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Nachbarn finden sich im Netz

Schluss mit der Anonymität im Treppenhaus: Die App „nebenan.de“ bringt Nachbarn zusammen. Wir erklären, wie es funktioniert.
Von Emma Miesler, MZ

Mit „nebenan.de“ lassen sich leicht neue Bekanntschaften in der Nachbarschaft knüpfen  Foto: Bockholt
Mit „nebenan.de“ lassen sich leicht neue Bekanntschaften in der Nachbarschaft knüpfen Foto: Bockholt

Regensburg.Ein kurzes „Hallo“, ein Kopfnicken, vielleicht nimmt man noch ein Paket für den Nachbarn an – häufig war es das schon mit dem Kontakt zum Nachbarn. In Deutschland wird über wachsende Anonymität in Mehrfamilienhäusern ebenso wie in Wohnsiedlungen geklagt.

Ausgerechnet das virtuelle Social Life im Internet soll jetzt Menschen im echten Leben zum gemeinsamen Kaffeeklatsch und Grillabend zusammenbringen. Das Konzept wird in den Social-Media-affinen USA begeistert angenommen, steht in Deutschland aber noch am Anfang. Mit „nebenan.de“ etabliert sich allmählich auch hierzulande das Prinzip der digitalen Nachbarschaft. Kosten- und werbefrei können sich registrierte Mitglieder „kennenlernen, treffen, teilen, helfen, schenken, finden und informieren“ – so verspricht es die Beschreibung im App-Store.

Sowohl die App als auch die Web-Version sind leicht zu bedienen, und der Eintritt in die Community dauert nur wenige Augenblicke. Schnell sind Name, E-Mail- und Wohnadresse eingetippt und schon kann es los gehen – zumindest fast, denn bei „nebenan.de“ wird großer Wert auf die Verifizierung des Wohnortes gelegt. So kann der Nutzer sicher sein, wirklich nur mit Leuten aus der eigenen Nachbarschaft in Kontakt zu kommen. Wem die Standortfreigabe über das Handy unangenehm ist, der kann sich den Zugangscode auch per Postkarte an die eigene Adresse schicken lassen. Das dauert aber zwischen zwei und drei Werktagen.

Einmal angemeldet öffnet sich eine Seite, die an eine digitale Version des Schwarzen Bretts im Supermarkt erinnert: Da bieten Leute aus der näheren Umgebung alte Fahrräder zum Verkauf, suchen einen Babysitter für Freitagabend oder verschenken ihren alten Lattenrost. Was die App von anderen Marktplatz-Communities unterscheidet, ist die Möglichkeit, vor allem mit den Menschen in der unmittelbaren Nachbarschaft in Kontakt zu treten. „Bin neu in der Stadt, wo kann man denn hier abends gut ein Bier trinken gehen?“, fragt Robert Müller. Und Lieselotte S. will wissen: „Hat jemand von euch Erfahrungen mit Zahnimplantaten?“

Nicht mehr alleine joggen dank App. Foto: dpa
Nicht mehr alleine joggen dank App. Foto: dpa

Digitale Nachbarschaftshilfe

Motivierte Jogger möchten nicht mehr alleine laufen, Mütter fragen nach Hunden zum Gassigehen für ihre Töchter, und Pensionäre suchen nach Gesprächspartnern, um das eingerostete Französisch wieder aufzufrischen. In Interessengruppen für junge Eltern, Yoga-Begeisterte oder Hobby-Fotografen werden die ersten neuen Freundschaften geschlossen, bald Treffen vereinbart. Jeder Nutzer kann auch öffentliche Veranstaltungen erstellen und zum gemeinschaftlichen Grill-Abend, Museums-Besuch oder Hofflohmarkt einladen.

Weitere Nachbarschafts-Apps

  • DoMeAFavour:

  • Über die iOS-App „DoMeAFavour“ wird über kostenlose Angebote oder Dienstleistungen unter Nachbarn kommuniziert. Die Registrierung erfolgt dabei über Facebook oder Google Plus. Da es aber momentan zu wenige engagierte Teilnehmer gibt, ist diese App, wie auch andere Nachbarschafts-Apps, in den meisten Städten wenig effektiv.

  • Nextdoor:

  • Bei dieser US-amerikanischen App werden Informationen über Einbrüche in der Umgebung oder zu verkaufenden Gegenstände weitergegeben, aber sie dient auch zum Kennenlernen von Nachbarn. Allerdings sollte bei der Anmeldung beachtet werden, dass die genaue Adresse und der volle Name angegeben werden muss. „Nextdoor “, die man in Deutschland erst seit kurzem nutzen kann, ist sowohl für iOS- als auch für Android-Geräte verfügbar.

  • Nachbarschaft.net:

  • Über „Nachbarschaft.net “ kann man sich mit Personen aus einem 2,5 km-Radius verabreden, Feste organisieren oder eventuell vergünstigt in ortsansässigen Geschäften einkaufen. Durch die sogenannte Matching-Funktion kann man außerdem Menschen mit ähnlichen Interessen kennenlernen. Die App kann man sich mit iOS-, aber auch mit Android-Geräten herunterladen.

  • DIKE-App:

  • Die „DIKE-App “ soll durch Warnungen von Nutzern, die Zahl der Einbrüche und Straftaten in einer Nachbarschaft verringern und so für mehr Sicherheit sorgen. Zur Registrierung ist lediglich die E-Mail-Adresse erforderlich.

  • Sichere Nachbarschaft:

  • Diese Sicherheits-App hat eine ähnliche Funktion wie die „DIKE-App“. Sie soll durch vermehrten Kontakt unter Nachbarn für eine erhöhte Aufmerksamkeit sorgen und so die Nachbarschaft auf Verdächtiges hinweisen. Die App ist für iOS- und Android-Geräte nutzbar.

  • Jaspr

  • Über die App „Jaspr “ kann man mit Menschen in seiner Nähe Dienstleistungen oder Dinge tauschen. Die App ist sowohl für iOS- wie auch Android-Geräte verfügbar. Da es aber momentan zu wenige engagierte Teilnehmer gibt, ist diese App, wie auch andere Nachbarschafts-Apps, in den meisten Städten wenig effektiv.

  • MYU

  • Die App „MYU “ bietet eine Plattform, über die man mit anderen App-Besitzern in seiner Nähe Dinge tauschen, verleihen oder verkaufen kann. Über die iOS- und Android-App kann man aber auch Dienstleistungen anbieten oder nutzen.

  • NachbarSecurity

  • Diese Sicherheits-App soll durch Warnungen von Nutzern die Zahl der Einbrüche und Straftaten in einer Nachbarschaft verringern und so für mehr Sicherheit sorgen. Die App ist sowohl für Android- wie auch für iOS-Geräte verfügbar.

  • GetiSafe

  • Die App „Getisafe “ soll auch für Sicherheit in der Nachbarschaft sorgen. Sie vernetzt Nachbarn um Einbrüche, verdächtige Fahrzeuge, usw. mit ihnen zu teilen. Nutzen kann „Getisafe“ jeder, der ein iOS- oder Android-Betriebssystem hat.

Über die Funktion „Dein Haus“ (momentan nur im Web verfügbar) entsteht eine digitale Hausgemeinschaft. Per Rundnachricht geht ein Hilferuf an alle raus, wenn am Sonntagnachmittag für den Kuchen mal ein Ei fehlt.

Christian Vollmann, auch Gründer von „MyVideo“ und Geschäftsführer von „eDarling“, hat sein Konzept für nebenan.de in der eigenen Straße ausprobiert. Er ging von Tür zu Tür und fragte nach E-Mail-Adressen – die zu seiner Überraschung die meisten bereitwillig herausgaben. Bald darauf gründete er auf dieser Grundlage ein Open-Source-Social-Netzwerk, eine Art privates Facebook, und schon wurden die ersten Straßenfeste gefeiert und Laufgruppen schnürten die Turnschuhe.

Die Idee sprach sich herum, nach und nach fragten immer mehr Freunde, ob es in ihrer Nachbarschaft nicht auch so etwas geben könnte. Mit tatkräftiger Unterstützung vom Gründer der Berliner Spendenplattform „Betterplace“ ging schließlich im Dezember 2015 die Website „nebenan.de“ online. Heute sind sie und die App mit mehr als einer halben Millionen Nutzer Deutschlands größtes soziales Netzwerk zur Förderung nachbarschaftlicher Beziehungen – alleine in Regensburg gibt es über 1000 registrierte Nutzer.

Die App soll kostenlos bleiben, versprechen die Betreiber. Um dennoch Geld in die Kasse zu spülen, können lokale Einzelhändler bald kleine Werbeanzeigen schalten. „Eine gute Nachbarschaft lebt schließlich auch von den Geschäften“, erklärt Michael Vollmann, Bruder des Gründers und Geschäftsführer der „nebenan.de“ Stiftung. Ihr Ziel ist es, gelungenen Nachbarschaftsinitiativen eine Bühne zu bauen, sie zu finanzieren und – so ist es zumindest geplant – ein Netzwerk von besonders engagierten Einzelpersonen zu schaffen.

Gemeinsame Grillabende und Hofflohmärkte ¨– bei „nebenan.de“ entstehen neue Bekanntschaften und Nachbarschaftsaktionen. Foto: dpa
Gemeinsame Grillabende und Hofflohmärkte ¨– bei „nebenan.de“ entstehen neue Bekanntschaften und Nachbarschaftsaktionen. Foto: dpa

Nutzer berichten nur Positives

Die Stiftung vergibt jetzt zum ersten Mal den „Deutschen Nachbarschaftspreis“, der mit 50 000 Euro dotiert ist. Unter der Schirmherrschaft von Bundesinnenminister Thomas de Maizière werden besonders erfolgreiche Nachbarschaftsprojekte gesucht, die nachhaltig und vor allem leicht nachzumachen sind. Bis zum 24. August können noch Beiträge eingereicht werden. Danach wählt eine Jury aus den 16 Landessiegern drei Projekte aus und honoriert diese mit dem „Deutschen Nachbarschaftspreis“.

Das Konzept von „nebenan.de“ ist ein guter Einstieg für Leute, die neu in der Stadt sind, sich erst einmal zurechtfinden müssen. Wer – zunächst virtuell – den Schritt vor die Haustür wagt und sich registriert, der kann schnell Kontakte knüpfen, gute Tipps, Ratschläge und fehlenden Hausrat für wenig Geld bekommen – immer vorausgesetzt, dass die Netz-Nachbarschaft auch groß genug ist. Auf dem Blog von „nebenan.de“ finden sich jedenfalls viele Berichte von geglückten Hof-Flohmärkten, wöchentlichen Treffen und gemeinsamen Kinoabenden – auch aus der Oberpfalz.

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