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Mahlzeiten landen auf dem digitalen Teller

Unzählige User knipsen ihr Essen und stellen die Bilder ins Netz. „Food Porn“ heißt das Phänomen, das in sozialen Netzwerken viele Nachahmer findet.
von Karin Reiner, MZ

Eine Restaurantbesucherin fotografiert ihr luxuriöses Essen und wird dabei selbst fotografiert. ( Screenshoot: Tumblr)

Regensburg.Der Kellner serviert der jungen Dame am Nebentisch ihr Essen. Bevor sie zu Messer und Gabel greift, drapiert sie ein Petersiliensträußchen auf dem Tellerrand. Danach zückt sie ihr Smartphone und fotografiert die dampfenden Nudeln. Sekunden später wissen alle ihre Facebook-Freunde: Zu Mittag gab es heute Spaghetti Aglio e Olio.

So wie die Frau im Restaurant fotografieren derzeit viele Menschen ihre Mahlzeiten. Die Bilder stellen sie in sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter und Instagram online, um sie mit der Internetgemeinde zu teilen. Es ist egal, ob die Mahlzeiten selbstgekocht oder bestellt sind. Aber es gilt: Je ausgefallener und aufwendiger inszeniert desto besser.

Wer denkt, das Phänomen namens „Food Porn“ wäre eine unbedeutende Erscheinung, die so schnell verschwindet, wie eine Mahlzeit verzehrt ist, der irrt. Es gibt sogar schon eine gleichnamige Facebook-Seite: „Food Porn“ hat bereits über eine Million Anhänger und täglich kommen neue hinzu. Auf der Fan-Seite landen täglich Bilder kulinarischer Köstlichkeiten auf dem virtuellen Präsentierteller, sie werden tausendfach „geliked“ und kommentiert.

Stars zeigen ihre Mahlzeiten

Auf Instagram, einem virtuellen Fotoalbum, versehen die Nutzer hunderttausende Bilder mit dem Hashtag #food. Momentan sind mehr Instagram-Bilder mit dem Schlagwort #food gekennzeichnet als etwa mit #car oder #family.

Auch Stars und Sternchen präsentieren ihre Mahlzeiten regelmäßig im Netz. Heidi Klum posiert beispielsweise gern mit angekautem Burger und überdimensionaler Pizza. Womöglich will sie uns damit demonstrieren, dass auch Models Nahrung zu sich nehmen.

Kulturwissenschaftler beschäftigen sich längst intensiv mit der gesellschaftlichen Bedeutung von Nahrung. Das bloße Stillen des Hungers wurde nie als die einzige Bedeutung von Essen angesehen. Es ist vielmehr ein „soziales Totalphänomen“, das unter anderem Ausdrucksträger von Lebenseinstellungen ist. Lebensmittel haben eine ausgeprägte Symbolkraft und ermöglichen soziale Differenzierung.

Essen wird zum Statussymbol

Der Regensburger Kulturwissenschaftler und Erforscher der europäischen Ernährungskultur, Prof. Dr. Gunther Hirschfelder, bestätigt, dass sich Essen hervorragend als Statussymbol eignet, da es etwas sehr Persönliches und Intimes sei.

„Ähnlich wie bei einem Aufkleber am Auto, kann man durch Essen seine moralischen und ethischen Überzeugungen zur Schau stellen,“ erklärte Hirschfelder. Als eine mögliche Ursache für das „Food Porn“-Phänomen kommt für den Wissenschaftler „der Wunsch des Menschen Spuren zu hinterlassen“ infrage. Und dafür biete sich der digitale Raum derzeit an. Wie der Kulturwissenschaftler erklärt, sei Essen ein relativ konfliktfreies Thema. Menschen kommen also schnell ins Gespräch, wenn es darum geht, was sie sich auf den Teller legen.

Wirt wehrt sich gegen „Food Porn“

Einem Wirt in Berlin ging das ständige Fotografieren und ins Netzstellen seiner Mahlzeiten allerdings zu weit: „Bitte hier im Restaurant das Essen nicht instagrammen“, schrieb er auf einen Zettel und hängte ihn auf. Ob der Restaurantbesitzer das Fotografieren aber wirklich verbieten kann, ist fraglich. Denn nur wenn das Essen als Kunst gilt, kann ein Koch den Schutz des Urheberrechts beanspruchen, etwa wie ein Maler, oder ein Musiker.

Dass das Hobby, Essenserlebnisse mit der ganzen Welt zu teilen, durchaus nützlich sein kann, zeigt die Internetseite „www.foodspotting.com“. Das Portal wurde bereits im Jahr 2010 vom „Times Magazin“ zu einer der 50 wichtigsten Webseiten des Jahres gewählt. Restaurantgäste bewerten eine Gaststätte anhand eines speziellen Gerichts und stellen ein Bild davon online. Das kann ein einfacher Döner in Berlin-Mitte sein, das Jakobsmuschel-Carpaccio vom Münchner Star-Italiener oder aber das „Breakfast for Champions“ – Leberkäsesemmel und Milkamuffin – an der Uni-Mensa in Regensburg. Einzelne Gaststätten fordern ihre Gäste sogar dazu auf, ihr Restaurant weiterzuempfehlen.

Das „Food Porn“-Phänomen hat andere wiederum inspiriert, eben jenen Hype zu dokumentieren. Genau das macht „The Minimalist“ auf seinem „Tumblr“-Blog „Pictures of Hipsters taking Pictures of Food“: Er sammelt und dokumentiert Bilder von Menschen, die gerade ihr Essen fotografieren. Die junge Dame aus dem Restaurant könnte bei ihrer nächsten Fotosession also leicht selbst zum Zielobjekt einer Kamera werden.

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