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Der stillste Stammtisch in ganz Kelheim

Im Wirtshaus wird gerne geratscht. Das ist bei Gehörlosen nicht anders. Und doch ist es ganz anders. Wir haben „hingehört“.
Von Gabi Hueber-Lutz

Wenzel, Bernhard und Doris formen die Zeichen für Deutsche Gebärdensprache Foto: Gabi Hueber-Lutz
Wenzel, Bernhard und Doris formen die Zeichen für Deutsche Gebärdensprache Foto: Gabi Hueber-Lutz

Kelheim. Der Tisch im Weißen Lamm ist sehr gut geeignet für die Gruppe, die hier in großer Stille sitzt. Die Seiten sind gleich lang, jeder sieht jeden, und sie sind in eifrige Kommunikation vertieft. Allerdings nicht mit Worten, sondern mit Handzeichen und Mimik – in Gebärdensprache. Jeden dritten Montag im Monat trifft sich hier der Stammtisch der Menschen, die kein Gehör haben, und Hörenden, die Gebärdensprache lernen.

Annemarie (links) und Heike im Dialog. Foto: Gabi Hueber-Lutz
Annemarie (links) und Heike im Dialog. Foto: Gabi Hueber-Lutz

Silvia, Georg, Annemarie und Wenzel sind taub oder sehr hochgradig beeinträchtigt. Heike, Nicole, Doris und Bernhard haben an der VHS einen Kurs in Gebärdensprache absolviert. Heike Huber hat ihn initiiert. Sie ist am Landratsamt Kelheim an der Koordinationsstelle Inklusion tätig. Der Kurs ist das Ergebnis einer Befragung am Landratsamt, wie man besser mit Menschen mit Beeinträchtigung umgehen könnte. Wenzel Spreitzer, selbst gehörlos, hat den Kurs gehalten.

Heike (links), Nicole und Georg sind ins Gespräch vertieft. Foto: Gabi Hueber-Lutz
Heike (links), Nicole und Georg sind ins Gespräch vertieft. Foto: Gabi Hueber-Lutz

Gebärdensprache ist eine sehr zugewandte Sprache. In Kleingruppen unterhalten sich die acht Menschen am Tisch, die Hände immer in Bewegung. Man muss sich dem Gegenüber wirklich zuwenden und aufmerksam sein, damit man sich versteht. Das schafft Nähe.

Was kaum bekannt sein dürfte: Die Gebärdensprache ist eine ganz offizielle Sprache. Jeder Gehörlose hat das Recht auf einen Dolmetscher, wenn er in einem Amt ist. Deshalb gibt es zum Beispiel an der Hochschule Landshut einen Studiengang Gebärdensprachdolmetschen.

In einem Gymnasium in Nürnberg gibt es Gebärdensprache als Wahlfach

Nürnberg: Gebärdensprache als Wahlfach

Es gibt ein Buchstaben-Alphabet, aber die eine Gebärdensprache, die von Flensburg bis Garmisch gleich gesprochen wird, gibt es nicht. Denn die Gebärdensprache ist eine höchst lebendige Sprache, die sich auch regional entwickelt. Und wenn man sie gerade erst lernt, ist es, wie mit jeder anderen Fremdsprache auch: Wenn die „alten Hasen“ schnell sprechen, kommen die Neueinsteiger nicht mehr mit.

Eine höchst lebendige Sprache

Bedienung Claudia bringt das Essen. Alle klopfen auf den Tisch. Das heißt „Guten Appetit“. Sie bleibt am Tisch stehen, erzählt von einem Erlebnis, das sie offensichtlich immer noch berührt. Bei einer Schiffsreise war ein Mann dabei, der taub war. Als die Gruppe das merkte, hat sie sich seiner angenommen, so dass er auch Ausflüge mitmachen konnte. „Da ist so eine herzliche Verbindung entstanden, das hat die ganze Gruppe zusammengeschweißt.“ Die Hörenden am Tisch nicken, übersetzen. Keiner ist verwundert über diese Erfahrung.

Bei der Gebärdensprache spielt die Mimik eine große Rolle. Foto: Gabi Hueber-Lutz
Bei der Gebärdensprache spielt die Mimik eine große Rolle. Foto: Gabi Hueber-Lutz

Mittlerweile sind die neuen Medien sehr hilfreich für taube Menschen. Wenn sie telefonieren müssen, können sie das per Skype in einer Dreiersitzung mit einem Dolmetscher tun. Ausbaufähig ist das Notrufsystem, erzählen die gehörlosen Mitglieder des Stammtisches. So gibt es eine Faxnummer, an die man ein Formular senden kann, auf dem man ankreuzt, ob man die Feuerwehr, die Polizei oder den Notarzt braucht. Die sei aber nur bis 23 Uhr besetzt.

Heike und Georg Sprechen fürs Foto. Der Rest amüsiert sich. Foto: Gabi Hueber-Lutz
Heike und Georg Sprechen fürs Foto. Der Rest amüsiert sich. Foto: Gabi Hueber-Lutz

Silvia arbeitet in der Tiefbauabteilung des Landratsamtes. Mit Kollegen kommuniziert sie per Mail oder anderweitig schriftlich. Sehr gefreut hat sie sich, als Heike Huber sie „angesprochen“ hat und ihr mit den Händen erzählt hat, dass sie jetzt Gebärdensprache lernt.

Man darf sich nicht genieren

Eines ist wichtig: „Wenn man Gebärdensprache spricht, darf man sich nicht genieren“, sagt die Frau von der Koordinationsstelle Inklusion. Denn zusätzlich zu den Gesten spielt natürlich auch die Mimik eine große Rolle. Da werden die Backen aufgeblasen oder die Zunge herausgestreckt. Wie jede lebendige Sprache kennt auch die Gebärdensprache Dialekte.

Grundlegend anders

  • Statistik:

    In der Bundesrepublik Deutschland leben ungefähr 80 000 Gehörlose. Nach Angaben des Deutschen Schwerhörigenbundes gibt es außerdem zirka 16 Millionen Schwerhörige. Um die 140 000 davon haben einen Grad der Behinderung von mehr als 70 Prozent und sind auf Gebärdensprach-Dolmetscher angewiesen.

  • Gebärdensprachen:

    Damit sind visuell-manuelle Sprachen gemeint, die natürlich entstanden sind. Sie bestehen neben Handzeichen aus Mimik und Körperhaltung. Sie verfügen über ein umfassendes Vokabular und eine eigenständige Grammatik, die grundlegend anderen Regeln folgt als die Grammatik gesprochener Sprachen. Gebärdensprachen sind ebenso komplex wie gesprochene Sprachen, auch wenn sie anders aufgebaut sind. Von der Sprachwissenschaft sind Gebärdensprachen als eigenständige, vollwertige Sprachen anerkannt.

  • Stammtisch:

    Der Kreis der Gehörlosen und der Menschen, die Gebärdensprache lernen, treffen sich jeden dritten Montag im Monat ab 19 Uhr im Weißen Lamm, Ludwigstraße 12. Interessierte können einfach kommen. (lhl)

Im katholischen Bayern wird das Wort Sonntag zum Beispiel mit gefalteten Händen dargestellt. In anderen Teilen Deutschlands streift man sich über die Brust. Diese Geste macht auf die gute Kleidung aufmerksam, die man am Sonntag trägt. Das Zeichen für Kelheim ist ein kreisender Finger, der die Befreiungshalle darstellt. Bei Abensberg „bescheißt man ein bisschen“. Abens wird mit Abend gleichgesetzt und das Zeichen für Abensberg setzt sich aus den Zeichen für Abend und Berg zusammen. Bei Nürnberg spielen die Bratwürste eine Rolle, bei Regensburg der Regen und die Burg. Oder der Dom, je nach regionaler Auffassung.

Sie „sagt“ wer sie ist: Jeder der diese Handstellung sieht, weiß um welche Person es geht. Die Raute ist auch das „Wort“ für Bundeskanzlerin  Angela Merkel in der Gebärdensprache. Foto: Michael Kappe/dpa
Sie „sagt“ wer sie ist: Jeder der diese Handstellung sieht, weiß um welche Person es geht. Die Raute ist auch das „Wort“ für Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Gebärdensprache. Foto: Michael Kappe/dpa

Eine Geste scheint aber universell zu sein: das Zeichen für die Bundeskanzlerin. Wie auf Kommando formen sich sämtliche Hände zur Raute.

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