbara Ehrenreich ihren Lesern, lieber mal alle fünfe gerade sein zu lassen: „Wir würden alle gerne länger und gesünder leben; die Frage ist, wie viel von unserem Leben wir diesem Projekt widmen sollten – schließlich haben wir alle, oder wenigstens die meisten von uns, oft noch wichtigere Dinge zu tun.“ Mehr noch: Sie kritisiert, dass sich die medizinische Wissenschaft im 20. Jahrhundert darauf verlegt habe, „den Alterungsprozess statt als normales Stadium im Lebensablauf als eine Art Krankheit zu betrachten.“

In den Sozialen Medien wird
ständig verglichen und bewertet

Bezeichnend ist, dass gerade die Konzentration auf das Training des eigenen Körpers immer mehr vom sozialen Status eines Menschen abzuhängen scheint. Im vom Robert-Koch-Institut herausgegebenen „Journal of Health Monitoring“ vom Juni 2017 wird über die Einhaltung der Bewegungsempfehlungen der Weltgesundheitsorganisation bei Erwachsenen in Deutschland berichtet. Darin heißt es: „Für alle Altersgruppen bei Frauen und Männern gilt: Je höher der Bildungsstand, desto häufiger wird die WHO-Empfehlung zur Ausdaueraktivität erreicht.“ Ebenfalls vom Robert-Koch-Institut stammt eine Studie von 2014, nach der rund zwei Drittel der Männer und gut die Hälfte der Frauen in Deutschland übergewichtig sind. Gleichzeitig steigen die Anmeldezahlen in den Fitnessstudios Jahr für Jahr an. Mit über zehn Millionen Mitgliedschaften verzeichnet der deutsche Fitnessmarkt im Jahr 2018 laut einer Deloitte-Studie neue Höchstwerte. Auch Barbara Ehrenreich bezeichnet Wellness in ihrem Buch als „hauptsächlich eine Domäne der Reichen“. Darüber mag man nun streiten. Fakt ist: Das Thema Leistungsverbesserung setzt sich auf breiter gesellschaftlicher Front hartnäckig auf den Bücherbestsellerlisten, in den Medien und in unseren Köpfen fest.

Vielleicht ist daran, neben der Angst vor der eigenen Vergänglichkeit, tatsächlich die mediale Reizüberflutung schuld. „Das ständige Vergleichen und Bewerten in den Sozialen Medien tut einem nicht gut“, sagt zum Beispiel Sarah Brandner (siehe auch das Interview auf Seite 3). Als Model und Ex-Freundin von Fußballheld Bastian Schweinsteiger hat die 29-Jährige miterlebt, wie es ist, ständig auf sein Äußeres reduziert mit anderen „Spielerfrauen“ verglichen zu werden. Das war nicht immer leicht. Inzwischen ist sie nicht mehr auf Instagram & Co. präsent. Man müsse mehr für andere da sein und etwas gegen die Vereinsamung der Menschen tun, sagt sie. Und Barbara Ehrenreich spricht sich für mehr Gelassenheit aus: „Trotz unserer vielgepriesenen Intelligenz und Komplexität sind wir nicht die alleinigen Lenker unserer Geschicke oder überhaupt von irgendwas.“

Weitere multimediale Neuigkeiten lesen Sie hier.

Superlative in der Fitnessbranche

  • Aufwärtstrend:

    Der Aufwärtstrend in der Fitness- und Gesundheitsbranche hält an. Das geht aus der repräsentativen Studie „Eckdaten der deutschen Fitness-Wirtschaft 2018“ hervor, die jährlich vom Arbeitgeberverband deutscher Fitness- und Gesundheits-Anlagen (DSSV e. V.) in Zusammenarbeit mit der Beratungsgesellschaft Deloitte sowie der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement erstellt wird.

  • Mitgliederzahlen:

    Die deutschen Fitness- und Gesundheits-Anlagen zählten demnach am 31. Dezember 2017 10,61 Millionen Mitglieder – so viele wie noch nie. Die Ausweitung bedeutet ein Plus von 5,2 Prozent. Allein in den letzten zwei Jahren, von 2015 bis 2017, stieg die Mitgliederzahl um über eine Million an.

  • Deutschlandvergleich:

    12,9 Prozent der Gesamtbevölkerung in Deutschland von rund 82,18 Millionen sind Mitglieder in einer der deutschen Fitness- und Gesundheits-Anlagen.

  • Fitnessstudios:

    Die positive Entwicklung der Branche im Jahr 2017 zeigt sich insbesondere in der Erhöhung der Anzahl von Fitness-Studios. Hier konnte die Branche im Vergleich zum Vorjahr mit 3,5 Prozent ein starkes Wachstum auf 8 988 Anlagen (Vorjahr: 8 684) verzeichnen.

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