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Eier-Skandal: Das Gift im „Wundermittel“

Der Einsatz von Chemikalien im Hühnerstall ist streng geregelt. Aber Fipronil versprach sanfte Hilfe gegen Blutsauger.
Von Elmar Stephan, dpa

Viele Fragen sind noch offen in dem Skandal um Fipronil im Ei. Bundesweit untersuchen Prüflabore Eier auf das Insektizid. Nun hat sich auch die Justiz eingeschaltet. Die Staatsanwaltschaft Oldenburg leitete gegen niedersächsische Landwirte ein Ermittlungsverfahren ein. Foto: dpa
Viele Fragen sind noch offen in dem Skandal um Fipronil im Ei. Bundesweit untersuchen Prüflabore Eier auf das Insektizid. Nun hat sich auch die Justiz eingeschaltet. Die Staatsanwaltschaft Oldenburg leitete gegen niedersächsische Landwirte ein Ermittlungsverfahren ein. Foto: dpa

Hannover.Was für Hund und Katze erlaubt ist, geht für Hühner gar nicht: Das Insektizid Fipronil, das seit den 1990er Jahren sehr beliebt ist als Anti-Floh-Mittel bei Haustieren und auch in Ameisenködern verwendet wird, ist für das Desinfizieren von Hühnerställen streng verboten. Inzwischen weiß ganz Europa, warum: Auch wenn den Tieren das Mittel nicht verfüttert, sondern im Stall versprüht wurde, haben es die Hennen im Körper aufgenommen. Über die Haut, beim Einatmen, auch beim Herumpicken, erklärt Manfred Kietzmann, Experte für Pharmakologie bei der Tierärztlichen Hochschule Hannover.

Der Stoff reichere sich in den für die Dotterbildung zuständigen Zellanlagen, den Follikeln, an, erklärt Kietzmann. „Deshalb findet man das Fipronil auch hauptsächlich im Eidotter.“ Fipronil ist lipophil, also fettliebend. Die Reifung des Eis im Huhn dauere ungefähr zehn Tage. „Das heißt, der Wirkstoff, der heute in einem Follikel eingelagert wird, wird dann in zehn Tagen in dem Ei sein.“

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Milben beringen Hennen in Gefahr

Weil sich chemische Substanzen sehr schnell im Körper der Hühner ansammeln und dann auch im Ei zu finden sind, ist die Zahl der zugelassenen Arzneimittel für Legehennen sehr eingeschränkt. Tiermedikamente werden vor ihrer Zulassung getestet, ob sie Rückstände in Fleisch oder Eiern hinterlassen, heißt es auf den Seiten des Wissenschafts- und Informationszentrums Nachhaltige Geflügelwirtschaft.

Nun haben viele Landwirte in Belgien und den Niederlanden und auch eine Handvoll Betriebe in Niedersachsen ein Mittel mit Fipronil eingesetzt, allerdings wohl ohne zu wissen, dass es das Insektenmittel illegalerweise enthält. Sie verwendeten Dega-16, ein homöopathisches Mittel aus ätherischen Ölen, das gegen einen problematischen Parasiten helfen soll: die Rote Vogelmilbe. „Bestimmt zwei Drittel aller Legehennenhalter in Europa haben ein Problem mit diesem Blutsauger“, sagt Dieter Schulze, Veterinär in einer Tierarztpraxis in Niedersachsen. Die Milben kriechen nachts auf die Vögel, siedeln sich unter den Flügeln an und saugen das Blut der Tiere. Das Problem gebe es bei allen Haltern, egal ob Bio, Freiland, Bodenhaltung oder Käfig.

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Das Ungeziefer macht aggressiv

Für die Hennen sind Milben nicht nur lästig, sie können sogar bis zum Tod der Tiere wegen Blutarmut führen. Milben können Krankheitserreger übertragen, etwa die Vogelgrippe oder Geflügelcholera, erklärt Schulze. Und: Milben machten die Gruppe unruhig – ein zusätzliches Problem, wenn, wie inzwischen in Niedersachsen, das Kürzen der Schnäbel verboten ist. Denn aggressivere Tiere picken mehr aufeinander ein und verletzen sich. Die Krankheitsgefahr steigt und die Legeleistung sinkt.

Zugelassen gegen Milben sind vier Klassen chemischer Produkte; drei seien aber schon so lange auf dem Markt, dass die Milben Resistenzen entwickelt hätten, sagt Schulze. Ein neueres Insektizid mit dem Namen Spinosad habe zwar eine sehr gute Wirksamkeit, sei aber extrem teuer. Den gesamten Stall damit zu desinfizieren, gehe nicht. „Man nimmt es für lokal begrenzte Anwendungen“.

Inzwischen habe sich vor allem in Deutschland eine Methode durchgesetzt, bei der der leere Stall komplett mit Kieselgur behandelt wird, mit Siliciumdioxid. Wie eine weiße Kalkfarbe wird das flüssige Silikat auf die Innenausstattung des Stalls gesprüht. Milben bewegen sich kriechend fort, das Silikat sorgt dafür, dass der Chitinpanzer der Tiere aufreißt und die Milben vertrocknen. „Es ist ein rein physikalisches Mittel, was uns in der Bekämpfung der Roten Vogelmilbe sehr weiter gebracht hat“, sagt Schulze. Auch große Geflügelbetriebe hätten dank Silikat keine Milbenprobleme.

Aber auch, wenn der Stall milbenrein ist, wenn die neue Hühnergruppe eingestallt wird: Nach einer gewissen Zeit kommen die Parasiten wieder. Jetzt kommen zwei Faktoren zusammen: Die Legehennen bleiben sehr lange im Stall, bis zu anderthalb Jahre. Und gerade im Sommer vermehren sich Milben stark. Nach längerer Zeit können sie also wieder zu einem größeren Problem werden. „Eine Silikatbehandlung können sie nicht machen, weil Tiere im Stall sind“, sagt Schulze.

Als sich das offiziell homöopathische Mittel Dega-16 mit seiner illegalen Fipronil-Beigabe als hochwirksam gegen die Rote Vogelmilbe zeigte, griffen Landwirte zu. Schulze nimmt die Betriebsführer in Schutz. „Das kann der einzelne Tierhalter nicht abschätzen. Dieses Produkt hatte eine Registrierung und eine Zulassung.“

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