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Ein Abend über guten Journalismus

Bei unserer Leserkonferenz sprechen etwa 75 Gäste mit der Redaktion über heikle Themen, Fehler – und Glaubwürdigkeit.
von Sebastian Heinrich, MZ

Kritisches, Lob, Fragen: Eine Momentaufnahme aus der Leserkonferenz in unserem Medienhaus. Foto: Ronja Bischof
Kritisches, Lob, Fragen: Eine Momentaufnahme aus der Leserkonferenz in unserem Medienhaus. Foto: Ronja Bischof

Regensburg.Das mit der Treue ist vielen wichtig. Vorname, Name – und eine Zahl oder ein Halbsatz, die dafür stehen, was sie mit der Mittelbayerischen verbindet. Niemand hat sie dazu aufgefordert, aber so stellen sie sich vor. Hanns Jochen Drießle, seit 1983 MZ-Leser; Kurt Rappl, 192 Leserbriefe geschrieben, 178 veröffentlicht; Kolja Frank, für den die Mittelbayerische ein Stück Heimat ist während seines Studiums in Heidelberg. Drießle, Rappl und Frank sind drei der etwa 75 Menschen, die am Mittwochabend in die Kantine des Medienhauses gekommen sind, um mit Redakteuren der Mittelbayerischen darüber zu reden, was für sie guter Journalismus bedeutet.

Das Medienhaus selbst als Thema

Unser Medienhaus ist für viele ein täglicher Begleiter. Es sorgt für Gesprächsstoff in der Region, mit Geschichten über Politik vom Gemeinderat bis zum Weißen Haus in Washington, über Wirtschaft, Sport, Gesellschaft, spannende Menschen, über Traditionen und Veränderungen – über das, was die Leute in Ostbayern bewegt. Manchmal ist aber auch die Mittelbayerische selbst Gesprächsthema. Das Ziel der Leserkonferenz war es, Leser und Redakteure darüber miteinander direkt ins Gespräch zu bringen.

Die Mittelbayerische hat im Mai zu der Veranstaltung eingeladen – und an den weißen Kantinentischen sind fast alle Plätze besetzt. Am Eingang steht Chefredakteur Manfred Sauerer. Die Newsdesk-Leiter Claudia Bockholt und Christian Kucznierz sowie der Social-Media-Verantwortliche Mathias Wagner stehen an einem Stehtisch. Die Redakteurinnen Jana Wolf und Katrin Wolf moderieren die Veranstaltung, auch im Publikum sitzen Redakteure. Die Journalisten beantworten die Fragen, kontern die Kritik, bedanken sich für das Lob.

Chefredakteur Manfred Sauerer begrüßte und verabschiedete die Gäste. Foto: Ronja Bischof
Chefredakteur Manfred Sauerer begrüßte und verabschiedete die Gäste. Foto: Ronja Bischof

Es sind unterschiedliche Punkte, die Leser beanstanden. Da sind Ungenauigkeiten, Rechtschreibfehler, sachliche Fehler. Drießle, seit 34 Jahren Leser der gedruckten Zeitung, hält eine Wirtschaftsseite in den Händen, mit dem Bild eines Strom-Erdkabels, das in Wahrheit viel zu klein sei. „Das führt zu einer falschen Wahrnehmung“, sagt er. Franz Josef Schulla wünscht sich weniger Fremdwörter und eine einfachere Sprache, Drießle wiederum weniger wertende Ausdrücke wie „Rambo-Radler“. Leser Albert Schmalzbauer kommt die Nitratbelastung des Grundwassers in der Berichterstattung zu kurz. Er ruft aus: „Da fehlt es komplett an Meinungsbildung!“

Der Versuch, Fehler auszumerzen

Die Redaktion geht auf jeden Kritikpunkt ein. Die Fehler? Newsdeskleiterin Bockholt sagt: „Wir versuchen, diese Fehler auszumerzen, soweit es möglich ist“. Wie in anderen Bereichen passierten auch in einer Redaktion Fehler, ergänzt ihr Kollege Kucznierz. Er sagt: „Bitte glauben Sie uns, dass wir dran arbeiten.“ Und die Grundwasser-Verschmutzung? Die beiden Newsdesk-Leiter werfen über einen Beamer eine Zeitungs-Doppelseite von Mitte Januar des Jahres an die Wand, ein akribisch recherchierter Schwerpunkt zur Gülle-Belastung im Grundwasser der Oberpfalz. Und Bockholt gibt ein Versprechen ab für die Zukunft: Künftig werde die Mittelbayerische mehr Pro-und-Kontra-Kommentare anbieten, um zu einem Thema mehrere Standpunkte darzustellen – und Lesern die Möglichkeit geben, Rechercheaufträge an die Redaktion zu vergeben. Mehr Nähe zwischen Leser und Redaktion, das ist ein zentrales Ziel für die Zukunft der Mittelbayerischen.

Die Vertreter des Newsdesks: der Social-Media-Verantwortliche Mathias Wagner und die Newsdesk-Chefs Claudia Bockholt und Christian Kucznierz (v.l.). Foto: Ronja Bischof
Die Vertreter des Newsdesks: der Social-Media-Verantwortliche Mathias Wagner und die Newsdesk-Chefs Claudia Bockholt und Christian Kucznierz (v.l.). Foto: Ronja Bischof

Lob gibt es auch. Leser Rappl spricht von einer „positiven Entwicklung“ der MZ, inhaltlich wie bei der Gestaltung. Er lobt die Berichterstattung zum Regensburger Korruptionsskandal. „Nichts dazugelogen, ganz objektiv“, sagt Rappl. Ein anderer Leser, Franz Huber aus dem Landkreis Regensburg („Ich bin ein Power-User der MZ“) lobt die kommunalpolitische Berichterstattung. Und Kolja Frank, der sagt, die Mittelbayerische treffe im Vergleich zu anderen Medien „die Mitte“, sie mache einen guten Job.

Es ist kein Zufall, dass die Leserkonferenz jetzt stattfindet, im Jahr vor der Bundestagswahl. Im Jahr, da US-Präsident Donald Trump kritische Medien verunglimpft, da in Deutschland auf Demonstrationen „Lügenpresse“-Schreie durch die Straßen hallen. Newsdesk-Chef Kucznierz sagt, die Medien seien in einer „großen Vertrauenskrise“, die befeuert werde von „interessierten Kreisen“. Mit der Glaubwürdigkeitskampagne, zu der die Leserkonferenz gehört, wolle man dagegenhalten. Chefredakteur Manfred Sauerer sagt bei der Begrüßung der Gäste: „Was wir heute wollen ist, ihnen möglichst viel transparent zu machen.“

Transparenz bei Reizthemen

Transparenz, das fordern Leser besonders bei Reizthemen. Flucht, Migration, Integration, Kriminalität gehören dazu, das merkt man auch bei der Leserkonferenz. Helga Sauer, nach eigenen Angaben seit zwei Jahrzehnten MZ-Abonnentin, sagt, die Mittelbayerische versuche beim Thema Flüchtlinge und Einwanderung „in eine Richtung zu suggerieren, zu manipulieren.“ Man wolle Probleme mit Einwanderen verschleiern, Flüchtlinge allesamt als gut gebildet darstellen. Eine Handvoll Besucher klopft mit den Fäusten auf den Tisch, um zu applaudieren. Bockholt und Kucznierz kontern die Vorwürfe. Sie zeigen an der Wand einen Artikel über Probleme bei der Integration von Flüchtlingen vor.

Im Publikum: Joachim Wolbergs

Und nachdem Leser Schulla sich darüber beschwert, dass bei Attentaten Informationen über die Hintergründe der Tat nur „scheibchenweise“ veröffentlicht würden, antwortet ihm Mathias Wagner, der Social-Media-Verantwortliche der Mittelbayerischen. Er erzählt vom vergangenen Herbst, als morgens ein Facebook-Nutzer der Redaktion von einer Gefahrenlage in Regensburg-Burgweinting schrieb. MZ-Redakteure recherchierten, veröffentlichten zunächst nichts, kontaktierten die Polizei, bekamen erste verifizierte Informationen. Kritik wurde laut, warum die MZ denn nichts berichte. Dann ging der Artikel online, über eine Gefahrenlage, die schon vorbei war. Dann warfen dutzende andere Leser dem Medienhaus vor, die Menschen in Panik zu versetzen. Informationsbedürfnis der Menschen versus Sorgfalt, gründliche Recherche versus Schnelligkeit – das ist der Zwiespalt der täglichen journalistischen Arbeit.

Printmedien als „Gegengewicht“: Clemens Prokop, Testimonial der Glaubwürdigkeits-Kampagne der Mittelbayerische.  Foto: Ronja Bischof
Printmedien als „Gegengewicht“: Clemens Prokop, Testimonial der Glaubwürdigkeits-Kampagne der Mittelbayerische. Foto: Ronja Bischof

Dass dieser Job enorm wichtig ist, betont auch einer der drei prominenten Gäste der Veranstaltung. Clemens Prokop, Direktor des Amtsgerichts Regensburg und Präsident des Deutschen Leichtathletikverbands, sagt, Printmedien wie die Mittelbayerische müssten ein Gegengewicht sein zu ungeprüften Meldungen, die über soziale Netzwerke kursieren. Die zwei anderen Promis in der Kantine sind Bestseller-Autorin Andrea Maria Schenkel – und Joachim Wolbergs, der suspendierte Regensburger Oberbürgermeister im Zentrum des Regensburger Korruptionsskandals. Schenkel wünscht sich, dass Leser Medien kritisch lesen und dass das zu Misstrauen gegenüber Mächtigen und zu politischem Engagement führt. So, wie das jetzt in ihrer zweiten Heimat USA geschehe.

Stiller Beobachter: Oberbürgermeister Joachim Wolbergs (Bildmitte). Foto: Ronja Bischof
Stiller Beobachter: Oberbürgermeister Joachim Wolbergs (Bildmitte). Foto: Ronja Bischof

Und Wolbergs – sagt nichts. Er hört zu, scheinbar ungerührt, auch wenn andere Leser über die Affäre um ihn sprechen. Und geht als einer der ersten, als die Leserkonferenz vorbei ist.

Was passiert, wenn sich Facebook-Diskutanten offline begegnen? Auch das haben wir im Rahmen unserer Glaubwürdigkeitskampagne getestet.

Weitere Infos zu unserer Glaubwürdigkeitskampagne lesen Sie hier.

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