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Ein Miet-Einmaleins für Flüchtlinge

Durch den Mieterführerschein will das Neumarkter Landratsamt Ressentiments abbauen. Der Wohnungsmarkt bereitet Probleme.
Von Johannes Heil

Ein Mieterführerschein soll im Landkreis Neumarkt Flüchtlinge als „qualifizierte Mieter“ ausweisen. Foto: Daniel Reinhardt/dpa
Ein Mieterführerschein soll im Landkreis Neumarkt Flüchtlinge als „qualifizierte Mieter“ ausweisen. Foto: Daniel Reinhardt/dpa

Landkreis.Seit eineinhalb Jahren lebt Walif Mahfouz in Deutschland. Mit seiner Familie hatte er seine Heimat zurückgelassen und war von Syrien nach Deutschland geflüchtet. Zuerst hatten sich nur er und sein Vater auf den Weg nach Deutschland gemacht. Seit einem Monat nun sind auch die Mutter und die drei jüngeren Geschwister im Landkreis Neumarkt angekommen. Der 20-Jährige lebt derzeit in einer Sozialwohnung in Loderbach bei Berg, vorher war eine beengte 20-Quadratmeter-Wohnung in Sengenthal sein und seines Vaters Zuhause. Für seine Familie ist er nun auf der Suche nach einer geräumigeren Bleibe. Doch es gestaltet sich sehr schwierig, etwas Passendes zu finden. „Ich denke, unsere Herkunft spielt hierbei eine Rolle“, sagt er.

Das bestätigt auch Immobilienfachwirt Hans-Werner Gloßner von der Flüchtlingshilfe Neumarkt. „Es ist zurzeit wirklich problematisch“, sagt er. „Im Landkreis Neumarkt haben viele Menschen Vorurteile, was Flüchtlinge anbelangt.“ Nicht wenige seien skeptisch, wenn sich jemand mit anderer Hautfarbe oder jemand, der nur schlecht Deutsch spricht, für eine Wohnung bewerbe. Wo Gloßner eine Bereicherung sieht, regierten bei vielen Menschen im Landkreis seiner Meinung nach die Ressentiments. Nun versucht das Landratsamt Neumarkt, diese vermeintlichen Vorurteile ein Stück weit abzubauen.

Probleme auf dem freien Markt

Durch den sogenannten Mieterführerschein für Flüchtlinge soll die Kluft zwischen Mietern und Vermietern verkleinert werden. „Wenn jemand als Flüchtling anerkannt wurde, dann ist er in den Gemeinschaftsunterkünften nur noch geduldet“, erklärt Landrat Willibald Gailler. Ab diesem Zeitpunkt ist es vorgesehen, dass sich Flüchtlinge auf dem freien Wohnungsmarkt zurechtfinden. „Das ist natürlich nicht einfach“, so Gailler weiter.

Daher hätten Alfons Wagner, der Geschäftsführer des Jobcenters und Susanne Hahn, die Bildungskoordinatorin am Landratsamt, die Idee gehabt, den Flüchtlingen eine Hilfestellung an die Hand zu geben. Sie sollen vorbereitet werden für den „normalen“ Wohnungsmarkt, denn: „Die Situation auf dem Markt im Landkreis ist nach wie vor sehr angespannt“, sagt Gailler. „Wir könnten noch wesentlich mehr Wohnraum brauchen, um den ganzen Anfragen gerecht zu werden.“

Hier finden Sie weitere Informationen zum Mieterführerschein:

Mieterführerschein

  • Flüchtlinge:

    Aktuell gibt es im Landkreis Neumarkt insgesamt 1053 Asylbewerber in den Unterkünften. „Von Monat zu Monat werden es derzeit 20 bis 25 weniger“, sagt Gero Bartsch, der Abteilungsleiter Sozialwesen im Landratsamt.

  • Anerkennung:

    Ein Teil davon hat das Asylbewerberverfahren bereits durchlaufen und ist anerkannt. Diese Zahl der anerkannten Flüchtlinge liegt bei 513. Die Asylbewerber, die noch im Verfahren sind, wohnen in den Gemeinschaftsunterkünften oder in den dezentralen Unterkünften. Landrat Willibald Gailler sprach in diesem Zusammenhang vom „Neumarkter Weg“, viele Flüchtlinge in dezentralen Einrichtungen unterzubringen.

  • Abfallbeseitigung:

    „Im deutschen System sind die Trennvorschriften sehr genau geregelt“, sagt Walter Schardt-Pachner, Abfallberater am Landratsamt. Demgegenüber sei in den Herkunftsländern der Flüchtlinge der Müll nicht selten einfach vor die Haustüre geworfen worden. Hier müsse den Leuten beigebracht werden, dass es in Deutschland ein striktes System gibt.

  • Stromsparen:

    Oft seien in den Unterkünften die Fenster trotz eingeschalteter Heizung offen und das Licht brenne Tag und Nacht, erläutert Ludwig Feierler von der CAH Neumarkt. Hier müsse für das Thema Energiesparen sensibilisiert werden.

  • Sponsor:

    Der Lions Club Neumarkt unterstützt das Projekt. Mit 1500 Euro wurde beispielsweise der Druck von Flyern finanziert. Diese wurden bei der Sozialberatung und Sprachkursen verteilt.

Durch den Mieterführerschein sollen Flüchtlinge fit gemacht werden, und mit jenen Regeln vertraut gemacht werden, die ein Vermieter in Deutschland als selbstverständlich erachtet. Dazu gibt es mehrere Seminare, die am 1. August beginnen. Vorher findet noch am 25. Juli um 18 Uhr im Saal des Landratsamts die Auftaktveranstaltung statt. Dazu lädt der Landkreis alle Bürger ein, besonders solche, die Wohnraum an geflüchtete Menschen vermieten möchten. In den einzelnen Vortragsmodulen sollen dann Dinge vermittelt werden, die den meisten Einheimischen womöglich banal oder alltäglich erscheinen. Mülltrennung, Stromsparen, Abfallbeseitigung, richtiges Heizen und Lüften – all das steht auf der Tagesordnung der fünf Kurse im August und September. Die Teilnahme ist freiwillig, eine Verpflichtung besteht nicht. Das Landratsamt rechnet derzeit mit circa 400 Teilnehmern, daher wird es vermutlich noch eine zweite oder dritte Vortragsrunde geben.

„Das große Ziel ist, dass für anerkannte Flüchtlinge die Chance erhöht wird, im Landkreis Neumarkt eine Wohnung zu finden“, sagt Susanne Hahn. Durch den Mietführerschein sollten beim Vermieter eventuelle Vorbehalte abgebaut werden.

Auch das Bewerben wird geübt

Am Ende der Seminare bekommen die Flüchtlinge dann auch ein Zertifikat. „Diese Qualifizierung soll einen einheitlichen Standard voraussetzen, wie man mit einer Mietwohnung umzugehen hat.“ Außerdem gebe es viele junge Flüchtlinge im Landkreis, die vielleicht zum ersten Mal eine eigene Wohnung hätten.

Langfristig geht es darum, die Flüchtlinge in die Gesellschaft zu integrieren. Dazu gehört auch ein fester Job. Alfons Wagner vom Jobcenter erklärt: „70 der Flüchtlinge, die wir betreuen, haben schon eine Arbeit gefunden.“ Insgesamt betreue das Jobcenter derzeit 570 Flüchtlinge. Viele davon müssten aber zuerst noch die Integrations- und Sprachkurse absolvieren. „Die meisten sind noch nicht reif für den Arbeitsmarkt“, so Wagner weiter. Mit der Integration in den Arbeitsmarkt solle auch die Integration in den Wohnungsmarkt gelingen.

„Es ist wichtig, dass die Gesellschaft mitmacht.“

Gero Bartsch, Abteilungsleiter Sozialwesen im Landratsamt

Für Gloßner ist es das Wichtigste, die Flüchtlinge ausreichend zu qualifizieren. „Es gibt Ängste in der Bevölkerung. Viele denken: ‚Wenn ich den jetzt nehme, muss ich mich um alles kümmern.‘ Wir versuchen, den Menschen diese Ängste zu nehmen, indem wir die Flüchtlinge dementsprechend ausbilden.“ Ressentiments könnten so entgegengewirkt werden.

Gero Bartsch, Abteilungsleiter Sozialwesen im Landratsamt, hofft auch auf die Bevölkerung: „Es ist ganz wichtig, dass die Gesellschaft mitmacht.“ Das Problem ließe sich nur lösen, wenn es Menschen gebe, die Wohnungen zur Verfügung stellen. Denn im unteren Preissegment seien auf dem „normalen“ Markt keine Wohnungen zu bekommen, sagt auch Gloßner.

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