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Facebook-User zeigen ihr Gesicht

In sozialen Netzwerken geht es oft heiß her. Wie begegnen sich Nutzer im echten Leben? Unser Medienhaus hat sie eingeladen.
Von Jana Wolf, MZ

Auf der Facebook-Seite unseres Medienhauses wird viel und gerne diskutiert. Foto: Stefan Gruber
Auf der Facebook-Seite unseres Medienhauses wird viel und gerne diskutiert. Foto: Stefan Gruber

Regensburg.Dienstagabend, 17 Uhr. Fünf Menschen sitzen im fünften Stock des MZ-Verlagshauses um einen Tisch. Sie haben einander schon oft die Meinung gesagt. Aber ins Gesicht geblickt haben sie sich zuvor noch nie. Normalerweise ist Facebook ihr Treffpunkt zum Diskutieren. An diesem Abend ist es die MZ-Bibliothek: ein Tisch, fünf Stühle, ein Gespräch mit Blickkontakt. „Ich bin hierher gekommen, um den Standpunkt, den ich im Netz vertrete, auch hier zu vertreten“, sagt Christof Schmeißer, der sich auf Facebook Christof Schme nennt. „Es geht mir darum, dass man nicht einfach etwas von sich gibt, sondern dafür einsteht und seiner Stimme und seiner Überzeugung Gewicht gibt.“

Neben Christof Schmeißer sind auch die Facebook-Nutzer Barbara Daniela Schacherbauer und Konrad Christl der Diskussionseinladung gefolgt. Die MZ-Redakteurinnen Katrin Wolf und Jana Wolf moderierten den Abend. Sie wollten herausfinden, was passiert, wenn man das virtuelle Gespräch ins analoge Leben verlagert.

Digitale Diskussion ins echte Leben verlagern

Konrad Christl, Christof Schmeißer und Barbara Schacherbauer (v.l.n.r.) trafen sich erstmals persönlich. MZ-Redakteurinnen Katrin Wolf (r.) und Jana Wolf (nicht im Bild) moderierten. Foto: Jana Wolf
Konrad Christl, Christof Schmeißer und Barbara Schacherbauer (v.l.n.r.) trafen sich erstmals persönlich. MZ-Redakteurinnen Katrin Wolf (r.) und Jana Wolf (nicht im Bild) moderierten. Foto: Jana Wolf

Unser Medienhaus veröffentlicht auf der eigenen Facebook-Seite jeden Tag Links zu aktuellen Artikeln und gibt einen Vorgeschmack, worum es in den Texten geht. Brisante Themen wie die Flüchtlingskrise oder Kriminalität werden im Netz besonders kontrovers diskutiert. Häufig schaukeln sich Kommentatoren gegenseitig hoch. Wenn es ausfällig, beleidigend oder verletzend wird, schreiten MZ-Redakteure moderierend ein. In Einzelfällen werden Kommentare auch von der Seite entfernt.

Werden Sichtweisen im persönlichen Gespräch genauso vehement vertreten wie auf Facebook? Trauen sich die Diskussionsteilnehmer, ihre Meinung einander direkt ins Gesicht zu sagen? Die erste Erkenntnis aus der Diskussionsrunde: Argumente werden sachlicher ausgetauscht als im Netz, die Teilnehmer sind kompromissbereit und gehen auf ihr Gegenüber ein.

Ein Wortwechsel aus dem Gespräch

Konrad Christl: „Ich habe in den letzten zwei bis drei Jahren in den Medien nichts gelesen, das zu 100 Prozent wahr ist oder zu 100 Prozent gelogen ist. Es ist überall eine Wahrheit und eine Unwahrheit drin. Ich versuche, für mich das Wahre herauszuholen und das auch zu vermitteln.“

Christof Schmeißer: „Lassen Sie sich von Gegenargumenten überzeugen? Wenn jemand so schlüssig und klar argumentiert, dass man denkt: ‚Eigentlich hat er recht’ – können Sie sich das eingestehen?“

Christl: „Ja, ich bin schon lernfähig.“

Schmeißer: „Hält diese Überzeugung auch an oder ist sie beim nächsten Mal wieder verflogen?“

Es kommt darauf an, ob das Argument schlüssig ist oder nicht. Wenn ich etwas lese wie: ,Die Medien sind alle staatsgesteuert‘, dann brauche ich nicht diskutieren, weil es meiner Meinung nach ein Schmarrn ist.

Facebook-Nutzer Christof Schmeißer

Christl: „Manchmal wird meine Einsicht oder das, was ich meine, gelernt zu haben, beim nächsten Mal komplett über den Haufen geworfen.“

MZ: „Herr Schmeißer, wie ist es bei Ihnen: Lassen Sie sich von Gegenargumenten überzeugen?“

Schmeißer: „Es kommt darauf an, ob das Argument schlüssig ist oder nicht. Wenn ich etwas lese wie: ,Die Medien sind alle staatsgesteuert‘, dann brauche ich nicht diskutieren, weil es meiner Meinung nach ein Schmarrn ist. Dann ist jede Diskussion unnütz.“

Verallgemeinerungen wie diese bleiben bei dem Gespräch am Dienstagabend aus. Stattdessen wird nachgehakt, Fragen gestellt, mit Händen gestikuliert – und Blicke treffen sich. Auffällig ist, dass die Gesprächspartner sogar Position für den anderen ergreifen, wenn es um den unfairen Umgang in Facebook-Diskussionen geht. Im Netz erlebt man diese Solidarität in Gesprächen selten. Dort zählt dagegen das scharfe Gegenargument, die Provokation und Zuspitzung.

In diesem Video bekommen Sie eine Eindruck von der Diskussionsrunde im MZ-Verlagshaus:

Am Dienstagabend trafen sich regelmäßige Nutzer der MZ-Facebook-Seite zu einer Diskussionsrunde.

Von Argumenten überzeugt

Was passiert, wenn ein gutes Argument des anderen überzeugt, war am Dienstagabend auch zu beobachten. Der Vergleich zu einer Diskussion auf Facebook vom 3. Januar macht den Unterschied deutlich. Damals ging es um den Fall eines sexuellen Übergriffs auf eine 46-jährige Frau in Regensburg. Tatverdächtig war zu diesem Zeitpunkt ein Asylbewerber aus Pakistan. Nach Recherchen unseres Medienhauses belegte die Kriminalstatistik der Oberpfälzer Polizei keinen Anstieg der Straftaten. Dennoch schürte der Fall im Netz den Hass auf Zuwanderer. Facebook-User Konrad Christl misstraute damals den Zahlen.

Ein Ausschnitt aus Facebook-Kommentaren

Konrad Christl (l.) und Christof Schmeißer sind nicht immer einer Meinung – und gingen trotzdem aufeinander ein. Foto: Jana Wolf
Konrad Christl (l.) und Christof Schmeißer sind nicht immer einer Meinung – und gingen trotzdem aufeinander ein. Foto: Jana Wolf

Christl: „Mittelbayerische, dazu braucht man keine Quelle. Es reicht das Gefühl und die Wahrnehmung, solange beides intakt ist.“

Schmeißer: „Wenn einem die Statistik nicht in den Kram passt, dann muss natürlich das Gefühl und die Wahrnehmung reichen. Oh mei...“

Schacherbauer: „Genau, lassen Sie uns Mal über bestehende Fakten diskutieren. Um sachlich diskutieren zu können, braucht man auch Fakten bzw. Quellen und nicht das Pippi- Langstrumpf-Prinzip, wie Sie es anscheinend anwenden.“

Hier sehen Sie den Facebook-Post, bei dem das Thema Ausländerkriminalität kontrovers diskutiert wurde:

Der Fall wurde am Dienstagabend erneut aufgegriffen. In Zeiten von Fake News treibt die Frage, wie viel Vertrauen wir in offizielle Zahlen legen können, auch die Diskussionsteilnehmer um.

So verlief das persönliche Gespräch

MZ: „Bei der Recherche tragen wir Fakten zusammen. Wenn jemand das Gefühl hat, die Kriminalität wachse an, können wir nur auf diese Zahlen verweisen, die das Gegenteil zeigen.“

Schmeißer: „Eine gefühlte Sicherheit ist höher, wenn es eine Videokamera gibt. Aber deswegen ist die Sicherheit an sich nicht höher.“

MZ: „Die Berichterstattung sollte neutral bleiben, damit sich die Leser sich selbst eine Meinung bilden können. Wie sehen Sie das?“

Christl: „Als Medien seid ihr nicht dazu da, die Leute umzuerziehen. Aber man kann einen besorgten Bürger mit Sicherheit nicht überzeugen, wenn man ihn immer wieder mit Zahlen bombardiert. Es gibt einfach auch Verlustängste unter manchen Bürgern.“

MZ: „Wenn jemand sagt, ‚ich fühle, die Kriminalität nimmt zu‘, können wir als Journalisten nicht mehr machen, als Informationen zur Verfügung zu stellen. Wie können wir Ihrer Meinung nach Ängste nehmen, wenn uns Fakten nicht geglaubt werden?“

Christl: „Ja, wenig. Das ist schon so. Sie haben mich ertappt.“

Für alle, die Interesse an einer Diskussionsrunde haben und sich einem Streitgespräch stellen wollen, gibt es am 7. Juni erneut die Chance:

Einladung zur MZ-Leserkonferenz

  • Die Diskussionsrunde

    Am Mittwoch, 7. Juni, veranstalten wir im Verlagshaus der Mittelbayerischen Zeitung (Kumpfmühler Straße 15, 93047 Regensburg) eine Diskussionsrunde zur Glaubwürdigkeit der Zeitung heute. Erfahrene MZ-Redakteurinnen und -Redakteure berichten an diesem Abend von ihrer täglichen Arbeit und erzählen, wie sie recherchieren und auf welche Quellen sie vertrauen. Der Abend beginnt um 19 Uhr.

  • Herzliche Einladung

    Wir laden Sie herzlich ein, an dieser Diskussion teilzunehmen. Nach einem kurzen Impulsreferat öffnen wir die Diskussion für Ihre Fragen, Anregungen und Kritik. Im Sinne einer echten „Leserkonferenz“ geht es an diesem Abend darum, mit Ihnen ins Gespräch zu kommen und Ihnen Rede und Antwort zu stehen. Anmeldungen können Sie noch bis 7. Juni um 12 Uhr per E-Mail an inge.passian@mittelbayerische.de richten, oder telefonisch unter: (0941) 20 74 04.

Mut zum direkten Austausch

Es erfordert Mut, sich im Gespräch zu stellen und von guten Argumenten überzeugen zu lassen – das wurde an diesem Abend deutlich. Doch nur wenige Facebook-Nutzer lassen sich auf die direkte Begegnung ein. Im Laufe der Vorbereitung, die bereits Mitte April begann, wurden 13 Facebook-User, die häufig auf der MZ-Seite kommentieren, eingeladen. Nach Absagen, Ausfällen oder ignorierten Anfragen kam die Runde mit Christl, Schacherbauer und Schmeißer zustande.

Facebook-Nutzerin Barbara Schacherbauer (l.) nimmt aus dem persönlichen Gespräch etwas für künftige Facebook-Diskussionen mit. Foto: Jana Wolf
Facebook-Nutzerin Barbara Schacherbauer (l.) nimmt aus dem persönlichen Gespräch etwas für künftige Facebook-Diskussionen mit. Foto: Jana Wolf

Aus dem persönlichen Gespräch nimmt Schacherbauer auch für künftige Facebook-Diskussionen etwas mit: „Ich werde schauen, dass ich auch auf die Gegenseite eingehe.“ Dennoch werde sie ihren eigenen Standpunkt weiterhin vertreten und diesen mit Fakten und Quellen belegen. Trotz inhaltlicher Meinungsverschiedenheiten waren sich die Teilnehmer am Ende einig, dass sie sich mehr Sachlichkeit und gegenseitigen Respekt wünschen – nicht nur, wenn sie an einem Tisch sitzen, sondern auch im Netz.

Das Gespräch geht weiter

Nach der Diskussionsrunde wendete sich Facebook-Nutzer Konrad Christl erneut an uns. Das Gespräch arbeitete offenbar noch nach. Er bat uns in einer persönlichen Nachricht, folgenden Kommentar im Zusammenhang mit dieser Berichterstattung zu veröffentlichen: „Die größte Sorge bereitet mir, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinanderklafft und das Risiko zu verarmen immer größer wird. (...) Die demografische Entwicklung in unserem Land ist ganz klar eine Folge der verfehlten Familienpolitik der vergangenen 30 Jahre. Daher ist man jetzt gezwungen, diese große Lücke durch Migration auszugleichen. Aber hier auf Masse statt Klasse zu setzen ist grundverkehrt.“ Dieses Zitat von Konrad Christl gibt dessen subjektive Meinung wieder und nicht die der Redaktion.

Informieren Sie sich über die MZ-Initiative „Seriös – zuverlässig – glaubwürdig“: In diesen politisch aufgewühlten Zeiten, in denen Emotionen den öffentlichen Diskurs bestimmen, suchen viele nach verlässlichen Informationen. Ein starkes Argument für die Tageszeitung. Unser Medienhaus zeigt gute Gründe, warum wir Ihr Vertrauen verdienen. Alle Hintergründe der Aktion finden Sie hier!

Lesen Sie hier einen Kommentar von MZ-Newsdesk-Leiterin Claudia Bockholt zum Thema Glaubwürdigkeit:

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