mz_logo

Netzwelt
Mittwoch, 18. Juli 2018 29° 6

Wenn die Troll-Armee marschiert

Eine neue Studie deckt auf, wie Hass-Kampagnen funktionieren und warum die Seitenbetreiber auf Moderation setzen sollten
von Sarah Kohlberger

  • Die Initiative ichbinhier e.V. des Gründers Hannes Ley führte gemeinsam mit dem Londoner Institut for Strategic Dialogue eine Studie zu den Hass-Kampagnen im Internet durch. Rechtsextreme Hasskommentare überfluten die sozialen Medien. Foto: Arne Weychardt
  • Auf Facebook weht mithin ein rauer Wind, in den Kommentarspalten werden viele Hasskommentare gepostet. Diese zielen auf eine Realitätsverzerrung und suggerieren eine bestimmte Mehrheitsmeinung. Die Initiative #ichbinhier will mit Aktionen dagegen vorgehen. Foto: Sean Gallup / Getty Images
  • Wie eine Forsa-Studie ergab, lesen 96 Prozent der 14- bis 24-Jährigen Hasskommentare. Die meisten reagieren nicht darauf, 25 Prozent antworten kritisierend, 26 Prozent melden die Kommentare beim entsprechenden Portal. Foto: Chris Jackson/Getty Images

Wer sich regelmäßig durch die Kommentarspalten der Sozialen Medien liest, kennt dieses beunruhigende Gefühl: Es ist die Ohnmacht des Einzelnen gegenüber all jenen, die laut, wütend, unerbittlich und in der Mehrzahl sind. Aber sind sie das wirklich? Einmal mehr hat sich die Forschung jetzt mit dem Phänomen der Internet-Trolle befasst. Die Studie "Hass auf Knopfdruck" des Londoner Institute for Strategic Dialogue und der Initiative ichbinhier e.V. hat untersucht, wie Radikalismus und Hass im Netz kalkuliert verbreitet werden. Mehr als 1,6 Millionen als rechtsextrem eingestufte Beiträge wurden dazu auf Facebook zwischen Februar 2017 und Februar 2018 beobachtet und analysiert. Nun wurden die Ergebnisse veröffentlicht.

Die umfassende Analyse zeigt, was in den Kommentarspalten wirklich los ist: Fünf Prozent der Accounts, die hasserfüllte Kommentare verbreiten, sind für 50 Prozent der Likes von herabwürdigenden Kommentaren verantwortlich. Durch diese gezielt angesteuerten Aktionen wird eine bestimmte Realität vorgetäuscht, die die allgemeine Meinungsbildung manipulieren soll.

Ursprünglich wurde ein Gesetz eingeführt (NetzDG), das sich auch gegen Falschmeldungen und Hetze in sozialen Netzwerken richtet. Die Zahl der rassistischen Posts ging damit zwar zurück, aber dafür starteten diverse Hass-Kampagnen im Netz: Statt wie bis dato 90.000 wurden nun 300.000 einschlägige Beiträge im Monat veröffentlicht, wie die Studie "Hass auf Knopfdruck" ergab. Dabei wird deutlich, dass es sich meist um dieselbe Strategie handelt, erläutert der Datenanalyst von ichbinhier e.V., Philip Kreißel: "Alle Shitstorms, die wir seit Beginn des Jahres bis heute analysiert haben, weisen dieselben Muster und dieselbe Gruppe an Beteiligten auf."

Die vorliegende Analyse der Studie ergibt: Das Ziel der rechtsgerichteten Hass-Kampagnen ist es, den Eindruck einer Durchschnittsmeinung zu erzeugen und die Aufmerksamkeit gesellschaftlicher oder politischer Themen in eine bestimmte Richtung zu lenken. Dies erreichen sie, indem sie mit Fake-Profilen vorrangig in unmoderierten Kommentarspalten in den sozialen Medien Hasskommentare posten oder dort Politiker und Institutionen diskreditieren. Wie aus der Studie hervorgeht, werden mithilfe von Hashtags wie "KiKAgate", "kandelistüberall" oder "120db" die Medien mit Hass überflutet, obwohl die Gruppe der produzierenden Accounts recht klein ist.

Nach Auskunft der für die Studie Verantwortlichen, werden die Kommentare von Reconquista Germanica oder anderen rechtsextremen Online-Netzwerken verantwortet. AfD-Profile und russische Medien teilen die Inhalte und greifen die Themen damit auf. Die Meldungen werden hochgepusht, erscheinen den normalen Nutzern relevant und finden infolgedessen ihren Weg in breitere Medienberichterstattungen. Laut Hannes Ley, dem Vorsitzenden des Vereins ichbinhier e.V., seien dabei besonders die Nutzer und Seitenbetreiber gefordert: "Es macht einen großen Unterschied, ob die Seitenbetreiber gängiger Medien durch Moderation präsent sind und auf Kommentare von Nutzern antworten."

Wie die User hierzulande mit dem Thema Hasskommentare umgehen, hat eine andere aktuelle Studie ermittelt. Laut der Forsa-Studie im Auftrag der Landesanstalt für Medien NRW lesen 96 Prozent der 14- bis 24-Jährigen solche "Hassreden" im Netz, mit zunehmendem Alter lässt dies nach. Etwa die Hälfte der User befasst sich nicht weiter mit den Hasskommentaren, 37 Prozent beschäftigen sich damit, 26 Prozent melden sie sogar bei dem entsprechenden Portal. Immerhin 25 Prozent der Leser antworten direkt und kritisierend. Dabei sind die 14- bis 24-Jährigen am aktivsten.

teleschau - der mediendienst

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht