MyMz
Anzeige

Er rettete uns vor der WAA

Altlandrat Hans Schuierer erhält heute die Ehrenbürgerwürde der Stadt Schwandorf.
Von Helene Geim

  • Schuierer badet nach seinem Freispruch im Disziplinarverfahren in Regensburg in einem Blumenmeer. Foto: privat

Schwandorf. Hans Schuierer und der Widerstand gegen die geplante Wiederaufbereitungsanlage für verbrauchte Kernbrennstoffe in Wackersdorf (WAA) in den 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts: Man sollte eigentlich einen Menschen nicht auf ein einziges Geschehen reduzieren. Doch mit der erfolgreichen Abwendung des Projekts, das die Bayerische Staatsregierung dem damals als „Armenhaus Deutschlands“ geltenden Schwandorfer Landkreis rigoros aufbürden wollte, wird der einstige SPD-Kommunalpolitiker in die Geschichtsbücher eingehen.

In seinem Haus in Klardorf erinnert sich Schuierer an die Zeit des Widerstands, der alle Bevölkerungsschichten im Landkreis vereint hatte. Dabei hätte er als Landrat „das Ding“ anfangs fast durchwinken lassen. Als „saubere Sache, ungefährlich und vor allen Dingen mit 3600 neuen Arbeitsplätzen“ habe man ihm die WAA schmackhaft gemacht – bei einer Arbeitslosenquote von rund 20 Prozent in der Region auch absolut verlockend. „Der damalige bayerische Umweltminister Alfred Dick hat das mir gegenüber als ,Glück für die Region’ dargestellt“, sagt Schuierer.

Ein geplanter Schornstein von 200 Metern Höhe brachte den Landrat aber ins Grübeln. Als er von der bereits gegründeten Bürgerinitiative gegen die WAA erfuhr, dass dadurch die radioaktiven Rückstände besser in der Luft verteilt werden sollten, um die Bevölkerung nicht zu gefährden, ging er im wahrsten Sinne des Wortes mit auf die Barrikaden. In der Folge wurde Hans Schuierer das Flaggschiff des Widerstands, das sich auch von teils massiven Drohungen, Disziplinarverfahren und Konfrontationen mit dem damaligen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß nicht vom Kurs abbringen ließ. Mit im Boot war auch der damalige SPD-Landtagsabgeordnete Dietmar Zierer.

„Lügenpaket“

„Die WAA war von Anfang an ein einziges Lügenpaket“, wettert Schuierer noch heute. In den Ministerien in München habe man ihn schief angeschaut, viele Landratskollegen hätten ihn als „Verrückten“ abgestempelt. Um die Anlage durchzuboxen wurden sogar Gesetze geändert. Mit der Mehrheit der CSU beschloss der Bayerische Landtag 1985 unter anderem das „Selbsteintrittsrecht des Staates“ („Lex Schuierer“). In diesem Jahr begannen nach Erteilung der Teilerrichtungsgenehmigung und angeordneter „sofortiger Vollziehbarkeit“ die Rodungsarbeiten im Taxöldener Forst. Der Bauplatz wurde zwei Mal von Demonstranten besetzt und von der Polizei jeweils nach einigen Tagen geräumt.

1986 und 1987 waren die „Hochjahre“ der Demonstrationen. An den Wochenenden zogen regelmäßig Zehntausende über die Feldwege entlang des massiven stählernen Zauns rund um die Baustelle. Begleitet wurden sie von einem massiven Aufgebot an Polizei. Gewaltanwendung war keine Seltenheit, obwohl Hans Schuierer beide Seiten stets zur Mäßigung aufrief. Das Franziskus-Marterl wurde zum Mittelpunkt von Gottesdiensten, Reden und heftigen Diskussionen.

Das Ende kam 1989. In diesem Jahr vereinbarte der Düsseldorfer Energiekonzern VEBA eine Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Wiederaufbereitung mit der französischen Nuklearfirma Cogema. Schuierer: „Der Bau der WAA wurde offiziell aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt.“ Seiner Ansicht nach war aber überwiegend der langanhaltende massive Widerstand der Bevölkerung Grund für den Stopp und die Verlagerung der Wiederaufbereitung.

Noch ein weiteres wichtiges Geschehen – etliche Jahre vor der WAA – fiel in die Amtszeit von Hans Schuierer, der von 1972 bis 1996 Landrat des Landkreises Schwandorf war: die Gebietsreform und damit der Riesenakt, aus den ehemaligen Landkreisen Nabburg, Oberviechtach, Neunburg vorm Wald, Schwandorf, einem Drittel des Landkreises Roding und Burglengenfeld ein erfolgreiches neues Gebilde zu formen.

Schuierer, der seit 1970 bereits Landrat von Burglengenfeld gewesen war, gewann 1972 die Wahl für den Chefsessel des neuen Landkreises denkbar knapp vor seinem CSU-Kontrahenten aus Neunburg, Josef Spichtinger. „Damals hätte ich eigentlich keine Mark auf mich gewettet“, schmunzelt er. „Ich hatte, nachdem aus München die Vorgabe gekommen war, dass alle Stimmzettel im Landkreis nachgezählt werden müssten, einen Vorsprung von 425 Stimmen.“

Herausforderung

Neben der Umorganisation der Verwaltung und dem Neubau des Landratsamts in Schwandorf seien die Schaffung einer zeitgemäßen Infrastruktur, der Ausbau der Schulen, die Kreiskrankenhäuser, der Aufbau des Fremdenverkehrs und die Ordnung des Vereinswesens die Herausforderungen der Folgejahre für ihn und den Kreistag , gewesen, sagt Schuierer und ergänzt: „Einen Großteil meiner Zeit habe ich für Industrieansiedlungen aufgewendet. Dies ist uns auch gut gelungen.“ In diesem Bezug findet der streitbare Geist sogar lobende Worte für die Bayerische Staatsregierung: „Die Schaffung der Industrieanlagen auf dem ehemaligen WAA-Gelände wurde von München gut gefördert.“

Dass bei all diesem Engagement die Familie zu kurz kommen musste, ist Tatsache. Hans Schuierer, der heute noch im Bezirkstag sitzt, sieht ein: „Ich hab’s schon a bisserl übertrieben.“ Jetzt genießt er die Zeit zusammen mit seiner Gattin in Klardorf – obwohl sein Terminkalender für einen Mann, der am 6. Februar 80 Jahre alt wird, noch ganz schön gefüllt ist.

Heute erhält er die Ehrenbürgerwürde der Stadt Schwandorf. Eine Auszeichnung, „die mich so ereilt hat“, schmunzelt Schuierer. Persönlich, so sagt der Träger des Bundesverdienstkreuzes und der Wilhelm-Hoegner-Medaille seiner Partei, habe er sich nie nach derartigen Ehrungen gestrebt. „Aber das heute ist schon etwas Herausragendes.“

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht