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Auch Domspatzen-Eltern sahen weg

Der Bericht zum Missbrauchsskandal dokumentiert Erschütterndes: Opfern wurde nicht geglaubt, das Strafregime gebilligt.
von Christine Straßer, MZ

In der Domspatzen-Vorschule in Etterzhausen und später in Pielenhofen trug sich Schreckliches zu. Foto: MZ-Archiv
In der Domspatzen-Vorschule in Etterzhausen und später in Pielenhofen trug sich Schreckliches zu. Foto: MZ-Archiv

Regensburg.„Bitte, bitte, ich möchte so, so, so gerne nach Hause.“ Es ist ein flehender Hilferuf, den ein Bub, der von 1967 bis 1969 an der Domspatzen-Vorschule in Etterzhausen war, seinen Eltern schickte. „Holt mich gleich ab, wenn Ihr den Brief gelesen habt und meldet mich beim Herrn Direktor ab, das wäre mein Geburtstagswunsch“, steht da in wackeliger Kinderschrift. Der Brief schließt mit: „Ich warte in meinem Zimmer.“

Im Abschlussbericht zum Misshandlungs- und Missbrauchsskandal bei den Regensburger Domspatzen ist der Brief als Abbildung 20 auf Seite 90 als Beispiel für einen „Heimwehbrief“ abgedruckt. Sonderermittler Ulrich Weber lieferte am Dienstag auf rund 430 Seiten auch Zahlen. Sie machen fassungslos. Mit mindestens 547 gibt der Ermittler die Zahl der Opfer an, die nach 1945 bis in die neunziger Jahre in der Vorschule und dem Gymnasium der Domspatzen geschlagen oder sexuell missbraucht worden seien.

Traurigkeit und Hilflosigkeit

Besonders schlimm soll es in der Vorschule der Domspatzen in Etterzhausen und später in Pielenhofen zugegangen sein. „Die Stimmung war wie im Knast. Man war unfrei. Es gab nur Traurigkeit und Hilflosigkeit“, wird ein ehemaliger Schüler in dem Bericht zitiert. Die späte Aufklärung wirft auch einige Fragen auf: Wie konnte das alles geschehen? Warum konnte die Gewaltherrschaft in der Vorschule über 40 Jahre aufrecht erhalten werden? Warum haben auch Eltern offenbar nicht reagiert?

Ob der Geburtstagswunsch des Buben, schnell wieder zurück nach Hause zu dürfen, erfüllt wurde, ist nicht bekannt. Man hofft inständig, dass es so war. Vor allem, wenn man im Bericht weiterliest. Denn dort heißt es, dass Heimweh an sich schon ein Regelbruch war, der körperliche Gewalt nach sich zog. Teilweise sollen die Aufsichtspersonen die Gewalt genutzt haben, um vor allen Schülern Exempel zu statuieren.

Wahrscheinlich ist aber auch, dass viele solcher Briefe erst gar nicht nach außen drangen. Weber beschreibt die Vorschule als ein „perfektioniertes System der Isolation und Kommunikationsverhinderung“. Post der Schüler an Eltern wurde kontrolliert. Ein Opfer schildert: „Wenn es nicht gepasst hat, musste man ein persönliches Gespräch mit dem Präfekten führen. Dann musste man einen neuen Brief verfassen mit ‚alles ist gut‘.“

Schüler wurden mundtot gemacht

Der mit der Aufklärung beauftragte Rechtsanwalt Ulrich Weber hat den Abschlussbericht zum Missbrauchsskandal bei den Domspatzen. Foto: dpa
Der mit der Aufklärung beauftragte Rechtsanwalt Ulrich Weber hat den Abschlussbericht zum Missbrauchsskandal bei den Domspatzen. Foto: dpa

Das System unter dem Direktor der Vorschule war Weber zufolge darauf ausgelegt, für umfassendes Schweigen zu sorgen. Zusammenhalt unter den Schülern war nicht gewünscht und wurde auch nicht gefördert. Dass Denunziantentum verbreitet war, erklärt ein Opfer so: „Es herrschte ein Gefühl der Erleichterung, wenn ein anderer Mitschüler bestraft wurde, da es dann einen selbst nicht traf. Das erklärt auch stetiges Petzen und Anschuldigen von Mitschülern.“ Auf Mitleid seitens der Kameraden konnten viele Opfer nicht hoffen. Ein ehemaliger Schüler führt aus: „Ich schnitt sogar während des Sonntagsspaziergangs die Stöcke ab und gab diese Stöcke Präfekten H., in der Hoffnung nicht geschlagen zu werden. (...) Allein dies zeigt schon den Wahnsinn von Etterzhausen, dies zeigt auch schon die psychische Schädigung meiner Person, als Opfer.“

Für die Zeit nach 1945 bis 2010 stellt Weber fest, dass die Verantwortungsträger bei den Domspatzen der Thematik mit Ignoranz und wenig Interesse begegneten. Das gesamte Erziehungssystem war auf den Erfolg des Chors ausgelegt. Opfern gelang es kaum, sich Gehör zu verschaffen. Beschuldigte wurden teilweise sogar geschützt. Weber wirft aber auch einigen Eltern Pflichtverstöße vor. Die Isolation der Kinder, drakonische Strafen und die Androhung eines Schulverweises hätten zwar dafür gesorgt, dass die meisten Opfer über die Vorfälle schwiegen. Aber selbst wenn Kinder mit unübersehbaren, schweren Verletzungen die Wahrheit sagten, „haben manche ihren Kindern nicht geglaubt“. Das führte bei manchen Opfern zu großer Verzweiflung, eines schildert: „Ich habe meinen Eltern erzählt, dass ich regelmäßig misshandelt wurde im Internat. (…) Ich habe niemals auch nur eine Antwort erhalten und war auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Alleingelassen, von den Eltern verraten und verkauft, so habe ich mich gefühlt.“

Es gab Eltern, die die Gewalt akzeptierten oder mitunter sogar begrüßten. Ein ehemaliger Domspatz beschreibt: „Meine Beschwerden bei meinem Vater waren nutzlos, da seine pädagogischen Hauptthesen waren: ‚Schläge haben noch keinem geschadet‘ und ‚Ein Junge weint nicht‘.“ Weber stellt aber auch fest, dass viele Opfer als Kinder gar nicht erkannten, das ihnen Unrecht getan wurde. So gingen manche davon aus, es sei ganz „normal“, was sie erleiden mussten. „Für uns war das damals Teil des Alltags und schien uns ein Preis dafür zu sein, dort mitmachen zu dürfen“, ist eine Aussage, die im Abschlussbericht zitiert wird.

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Das Kindswohl verletzt

Dass Körperstrafen als Erziehungsmittel über Jahrzehnte auch andernorts beileibe nichts Ungewöhnliches waren, stellt Weber ebenfalls fest. An vielen Schulen wurden Tatzen oder Kopfnüsse verteilt oder Kinder an Haaren und Ohren gezogen. Aus Sicht der Richter des Bundesgerichtshofs seien zu Beginn des Berichtszeitraums Schläge mit dem Rohrstock auf die Hand oder das Gesäß genauso wie Ohrfeigen – sofern sie keine Merkmale an der getroffenen Stelle hinterließen und maßvoll angewandt wurden – im Rahmen des Züchtigungsrechts üblich gewesen. Anderseits, fährt Weber fort, stellten die Bundesrichter bereits in dem Urteil aus dem Jahr 1954 klar, dass die Züchtigung keinesfalls dazu bestimmt sein durfte, auf andere Kinder einzuwirken. Körperstrafe dürfe allenfalls als Erziehungsmittel dienen, die das Beste des zu Erziehenden im Blick habe – urteilten schon damals die Richter.

Weber verwies am Dienstag außerdem darauf, dass das Kindswohl seit dem 19. Jahrhundert ein hohes Gut im Familienrecht sei. „Mit Gewalt über die Kinder ist nicht gemeint, dass man über die Kinder schalten und walten kann, wie man will“, sagte Weber. Der Gesetzgeber habe auch damals den Eltern die Pflicht auferlegt, für das Kindswohl zu sorgen. Deshalb spreche er auch von einem Pflichtverstoß, wenn Kindern, die schwere Gewalt schilderten, nicht geglaubt wurde. „Wenn Verletzungen übersehen werden, die schwerlich mit einem Sturz oder dergleichen zu erklären sind, dann muss man hier auch eine Verantwortung zuweisen“, erklärte Weber.

Versagt haben demnach auch Stiftungskuratorien, staatliche Aufsichtsbehörden und Angestellte. Versäumnisse ihrerseits hätten dazu geführt, dass weder im Vorfeld noch danach Maßnahmen gegen die Gewalt ergriffen wurden.

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