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Deutschunterricht im Rathaussaal

In Mintraching kümmert sich ein Helferkreis um Flüchtlinge. Für Frauen gibt es sogar Sprachkurse mit Kinderbetreuung.
Von Michael Jaumann, MZ

  • Deutsch für Frauen von Asylbewerberfamilien: Kristin Nuss kümmert sich im Sitzungssaal der Gemeinde darum. Zweimal die Woche ist Unterricht. Foto: Jaumann
  • Damit die Mamas lernen können, kümmern sich Jirina Niebler und Tanja Metz im Untergeschoss des Rathauses Mittwoch und Freitag um deren Kinder. Foto: Jaumann

Mintraching.„Kommst du aus Deutschland“, fragt Kristin Nuss und betont deutlich jede Silbe. „Nein, ich komme aus Syrien“, antwortet Sahra. Die Namen verschiedener Länder stehen an diesem Vormittag mit Kreide an einer Tafel im Sitzungssaal des Rathauses angeschrieben. Mit ihnen formen die Lehrerin und ihre mit Kopftüchern bedeckten Schülerinnen einfache Fragen und Antworten.

Wie ihre Mitschülerinnen Rayan, Sumiah oder Kadeja kommt auch Sahra tatsächlich aus Syrien. Fünf syrische Familien leben in Mintraching, allesamt anerkannte Asylbewerber. Die Mehrzahl von ihnen wohnt nicht mehr in den Übergangsunterkünften, sondern hat Wohnungen gefunden. Während die Männer in Kursen der Volkshochschule Deutsch lernen, haben es ihre Frauen, vor allem, wenn sie kleine Kinder haben, schwerer. Eine Kinderbetreuung gibt es bei den Integrationskursen in Neutraubling schon lange nicht mehr.

Zweimal pro Woche Unterricht

Der Helferkreis Mintraching hat mit Hilfe von Bürgermeisterin Angelika Ritt-Frank eine Lösung gefunden. Jeden Mittwoch und Freitag unterrichten die Ehrenamtlichen Karin Drexler oder Kristin Nuss im Rathaus die Frauen jeweils eine Stunde lang. Der Nachwuchs spielt einstweilen im Untergeschoss des Rathauses in den Räumen der Mutter-Kind-Gruppe – betreut von Jirina Niebler und Tanja Metz.

An die 15 Ehrenamtliche wie Erwin Drexler, der früher jahrelang in der Rumänienhilfe Mintraching engagiert war, kümmern sich im Mintrachinger Helferkreis um die aus dem umkämpften Homs oder Aleppo geflohenen Menschen. Den Anstoß gab vor rund eineinhalb Jahren die Bürgermeisterin, die damit auf die Flüchtlingswelle aus Syrien und die auch in Mintraching entstehenden Übergangswohnungen für Flüchtlinge reagierte.

Für den organisatorischen Überbau des Helferkreises sorgt die Seelsorgegemeinschaft, die sich laut Pfarrer Klaus Beck dazu gerne bereitfand. Über den Hilfsfonds der Diözese unterstützt die Kirche die Arbeit der Ehrenamtlichen. Die Lehrbücher, mit der Kristin Nuss ihre Frauen unterrichtet, wurden aus den Mitteln des Fonds bezahlt.

Ein syrischer Dolmetscher hilft

Der Mintrachinger Helferkreis unterstützt die fünf Familien in der Gemeinde und noch eine weitere, die in eine Nachbargemeinde gezogen ist. Etwa 25 Männern, Frauen und Kindern gilt ihr Augenmerk. Die Helfer begleiten ihre Schützlinge zu Behördengängen und erledigen mit Hilfe von Dolmetscher Faisal Farzat, der am Ort wohnt, den Papierkram. Sie besorgen Möbel und Fahrräder oder Klamotten in der Kleiderstube der Pfarrei Mintraching. Sie fahren mit ihnen zum Einkaufen und zu Ärzten, sie übernehmen die Kommunikation mit Kindergärten und Schulen. Und sie bringen die Syrer in Arbeit. Einer lernt Elektriker, eine Verkäuferin und einer arbeitet als Hilfskraft – alles vom Helferkreis vermittelt, berichtet Erwin Drexler. „Zwischen den Helfern und den Familien sind enge Kontakte entstanden“, weiß Bürgermeisterin Ritt-Frank.

Friedlicher Agathasee statt Granatenlärm in Aleppo. Der Helferkreis organisierte im Sommer einen Ausflug nach Riedenburg. Im Mai geht es in den Straubinger Tiergarten. Foto: Faisal Farzat
Friedlicher Agathasee statt Granatenlärm in Aleppo. Der Helferkreis organisierte im Sommer einen Ausflug nach Riedenburg. Im Mai geht es in den Straubinger Tiergarten. Foto: Faisal Farzat

Kontakte zu den Menschen über den Helferkreis hinaus sind vor allem für die Frauen rar. Zu den Nachbarn habe sie schon Kontakt, erzählt Sahra, die zunächst gut Deutsch lernen will und die fremde Sprache mit Hilfe von WhatsApp trainiert. Die jungen Burschen haben noch am ehesten über den Fußball Zugang zu ihren neuen Mitbürgern. Für Mädchen ist es wegen der traditionellen Rollenbilder der Syrer schon schwieriger. Etwa alle vier Wochen treffen sich die Syrer, die Ehrenamtlichen und alle, die sonst Lust haben, im Café International. Bis zu 60 Leute finden sich da zusammen.

Die Leute hier sind nett, versichern die syrischen Frauen nach ihrer Stunde Sprachkurs. Am liebsten würden sie auf Dauer in Mintraching leben bleiben. Auch wenn sie immer an ihre Heimat denken müssen. Dass sie bald wieder dorthin zurückkehren können, dazu fehlt ihnen aber der Glaube. Über das Smartphone halten sie Kontakt zu Freunden und Familie in Syrien und erfahren stets aufs Neue von den Gräueln des Bürgerkriegs. „Ohne Sicherheit gibt es für uns keine Rückkehr“, übersetzt Faisal.

Ein Interview mit dem ehrenamtlichen Helfer Erwin Drexler finden Sie hier.

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