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Generelles Misstrauen ist fehl am Platz

Kommunikationswissenschaftler Carsten Reinemann erklärt im MZ-Interview die Bedeutung einer freien Presse.

Carsten Reinemann ist Professor für Kommunikationswissenschaft mit dem Schwerpunkt politische Kommunikation an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Foto: Ammy Berent
Carsten Reinemann ist Professor für Kommunikationswissenschaft mit dem Schwerpunkt politische Kommunikation an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Foto: Ammy Berent

Regensburg. Herr Reinemann, glauben Sie denn alles, was in der Zeitung steht?

Nein, natürlich nicht! Jeder Mediennutzer sollte ein gesundes Maß an Skepsis haben gegenüber Informationen, die man bekommt.

Was meinen Sie denn mit „gesundem Maß an Skepsis“? Wenn ich alles hinterfrage, komme ich doch schnell an den Punkt, an dem ich nicht mehr weiß, was ich glauben soll.

Man braucht ein Grundvertrauen in Medien, das ist richtig. Aber denken Sie an Kriege oder schwere Krisen: Da haben viele unterschiedliche Akteure ein Interesse daran, ihre Version der Wahrheit zu verbreiten. Diese Art von Skepsis meine ich: Man muss sich überlegen, was man von den Informationen, die man bekommt, halten soll. Dieses Bewusstsein dafür, was wahr sein kann und was nicht, bekommt man am besten, wenn man Medien kontinuierlich verfolgt und seine Einschätzungen auf Basis des Wissens, das man auf diesem Weg ansammelt, trifft.

: Nach einer aktuellen Studie der Universität Würzburg ist das Vertrauen der Deutschen in „die Presse“, also in alle Medien – Zeitung, Fernsehen, Radio – so hoch wie seit 15 Jahren nicht mehr: 55,7 Prozent halten die Medien für glaubwürdig. Überrascht Sie das? Schließlich sind die Lügenpresse-Vorwürfe im Zuge der Flüchtlingsberichterstattung gerade einmal ein Jahr her.

Die Ergebnisse der Studie überraschen mich nur bedingt. Man muss auch berücksichtigen, dass die Daten im November 2016 erhoben wurden. Außerdem gab es nie wirklich einen dramatischen Einbruch beim Medienvertrauen, wie man den Eindruck bekommen konnte aufgrund der öffentlichen Diskussion. Es kann aber gut sein, dass die intensive Debatte über das Thema Lügenpresse, über Fake News und der Wahlkampf in den Vereinigten Staaten – wo die Medien systematisch angegriffen werden – bei dem einen oder anderen dazu geführt hat, dass er sich den Wert einer freien Presse einmal wieder vor Augen führt und erkennt, wie wichtig sie für eine Demokratie ist.

Diese Prominenten unterstützen ihre Tageszeitung:

Waren die Lügenpresse-Vorwürfe dann ein kurzfristiges Phänomen und können wir als Medien einfach froh sein, dass wir derzeit kein so kontroverses Thema wie die Flüchtlingssituation haben?

Der Angriff auf die freie Presse hat immer eine politische Komponente. Gerade für die extremen politischen Ränder rechts wie links oder auch die religiösen Extreme gehören die Medien zum Feindbild, weil sie Teil des Systems sind und deswegen bekämpft werden müssen. Das spiegelt sich darin, dass es auch in Deutschland eine nicht zu kleine Gruppe von Menschen gibt, die eben kein Vertrauen in die Presse hat. Das macht sich dann an einzelnen Themen fest, die politisch umstritten sind, wie die Flüchtlingskrise oder das Verhältnis zu Russland.

Aber Teil des Problems ist doch, dass ein diffuses Gefühl bei den Menschen vorherrschte, dass es eine Wahrheit gibt, die der veröffentlichten Wahrheit widerspricht. Woher kommt dieses Gefühl?

Wir wissen aus der Forschung, dass es die Wahrnehmung gibt, nach der Berichterstattung, die dem eigene Weltbild entspricht, als glaubwürdig angesehen wird. Im Gegenzug wird alles, was nicht den eigenen Überzeugungen und Prinzipien entspricht, als weniger glaubwürdig angesehen – nicht, weil es nicht wahr wäre, sondern weil man das eigene Weltbild eben nicht bestätigt sieht.

... der so genannte „Hostile Media Effect“?

Ja, der spielt da eine Rolle. Das ist eine allgemeine menschliche Eigenschaft, das für glaubwürdig zu halten, was meine Einstellung unterstützt, auch wenn die Belege dafür nicht wirklich überzeugend sind, und das andere als weniger glaubwürdig einzustufen. Das andere aber ist, dass sich gewisse Gruppen öffentlich nicht repräsentiert sehen und dann versuchen, etwa über Soziale Netzwerke, auch mithilfe von Falschinformationen und Kampagnen alternative Versionen der Realität in die Welt zu setzen. Das kann aber auch durch Gruppen geschehen, die einfach nur ökonomische Interessen verfolgen, also Geld damit verdienen wollen.

Also liegt der Fehler auf der Empfängerseite?

Nein. Natürlich kann es sein, dass Medien Fehler machen, dass Berichterstattung einseitig ist. Aber es ist schon etwas anderes, wenn eine systematische Manipulation der Medien durch die Politik unterstellt wird, oder wenn Medienmachern bei den hunderten von Entscheidungen, die sie täglich zu treffen haben, Fehler unterlaufen. Letzteres muss man kritisieren, aber man darf das Kind nicht mit dem Bade ausschütten.

Sie haben es schon angesprochen: Welche Rolle spielt das Internet und die Sozialen Netzwerke dabei, das Vertrauen der Menschen zu untergraben?

Eine relativ große. Im Netz eröffnen sich neue Räume von Öffentlichkeit, die bewusst genutzt werden zur Verbreitung von extremistischem Gedankengut, von Fehlinformationen, und wo diese Fehlinformationen, wie wir in den USA im Wahlkampf gesehen haben, verbreitet werden, um damit Geld zu verdienen. Das ist nun etwas, was Boulevard-Medien nicht unbekannt ist. Aber in diesen neuen Räumen von Öffentlichkeit gibt es keine Qualitätskontrolle wie im Journalismus.

: In der Vergangenheit waren es politische Akteure wie Pegida, die Medien angegriffen hatten. Nun haben wir aber mit Donald Trump einen US-Präsidenten, der der Presse Lügen vorwirft und der seine eigenen Lügen als „alternative Fakten“ tarnen möchte. Was macht das mit Begriffen wie Vertrauen, Wahrheit oder Verlässlichkeit?

Das ist ein Angriff auf die Grundfesten einer Demokratie! Das klingt vielleicht pathetisch, aber eine Demokratie lebt davon, dass man sich auf ein Grundmaß von Fakten einigen kann. Wenn es aber so weit kommt, dass man sich in der Politik nicht mehr darauf einigen kann, ob die Kriminalität gesunken oder gestiegen ist, dann kann ich auch keine Kompromisse mehr schließen oder Entscheidungen mehr treffen. Da prallen dann völlig unterschiedliche Weltsichten und Wahrheiten aufeinander, die für eine Demokratie wirklich gefährlich sind. Aber es gibt einen Lichtblick.

Wir haben uns umgehört, ob die Regensburger ihrer Tageszeitung in Zeiten von Fake News noch immer Vertrauen schenken:

Regensburger zur Glaubwürdigkeit der Medien

Welchen?

Die Medien in den USA machen einen relativ guten Job. Sie sprechen die Widersprüche an. Und die Menschen dort erkennen, wie wichtig Wahrheit und Faktentreue auch in der Berichterstattung sind.

Ist Trump eine Neuheit oder vielleicht nur die bisher höchste Eskalationsstufe einer schon länger andauernden Entwicklung: einer zunehmenden Skepsis gegenüber Autoritäten, die früher für Wissen standen?

Ja, man kann, wenn man will, schon einen großen Bogen spannen. Es ist eine Gegenbewegung zur Moderne, also zu der gesellschaftlichen Entwicklung hin zur Wissenschaftlichkeit, weg von der Religion oder anderen Autoritäten. In der modernen Welt ging man davon aus, dass sich das Faktische durchsetzt. Doch genau das passiert in manchen Teilen der Gesellschaft nicht mehr. Es ist kurios, dass man gerade dem Journalismus, in dem sich Systeme zur Faktensicherung und -überprüfung etabliert hatten, nun weniger traut als nicht-journalistischen Angeboten, wo jemand Dinge verbreitet, die der eigenen Meinung entsprechen. Ich halte diese Entwicklung für problematisch.

Wenn wir schon theoretisch sind: Auf das Zeitalter der Moderne folgte ideengeschichtlich die Postmoderne, und die ist definiert dadurch, dass alles eine Sache der Definition ist. Dieses Prinzip war eher spielerisch gemeint, aber nun ist diese permanente Umdeutung bestehender Werte und Grundlagen bitterer Ernst geworden.

Genau so ist es! Aber wenn das Prinzip „anything goes“, also „alles ist möglich“ gilt, dann gibt es nur noch Versionen von Wahrheit. Das ist im Prinzip auch richtig. Aber pragmatisch gesehen muss es für einen Entscheidungsfindungsprozess in der Demokratie Grundwerte geben, auf die man sich einigen kann. Man kann zwar immer behaupten, dass der Klimawandel Unsinn sei, weil die Wissenschaftler alle gekauft worden sind, und daran ist natürlich auch die Wissenschaft mit schuld. Es gab Skandale, wo Studien gefälscht oder im Auftrag verfasst wurden, ohne dass dies kenntlich gemacht war. Aber auch wie beim Journalismus gilt, dass man deswegen nicht die Prinzipien infrage stellen sollte, nach denen dort Erkenntnis produziert wird. Vielmehr sollte man diese Prinzipien stärken – und dies bedeutet auch, Wissenschaft und Journalismus möglichst unabhängig von wirtschaftlichen und politischen Einflüssen zu machen.

Also, Herr Reinemann: Wem können wir denn in dieser Situation noch vertrauen?

Das ist eine gute Frage! In Bezug auf die Medien muss klar sein: Leser und Nutzer müssen sich darauf verlassen können, dass das, was sie vorfinden, nicht völlig abseits der Realität ist, sondern eine verlässliche Abbildung des Geschehens. Aber ich denke, dass wir in Deutschland in der glücklichen Situation sind, viele gute Medien zu haben, denen man vertrauen kann – bei aller Skepsis. Guter, ausreichend finanzierter Journalismus ist immer noch ein Garant dafür, dass Informationen tatsächlich überprüft werden. Ich muss mich nicht in die Situation begeben, wo ich irgendjemandem, der irgendwo irgendetwas postet, mehr glauben muss, als einer guten Zeitung, einem guten Radio- oder Fernsehbeitrag oder einer guten Nachrichten-Webseite.

Sie sagen „ausreichend finanziert“, das ist ein wichtiger Punkt. Denken Sie, dass Qualitätsjournalismus Geld kosten muss?

Ich halte das für ganz wichtig. Wir müssen sehr darauf achten, dass wir von der regionalen Ebene bis hin auf die nationale Ebene ausreichende Finanzierung für Journalismus bereitstellen. Jede Art von finanzieller Abhängigkeit ist für Medien durchaus ein Problem. In Verlagen muss klar sein, dass man sich nicht in Abhängigkeit von Werbekunden und PR begeben darf. Wenn diese finanzielle Unabhängigkeit nicht mehr gegeben ist, ist es Aufgabe der Gesellschaft, sicherzustellen, dass politisch und ökonomisch unabhängiger Journalismus weiter existieren kann.

Was müssen die Medienunternehmen in Zeiten von Fake News, alternativen Fakten und der schwindenden Bereitschaft vieler Leser, Geld für Nachrichten auszugeben, beachten?

Ich glaube, dass die strikte Trennung zwischen PR und Nachricht ganz entscheidend ist, damit Medien ernst genommen werden. Ich halte zudem die Beschleunigung des Nachrichtengeschäfts für problematisch. Hier ist der Journalismus in einem Dilemma, weil Nachrichten sich gerade im Netz schnell verbreiten. Es stellt sich in den Redaktionen ja oft die Frage: Nachprüfen, was Zeit kostet, oder vermelden, was sich aber dann vielleicht als Falschmeldung herausstellt? Die Sorgfalt darf auf keinen Fall unter der Schnelligkeit leiden. Kritisch zu bleiben ist auch ein entscheidender Faktor. Unternehmen, Politiker und interessierte Gruppen haben heute alle große PR-Abteilungen, und die sind daran interessiert, ihre Sicht der Dinge zu verbreiten.

Also gilt der alte Spruch: „Get it first, but first get it right“, also: „Habe es zuerst, aber überprüfe es zuerst“?

Ja, so ist es. Und es gibt noch etwas, das ich für sehr wichtig halte, um beim Leser als glaubwürdig wahrgenommen zu werden: die Trennung zwischen Meinung und Nachricht. Das ist natürlich nicht immer so ganz einfach, denn Auswahl findet ja immer statt. Aber es ist gerade in diesen Zeiten wichtiger denn je klarzumachen, was die Faktenbasis ist und was die Meinung.

Carsten Reinemann wurde 1971 in Köln geboren und studierte Publizistik, Politik und Psychologie. Er habilitierte 2007 im Fach Publizistikwissenschaft, 2008 Ruf auf die neue geschaffene W3-Professur für Kommunikationswissenschaft mit dem Schwerpunkt politische Kommunikation an der LMU München.

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