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Ein Drittel der Nahrung landet im Müll

In Europa werden täglich gigantische Berge von noch tauglichem Essen weggeworfen. Und das hat fatale Auswirkungen.
Von Daniela Weingärtner, MZ

Europaweit werden laut der Umweltstiftung WWF mindestens 123 Kilogramm genusstaugliche Lebensmittel pro Person und Jahr weggeworfen. Foto: dpa
Europaweit werden laut der Umweltstiftung WWF mindestens 123 Kilogramm genusstaugliche Lebensmittel pro Person und Jahr weggeworfen. Foto: dpa

Straßburg.Ein Drittel der weltweit erzeugten Lebensmittel landet auf dem Müll, unvorstellbare 1,3 Milliarden Tonnen jährlich – das sind allerdings nur Schätzungen, genaue Messungen gibt es nicht. Seit Jahren veröffentlicht das Europäische Parlament in regelmäßigen Abständen diese traurige Bilanz und fordert Gegenmaßnahmen. 92 Prozent der Abgeordneten stimmten jetzt in Straßburg für eine entsprechende Resolution. Doch Appelle helfen nicht, wenn die Mitgliedsstaaten ihre rechtlichen Möglichkeiten nicht ausschöpfen und sich auch auf europäischer Ebene nichts ändert.

Die EU-Kommission könnte eine neue Lebensmittelkennzeichnung vorschlagen, denn jeder zweite Verbraucher kann das Mindesthaltbarkeitsdatum nicht vom Verfallsdatum unterscheiden. Deshalb sortieren die Supermärkte Produkte bereits dann aus, wenn ihre Frischegarantie (Mindesthaltbarkeit) endet, sie aber noch unbedenklich verzehrt werden könnten. In Suppenküchen sind solche vom Kunden verschmähte Produkte sehr begehrt, doch die Einzelhändler müssen Mehrwertsteuer darauf bezahlen. Deshalb ist ihr Anreiz zu spenden gering. Die EU-Kommission könnte eine entsprechende Änderung der Mehrwertsteuer-Richtlinie auf den Weg bringen. Zustimmen müssten jedoch alle Mitgliedsstaaten.

Niederlande trauriger Spitzenreiter

Andere gute Ideen, wie man den Müllberg zumindest reduzieren könnte, gibt es bereits in einigen EU-Ländern. In Frankreich zum Beispiel sind die Supermärkte gesetzlich verpflichtet, mit karitativen Tafeln oder Lebensmittelbanken zusammenzuarbeiten. In Italien werden Spender von der Haftung befreit, wenn sie die Produkte in gutem Glauben abgegeben und sich an alle Vorschriften gehalten haben. Statistisch gesehen werden in den Niederlanden die meisten Lebensmittel pro Kopf der Bevölkerung weggeworfen, die Slowenen gehen am sorgsamsten mit dem Essen um. Deutschland liegt nur im Mittelfeld.

In seiner Resolution weist das Europaparlament auch darauf hin, dass zu niedrige Lebensmittelpreise und aggressive Vermarktungsstrategien der Lebensmittelbranche das Problem verschärfen. Was zu wenig kostet, wird nicht wertgeschätzt. Und wer unter dem Motto „Zahl eines und nimm zwei“ seinen Kühlschrank füllt, der bringt im Zweifel mehr mit nach Hause, als er aufbrauchen kann. Überzeugungsarbeit muss sowohl bei den Herstellern als auch bei den Verbrauchern geleistet werden. Sie sollen mehr Bewusstsein dafür entwickeln, wie viel Wasser und Energie in der Landwirtschaft verbraucht wird und wie viele klimaschädliche Stoffe bei der Lebensmittelproduktion freigesetzt werden – zum Beispiel bei der Düngung.

Mitverantwortlich für Treibhausgase

Die FAO, die für Ernährung und Landwirtschaft zuständige Abteilung der Vereinten Nationen, schätzt die wirtschaftlichen und ökologischen Kosten der nicht verbrauchten Lebensmittel auf 1,7 Milliarden US-Dollar jährlich. Allein acht Prozent der weltweiten Treibhausgase sollen auf diese Lebensmittel zurückgehen, wenn man für jedes Kilo Lebensmittel 4,5 Kilo CO2 veranschlagt.

Die etwa 89 Millionen Tonnen jährlich in Europa verschwendeten Lebensmittel setzen ca. 170 Millionen Tonnen CO2 frei und erzeugen Kosten von 143 Milliarden Euro. Die Zahlen sind von 2014, die Lage dürfte sich aber seither nicht verbessert haben.

Das Europaparlament erinnert auch daran, dass jeder zehnte EU-Bürger in Umfragen angibt, beim Essen so sparen zu müssen, dass er sich höchstens drei bis vier Mal pro Woche eine gesunde, ausgewogene Mahlzeit leisten kann. Angesichts dieser Zahlen und des Hungers in der Welt sei die Verschwendung von Nahrung auch ein ethisches Problem.

Jeder Euro, der in diesem Bereich investiert wird, trägt nach Überzeugung des Europaparlaments auch wirtschaftlich Früchte. Er spart demnach neun Euro an Müllgebühren und 50 Euro an Luftverschmutzungskosten. Die Nahrungsmittelindustrie, davon ist zumindest auszugehen, wird sich dennoch gegen alle konsequenten Reformversuche stemmen. Denn jedes Produkt, das am Ende auf dem Müll landet, hat ja schließlich zuvor eine Supermarktkasse zum Klingeln gebracht.

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