MyMz

Die große Not an den Schulen

An Grund- und Mittelschulen fehlen Lehrer. Die Situation wird immer schlimmer, Besserung ist erst mal nicht in Sicht.
Von Bernhard Fleischmann, MZ

  • Englisch-Unterricht in einer Grundschule – viele Stunden fallen wegen Lehrermangels aus. Foto: dpa
  • Ursula Schroll, Vorsitzende des Bezirks Oberpfalz im Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverband (BLLV) Foto: MZ-Archiv/Gaupp

Regensburg.Vor 36 Jahren ist Ursula Schroll in den Schuldienst gestartet, seit 20 Jahren leitet sie eine Schule. Aber:„So schlimm wie jetzt war es noch nie. Die Lage ist fast katastrophal.“ So schonungslos schätzt die Leiterin der Grund- und Mittelschule Mühlhausen (Landkreis Neumarkt) die Versorgung der Grund- und Mittelschulen in Ostbayern mit Lehrern ein. Als Vorsitzende des Bezirks Oberpfalz im Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverband (BLLV) weiß sie Bescheid über den Mangel an Pädagogen.

Wegen der immensen Lücken steht der Freistaat nun bei der Frühpensionierung von Lehrern stark auf der Bremse. Wie am Wochenende bekannt wurde, sollen entsprechende Anträge für Februar 2018 nicht genehmigt werden. Das bestätigte das Kultusministerium. Lehrer, die vorzeitig in Ruhestand gegen wollen, müssen somit bis zum Schuljahresende warten. An einer endgültigen Lösung werde noch gearbeitet.

Der Markt ist leergefegt

Ausgenommen von dieser Regelung sollen nur dienstunfähige und behinderte Lehrer sein. Der Grund für diese Maßnahme des Ministeriums: Gehen mehrere hundert Lehrer in Frühpension, gibt es keine jungen Lehrer, die übernehmen könnten. Denn der Markt für Grund- und Mittelschullehrer ist leergefegt. Der Freistaat kann nicht genügend Lehrer einstellen, weil es schlicht keine ausgebildeten Pädagogen für diese Schularten gibt.

Ursula Schroll versteht, dass das Kultusministerium solche Schritte unternimmt, um der Not Herr zu werden. Aber das reiche nicht. Das Problem zeichne sich schon lange ab, die Situation verschärfe sich stetig. An ihrer Schule in Mühlhausen sei das laufende Schuljahr noch keine 10 Tage so abgelaufen, wie es der Stundenplan vorsieht. „Wir fahren ständig Notprogramme“, erklärt die Schulleiterin.

Mobile Reserve war gleich verplant

Für Ausfälle von Lehrern, vor allem für Krankheitsfälle, gibt es die mobile Reserve – Lehrer die zur Verfügung stehen, um ad hoc auszuhelfen. Nur in diesem Jahr seien diese mobilen Reserven von Anfang an ziemlich immobil gewesen, weil sie nahezu komplett in langfristigen Einsätzen gebunden gewesen seien. Das sind etwa Vertretungen von Langzeitkranken oder von Schwangeren. Wenn dann Lehrer mit kurzfristigen Erkrankungen ausfallen, fehlt es an akutem Ersatz.

Unterricht ausfallen zu lassen, ist nicht so einfach möglich. Schüler in Ganztagsklassen kann die Schule nicht einfach heimschicken, weil unklar ist, ob zu Hause ihre Betreuung sichergestellt ist. Die Schulbusse fahren nach einem fixen Terminplan, also verbietet es sich auch, die Schüler eine Stunde früher zu entlassen. Somit muss die Schule mitunter „auf Biegen und Brechen“ irgendeinen Unterricht für diese Zeit auf die Beine stellen. Solche Notstunden gelten aber dann in der Statistik nicht als ausgefallener Unterricht. Deswegen sähen die offiziellen Zahlen viel besser aus als die Realität, sagt Schroll. Der ständige Notbetrieb zermürbe Lehrer wie Schulleitung.

„Es ist überall gleich schlecht.

BLLV-Regionalvorsitzende Ursula Schroll

Eine Insel der Seligen sei nicht auszumachen, sagt die regionale BLLV-Vorsitzende. In der Oberpfalz sei es „überall gleich schlecht“. Genauere regionale Auskünfte waren am Montag nicht zu erhalten. Die Leiter der Schulämter befanden sich auf einer Tagung.

Es gibt Klagen von Eltern, dass Oberbayern, vor allem München und sein Speckgürtel, so viele Lehrer aus dem Rest Bayerns absauge. Das hält Schroll für unberechtigt. Denn in München steige die Zahl der Schüler, während sie anderswo eher stagniert oder sinkt. In München gebe es bei weitem nicht genug Lehramtsstundenten, also müsse es einen Ausgleich geben.

Frühpensionierung ab 64 möglich

Der Effekt durch den Stop der Frühpensionierungen dürfte überschaubar bleiben. Es gilt: Ein Lehrer muss mindestens 64 Jahre alt sein, um sich zum kommenden Halbjahr frühpensionieren zu lassen. Das wird sich im Laufe der Zeit weiter nach hinten verschieben, weil nach Geburtsjahrgängen gestaffelt eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit bis 67 gilt. Im vergangenen Jahr wurden in Bayern rund 400 Lehrerinnen und Lehrer frühpensioniert, auf die Oberpfalz entfielen 30 bis 40.

Es gibt auch zu viele Lehrer

Während die Wartelisten für junge Lehrer bei Grund- und Hauptschulen leergefegt sind, gibt es aber viel zu viele Bewerber für Realschulen und Gymnasien. Bei Gymnasiallehrern kommt laut der Lehrerbedarfsprognose des Kultusministeriums eine freie Stelle auf fünf Studienabsolventen. Gymnasiallehrer verdienen mehr Geld und müssen weniger Stunden halten als Grund- und Mittelschullehrer.

Das Problem der Prognose

Dieser Unterschied gilt als einer von mehreren Gründen, warum Angebot und Nachfrage bei Lehrern oft so schlecht zusammenpassen, obwohl man glaubt, die Schülerzahlen und die Lehrerpensionierungen müssten vorhersehbar sein. Das stimmt nur zum Teil, heißt es beim Kultusministerium. Denn die Wanderungsbewegungen sowohl innerhalb Deutschlands als auch der Zuzug aus dem Ausland unterliegen kaum voraussagbaren Schwankungen. Eine weitere Rolle spielt die Entwicklung der Wirtschaft – mit Folgen für den Arbeitsmarkt und das Angebot an Ausbildungsplätzen.

Für Lehrer, die in ihrer Schulart keinen Job finden, gibt es die Möglichkeit der Zweitqualifizierung. Auf diesem Weg können sich etwa Gymnasiallehrer zudem zum Mittelschullehrer qualifizieren. Das ist wegen der niedrigeren Bezahlung nicht beliebt. So ist zu erwarten, dass ein Gymnasial- und Realschullehrer einer Mittelschule bei der ersten Gelegenheit wieder den Rücken kehrt. Langfristig müssen nach Schrolls Ansicht Lehrer so ausgebildet werden, dass sie an allen Schularten unterrichten können. „Siebtklässler sind nicht so unterschiedlich, dass sie drei verschiedene Lehrer brauchen.“

Weitere Artikel aus Bayern gibt es hier

Aktuelles aus der Region und der Welt gibt es über WhatsApp direkt auf das Smartphone: www.mittelbayerische.de/whatsapp

Kommentar

Lehren aus der Leere

Ja, der immense Zuzug von Flüchtlingen hat den Lehrermangel an Grund- und Mittelschulen verschärft. Aber nicht geschaffen. Abgesehen davon, dass viele...

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht