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Abschiebung: Asylhelfer sind geschockt

Ein 19-Jähriger aus Langquaid ist mutmaßlich als erster Afghane im Landkreis Kelheim abgeschoben worden.
Von Beate Weigert

Ob der 19-jährige Afghane aus Langquaid bereits in ein Flugzeug steigen musste oder noch in einem Sammellager ist, weiß niemand. Foto: Christian Charisius/dpa
Ob der 19-jährige Afghane aus Langquaid bereits in ein Flugzeug steigen musste oder noch in einem Sammellager ist, weiß niemand. Foto: Christian Charisius/dpa

Kelheim.Am Montagabend zwischen 20 und 21 Uhr fuhren zwei Polizeiautos mit vier Beamten an einer Langquaider Flüchtlingsunterkunft vor. Sie holten einen 19-jährigen Mann ab. Er wurde mutmaßlich als erster Afghane aus dem Landkreis Kelheim abgeschoben. Die Flüchtlingshelfer um Gertrud Eichenseer, die im Markt Langquaid in Teilzeit auch als Koordinatorin Asyl fungiert, sind geschockt. Landrat Martin Neumeyer, vormals Integrationsbeauftragter der Bayerischen Staatsregierung, verweist auf die Bundespolitik, das Landratsamt sei in Abschiebungen nicht eingebunden. Ihm seien die Hände gebunden (s. Infostück).

Wo er nun ist, weiß keiner

Eichenseer war am Montagabend zufällig wegen anderer Termine vor Ort. Plötzlich wurde sie geholt. Da ist Polizei, hieß es. Die Beamten kannte sie nicht. Welche Kennzeichen ihre Autos hatten, kann sie im Nachhinein nicht sagen. „Darauf habe ich in der Aufregung nicht geachtet“, sagt sie.

Die Beamten waren nicht unfreundlich, aber bestimmt. Der junge Mann erhielt nicht viel Zeit seine Sachen zu packen und sich von seiner Familie zu verabschieden. Seine Schwester lebt mit ihrem Mann und den drei Kindern in derselben Unterkunft. Für sie gilt aktuell ein einjähriger Abschiebestopp.

Das sagen der Landrat und die Schule

  • „Wir brauchen ein Krisengespräch

    mit dem Landrat“, fordert Christiane Lettow-Berger vom Kelheimer Helferkreis. Am Nachmittag erklärt Landrat Martin Neumeyer auf Nachfrage unseres Medienhauses, dass der Landkreis vor möglichen Abschiebungen keine Info erhalte von der Zentralen Ausländerbehörde (ZAB). Die Presse wisse da aktuell mehr als er. Bezüglich eines Krisengesprächs war er grundsätzlich skeptisch. „Wir können uns gerne zusammensetzen, aber der Landkreis hat keinen Einfluss auf die Bundespolitik“, so Neumeyer. Und die stufe bekanntlich Afghanistan als sicheres Herkunftsland ein. Er wolle keine falschen Hoffnungen schüren. Nur mit Schulbesuch ohne Ausbildungsplatz, seien die Perspektiven schwierig. Nichtsdestotrotz wolle er das bayerische Innenministerium kontaktieren, ob es im Fall des Flüchtlings aus Langquaid noch eine Möglichkeit zum Verbleib in Deutschland gebe.

  • „Es ist schwer

    , die Schüler bei der Stange zu halten“, sagt Manfred Neumann vom Beruflichen Schulzentrum in Kelheim, der die Berufsintegrationsklassen (BIK) koordiniert. Von knapp 150 jungen Flüchtlingen in den acht Klassen sind etwa 60 Afghanen. Etwa zwölf Lehrer betreuen die jungen Erwachsenen. Wie viele Bänke ob der Hiobsbotschaft am Dienstag leer blieben, will Schulleiter Johann Huber nicht sagen. Es dürften jedoch einige gewesen sein. Und die die zum Unterricht kamen, waren total aufgelöst. Neumann und seine Kollegen hören sich ihre Ängste an und versuchen, den Blick doch irgendwie auf den Unterricht zu lenken. Das fällt schwer, wartet der Großteil doch auf den Ausgang des Verfahrens oder hat bereits die Ablehnung in der Tasche. Neumann kennt drei Afghanen mit Anerkennung. Unsicher blickt auch das BSZ ins neue Schuljahr. Huber plant wieder mit 150 Schülern, aber wohl weniger Eingangs- und mehr Fortsetzungsklassen. (re)

Auch wohin sie den Asylbewerber brachten, der seit eineinviertel Jahren in Langquaid wohnte, wissen weder seine Angehörigen noch Gertrud Eichenseer. Sie seien nur für die Abholung zuständig, in die weitere Organisation seien sie nicht eingebunden, entgegneten die Polizisten Eichenseers Frage.

Auch am Dienstag hatte die Familie keinen Kontakt zu dem 19-Jährigen. Seit er aus der Unterkunft geholt wurde, ist die Leitung seines Handys tot, der Kontakt ist abgebrochen. Ob er schon längst im Flugzeug Richtung Kabul sitzt oder in einem Abschiebelager, weiß keiner. „Wir sind alle wie versteinert, seine Angehörigen sind ratlos, weil sie ihm nicht helfen, ihn nicht schützen konnten.“

Sammelabschiebungen kenne man sonst nur aus den Nachrichten, die passierten in großen Städten, aber doch nicht hier im Kreis Kelheim. Wenn ein Flüchtling straffällig geworden sei, könne sie eine Abschiebung noch begreifen, sagt Eichenseer, aber nicht wenn einer „ganz normal seinen Weg geht“.

Der 19-Jährige sei noch nie polizeilich auffällig gewesen. Er habe schon ganz gut Deutsch gesprochen und wollte unbedingt die Schule besuchen, eine Ausbildung machen. Er habe seine Zukunft hier in Deutschland gesehen, sagt die Asylhelferin.

Sie erlebte den 19-Jährigen als einen sehr netten geselligen und mitfühlenden Menschen, der sich um andere gekümmert habe. Zum Beispiel um seine Schwester als die krank gewesen sei. Er sei nie aggressiv oder sonst negativ aufgefallen. Doch er hatte eine zweifache Ablehnung in der Tasche. So wie sie junge, gesunde Männer oft erhalten, sagen die Ehrenamtlichen mit denen unser Medienhaus gesprochen hat.

Die Schule, die der Afghane besuchte war das Berufliche Schulzentrum Kelheim. Dort saß der 19-Jährige seit September im Unterricht.

Christiane Lettow-Berger vom Kelheimer Helferkreis weiß, dass sich die Nachricht von der Abschiebung per Whatsapp und Facebook rasend schnell herum gesprochen hat unter den jungen Afghanen. Seit Monaten quält viele bereits die Angst vor einer Abschiebung. Denn mittlerweile werde das Asylgesetz, so Lettow-Bergers Eindruck, „sehr restriktiv angewendet“, viele haben einen Ablehnungsbescheid in der Tasche. Und auch die Widersprüche fördern meist kein anderes Ergebnis zutage.

Bislang war die Gefahr theoretisch, jetzt ist sie ganz praktisch im Landkreis angekommen. „Die flippen alle aus, die haben Angst ohne Ende“, berichtet die Kelheimerin.

Und für alle, die sich für die jungen Leute stark machen, die Flüchtlingshelfer, Lehrer und all die anderen sei es wie es ein Schlag ins Gesicht. Wie soll man jungen Afghanen sagen, dass sie weiter zur Schule gehen sollen, was sollen ihnen die Freiwilligen im Landkreis, auf denen ein großes Stück der Integrationsbemühungen liegt, überhaupt sagen? „Die Parole aus Berlin und München lautet so viele Abschiebungen als möglich“, sagt Lettow-Berger. Viele der jungen Männer waren nie in Afghanistan. Die sogenannten Hazara flüchteten vielfach in den Iran, sagt Lettow-Berger. Ob das auch bei dem Abgeschobenen so ist, vermag Gertrud Eichenseer nicht genau zu sagen. Doch auch seine Familie sei von Afghanistan in den Iran gezogen. Dort lebte seine „Restfamilie“, der Vater, die Mutter.

Die Telefone klingeln heiß

Am Dienstag klingelten Gertrud Eichenseers Telefone heiß. Viele Asylhelfer aus dem Landkreis erkundigten sich bei ihr, was passiert ist und wie das Ganze abgelaufen ist. „Wir sind alle fassungslos, damit hatte keiner gerechnet,“ so die Langquaiderin.

Dienstagabend wollte sich der dortige Helferkreis treffen und das Ganze besprechen. Schauen, wie sie sich eventuell mit Helfern anderer Landkreise, die bereits Erfahrung mit Abschiebungen haben, vernetzen können, sehen, ob man solch einer Abschiebung „aus heiterem Himmel“ etwas entgegensetzen kann.

Den Artikel von Benjamin Neumaier „Abschiebung trotz Arbeitsstelle“ lesen Sie hier.

So war die lange der jungen Afghanen im Februar im Kreis Kelheim.

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