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Alleinerziehende in der Klemme

Viele Mütter haben es schwer auf dem Wohnungsmarkt. Bekommen sie Geld vom Jobcenter, wird die Lage fast aussichtslos.
Von Johannes Heil

Alleinerziehende Mütter finden in Neumarkt nur schwer eine passende Bleibe. Fotos: Florian Schuh/dpa, Heil
Alleinerziehende Mütter finden in Neumarkt nur schwer eine passende Bleibe. Fotos: Florian Schuh/dpa, Heil

Neumarkt.Melissa Wittka kann ihre Verzweiflung nur schwerlich zurückhalten, wenn sie über ihre aktuelle Lage spricht. Ihre Lippen beginnen zu beben, mit einer Hand wischt sie sich eine Träne aus dem Gesicht. „Seit einem Jahr bin ich zurück in Neumarkt“, sagt die alleinerziehende Mutter der kleinen Mia (ein Jahr alt). „Und genauso lange bin ich nun schon auf der Suche nach einer Wohnung für mich und meine Tochter.“ Doch alle bisherigen Bemühungen verliefen im Sande.

Die aktuelle Wohnsituation der 31-Jährigen lässt verstehen, warum ihr Nervenkostüm bisweilen äußerst angespannt ist. „Ich wohne mit meiner Tochter derzeit bei meiner Mutter auf 50 Quadratmeter.“ Ihre Schwester ist ebenfalls noch dort zu Hause. „Es ist für alle sehr belastend und schlägt deutlich auf das Gemüt. Das kann kein dauerhafter Zustand sein.“ Genau das droht es aber zu werden. Denn trotz aller Bemühungen – eine angemessene Wohnung ist nicht in Aussicht. „Sobald jemand Geld vom Jobcenter bekommt, ist man abgestempelt. Die Vermieter denken: ‚Die kümmert sich ja eh um nichts‘.“

Nach eigenem Bekunden habe sie schon zig Makler kontaktiert und bei Gott und der Welt angerufen, um eine Bleibe zu bekommen. „Ich schaue in der Zeitung, auf Facebook, frage bei Bekannten – aber es ist immer das Gleiche.“ Das Gleiche, das bedeutet in Melissa Wittkas Fall: Entweder es gibt keine passenden Wohnungen oder die Vermieter senken den Daumen. „Viele Vermieter wollen lieber einen Hund als ein Kind“, sagt sie. „Ich hätte niemals gedacht, dass die Leute derart ablehnend reagieren.“ Für einen Einzelfall hält sie sich nicht. „Ich habe genügend Bekannte oder Freunde, denen es genauso geht“, berichtet sie.

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Alleinerziehende-in-der-Armutsfalle?

25 Wohnungen angeschaut

Dass Melissa Wittka mit ihren Problemen kein Einzelfall ist, das beweist auch der Fall von Chelsey Walks. Sie wohnt mit ihren beiden Kindern Damian (wird im Oktober zwei) und Destiny (fünf Monate) auf 45 Quadratmetern. Seit dem August 2016 ist sie alleinerziehend, der Vater der Kinder ist zurückgekehrt in seine Heimat in die USA. „Es ist wirklich schlimm. Ich habe mir bestimmt schon 25 Wohnungen angeschaut, aber nichts bekommen.“

Dabei bräuchte sie dringend eine größere Bleibe für sich und ihre Kinder. Auch Walks berichtet, dass der Umstand, vom Jobcenter Geld zu beziehen, ein großes Hindernis darstelle. Eine ältere Frau habe am Telefon einmal einfach aufgelegt, als sie anrief und sich nach einer ausgeschriebenen Wohnung erkundigte. „Es werden zwar Immobilien gebaut, aber leider nur für Leute, die Geld haben“, sagt sie weiter. In Sozialwohnungen hingegen werde nur wenig investiert.

Dass sich die Situation alleinerziehender Mütter auf dem Wohnungsmarkt auf absehbare Zeit ändert, erscheint unwahrscheinlich. Das sagt zumindest Immobilienmakler Hans-Werner Gloßner von Gloßner Immobilien. „Bezahlbaren Wohnraum gibt es eigentlich nicht mehr.“ Seit den 90er-Jahren seien nur sehr wenige Zwei-Zimmer-Wohnungen gebaut worden – und wenn, dann nur im oberen Preissegment.

„Bezahlbaren Wohnraum gibt es eigentlich nicht mehr.“

Immobilienmakler Hans-Werner Gloßner

Ein weiteres Problem sei, dass die Vermieter mittlerweile ganz genau vorschreiben könnten, wen sie als Mieter haben wollen – und wen eben nicht. „Wohnungsbesichtigungen sind heutzutage zu einer Art ‚Casting‘ geworden. Das sind nicht selten Veranstaltungen, in denen dann derjenige den Zuschlag bekommt, der sich am besten zu verkaufen weiß“, sagt Gloßner. Wer dort arbeitslos und alleinerziehend sei, werde schnell abgestempelt und habe kaum eine Chance. „Das ist eine sehr erschreckende Entwicklung“, sagt Gloßner weiter.

Versäumnisse in der Vergangenheit

Passender Wohnraum für alleinerziehende Mütter ist rar. Foto: Daniel Bockwoldt/dpa
Passender Wohnraum für alleinerziehende Mütter ist rar. Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

Des Weiteren sei Neumarkt eine Zuzugsstadt, führt Gloßner an, es gebe Jobs, die Arbeitslosenquote ist sehr gering. Angesichts dieser Prosperität sei es versäumt worden, Sozialwohnungen zu bauen. Außerdem sei es mittlerweile fast ein Ding der Unmöglichkeit, billig neue Wohnungen zu errichten: „Aufgrund der rigiden Bauvorschriften, gibt es so viele Regeln einzuhalten, dass es kaum noch möglich ist, billig zu bauen“, sagt Gloßner. „In der Politik wird immer darüber gesprochen, wie wichtig Bildung sei. Dabei müsste man auch dafür sorgen, dass genügend passender Wohnraum vorhanden ist.“

Auch bei der Caritas in Neumarkt ist das Thema ein ständiger Begleiter. „Wir haben täglich mit diesem Problem zu tun“, sagt Brigitte Falkner von der Sozialberatung der Caritas. „Sobald jemand Geld vom Jobcenter bezieht, wird es sehr schwierig, eine passende Bleibe zu finden.“ Meistens sei es darüber hinaus schwierig, die Mietobergrenzen des Jobcenters einzuhalten.

„Wir haben täglich mit diesem Problem zu tun.“

Brigitte Falkner von der Sozialberatung der Caritas

Nicht selten würde den Müttern als Konsequenz angeboten, in Wohncontainern unterzukommen, in denen teilweise auch Obdachlose beheimatet seien. Für Falkner ist das aber keineswegs eine geeignete oder auch nur zumutbare Lösung: „Das ist definitiv nicht das richtige Umfeld, um ein Kind groß zu ziehen“, sagt sie. Für Falkner fehlen momentan auch die Lösungsansätze. „Wir von der Sozialberatung tun, was wir können. Aber eine wirkliche Handhabe haben auch wir nicht, um den Müttern tatsächlich zu helfen.“

Trotz der widrigen Rahmenbedingungen: Aufgeben werden sowohl Melissa Wittka als auch Chelsey Walks nicht – vor allem wegen ihrer Kinder werden sie weiterkämpfen. Sie eint die inständige Hoffnung, für ihre kleinen Familien ein passendes Dach über den Kopf zu finden.

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