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Immer mehr Obdachlose in Neumarkt

Die Stadt will die Zahl der Notunterkünfte für Obdachlose erhöhen. Wie es in einer Notunterkunft aussieht, zeigt die MZ.
von Wolfgang Endlein

20 Wohncontainer als Notunterkünfte stehen bislang in der Goldschmidtstraße. Bald könnten es noch mehr werden. Fotos: Endlein
20 Wohncontainer als Notunterkünfte stehen bislang in der Goldschmidtstraße. Bald könnten es noch mehr werden. Fotos: Endlein

Neumarkt.„Ich bin dieses Milieu nicht gewohnt“, sagt der fahrig wirkende Mann mit dem Zigarillo in der Hand. Dann zeigt er auf die blaue Eingangstür zu seinem Zimmer und die Dellen, die ein rabiater Nachbar dort hinterlassen hat. Ein Streit um ein Handy und eine Frau soll dafür verantwortlich gewesen sein. „Ich habe mich hier reingeflüchtet.“

Rainer Landfried hört geduldig zu. Für den Mann vom städtischen Liegenschaftsamtes sind solche Situationen nichts Ungewöhnliches. Schließlich sind die Menschen, die in den 20 Containern in der Goldschmidtstraße wohnen, auch in keiner gewöhnlichen Situation. Sie sind obdachlos.

Weitere Bilder und Fakten zur Notunterkunterkunft in der Goldschmidtstraße liefert die Bildergalerie:

Wohncontainer für Obdachlose in Neumarkt

Menschen, die tatsächlich auf der Straße schlafen, sieht man in Neumarkt äußerst selten. Obdachlose gibt es deswegen trotzdem – und sie kommen größtenteils auch aus Neumarkt, wie Landfried erklärt. Flüchtlinge und andere Ausländer spielten kaum eine Rolle. Insgesamt steige die Zahl der Obdachlosen seit Jahren, wie Stadtkämmerer Josef Graf, erklärt. Derzeit lebten 80 Obdachlose in 53 Notunterkünften, entweder Wohncontainern oder Wohnungen. 2014 waren es noch 48 Obdachlose.

Über die Errrichtung der 20 Container in der Goldschmidtstraße im Jahr 2015 hat die MZ damals berichtet. Hier geht es zum Artikel.

Der Anstieg macht es aus Sicht der Verwaltung erforderlich, die Zahl der Notunterkünfte auszubauen. Am Donnerstag soll der Stadtrat daher über eine Erweiterung um weitere 20 Container in der Goldschmidtstraße abstimmen. Rund 500 000 Euro wird der Bau kosten. Aktuell hat die Stadt 25 Wohncontainer – fünf davon am Blomenhof – und diverse Wohnungen, die als Notunterkünfte dienen.

So sieht es in einem der Wohncontainer aus, die als Notunterkunft für Obdachlose dienen. Der Fernseher und der Sessel gehören nicht zur Standardausstattung. Sie hat der letzte Bewohner mitgebracht.

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Gründe, warum Menschen obdachlos werden, gibt es viele, wie Rainer Landfried aus seiner täglichen Arbeit weiß. Vermehrte Zwangsräumungen, Eltern, die ihre volljährigen Kinder auf die Straße setzen, und Paare, die sich trennen, nennt der Mann aus der Verwaltung als Beispiel. Vor allem aber treffen die Menschen mit einem oftmals schwierigen Lebenslauf, der von langer Arbeitslosigkeit, Drogen, Alkohol und/oder psychischen Problemen geprägt ist, auf ein verknapptes Wohnungsangebot. Wer aus der Haft oder Drogentherapie entlassen wird, tut sich schwer, günstigen Wohnraum zu finden.

Container kosten Bewohner eine Gebühr

Derartigen Wohnraum zur Verfügung zu stellen, dazu sei die Stadt rechtlich nicht verpflichtet, wie Graf erklärt. Auch wenn die Stadt mit Wohnbauprojekten wie im Deininger Weg freiwillig etwas in Rahmen ihrer Möglichkeiten unternehme. Rechtlich verpflichtet sei die Stadt, Notunterkünfte für Obdachlose zur Verfügung zu stellen. Nicht kostenlos übrigens: Der Container kostet im Monat 120 Euro Gebühr. Die Unterhaltskosten betragen ein Vielfaches.

Eine Mietwohnung ist die Unterkunft deswegen noch lange nicht. Vielmehr ist sie nur als vorübergehend gedacht, wie es eine eigene städtische Satzung formuliert. Doch Landfried und Graf erklären, dass hier rechtliche Theorie auf Praxis treffe. Bei manchem ihrer Gäste habe sich der Aufenthalt schon zu einem Dauerwohnverhältnis entwickelt. Gewollt sei das nicht, viel Spielraum habe man aber auch nicht, ist herauszuhören. Jedenfalls dann nicht, wenn der Gast sich vernünftig verhält.

Der 360-Grad-Blick in einen der vier Sanitärcontainer in der Goldschmidtstraße:

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Grob unvernünftiges Verhalten ist jedoch keineswegs selten in den Notunterkünften. „Das ist wie Knast ohne Mauern“, sagt der Mann mit dem Zigarillo über die Container-Anlage in der Goldschmidtstraße. Alkohol, Drogen und auch Konflikte gehörten hier zum Alltag. Die Polizei schaue regelmäßig vorbei, sagt Landfried, der gemeinsam mit einem Kollegen die Notunterkünfte verwaltet. Mit den neuen Containern ist angedacht, das Team um einen Mitarbeiter aufzustocken.

„Ich bin hier Mädchen für alles“, sagt Landfried über seine Arbeit, die weit über das rein Verwaltungstechnische hinausgeht. „Ich rede mit ihm“, versucht Landfried beispielsweise den nervös rauchenden Container-Bewohner zu beruhigen. Der andere, das sei ein bereits mehrfach negativ aufgefallener Ex-Sträfling, erklärt Landfried.

Braucht es ein Konzept?

Konflikte zu managen, ist eine der vielen Aufgaben des Verwaltungsmannes, der sich in seinem Beruf beim Liegenschaftsamt auch noch mit den Wohnungen der Stadt, Gewerbeflächen und Stellplätzen zu beschäftigen hat. Bei der Betreuung der Obdachlosen arbeite man mit vielen Ämtern zusammen, sagt Landfried. Insbesondere mit dem Landratsamt, wo auch Gertrud Heßlinger, zudem SPD-Stadträtin und zweite Bürgermeisterin, beruflich mit dem Thema verbunden ist.

Die schwierige Lage auf dem Wohnungsmarkt in Neumarkt hat die MZ in diesem Artikel beleuchtet.

Heßlinger lobt die Anstrengungen der Stadt, insbesondere die geplante Aufstockung der Container, sie fragt sich aber zugleich, ob es angesichts der möglicherweise bald 40 Container nicht auch einer sozialen Betreuung bedürfte. „Wir können die Menschen sich nicht selbst überlassen.“ Zugleich weiß Heßlinger aber auch um die damit verbundene Frage: „Ist das die Aufgabe der Stadt?“

Wie es um die Zahlen der Wohnungslosen in Deutschland aussieht, zeigt das Infoelement:

Wohnungslose in Deutschland

  • Datenlage:

    Es gibt keine offizielle Erhebung, wie viele Wohnungslose es in der Bundesrepublik gibt. Das kritisiert die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe, die nach eigener Aussage aufgrund der schlechten Datenlage nur Schätzungen der Zahl der wohnungslosen und der von Wohnungslosigkeit bedrohten Menschen vorlegen kann.

  • Zahlen:

    Die Wohnungslosenhilfe hat demnach einen drastischen Anstieg der Wohnungslosigkeit in Deutschland ermittelt: 2014 seien rund 335 000 Menschen in Deutschland ohne Wohnung gewesen – seit 2012 sei dies ein Anstieg um ca. 18 Prozent. Die Wohnungslosenhilfe prognostiziert für den Zeitraum von 2015 bis 2018 sogar einen Zuwachs um 200 000 auf 536 000.

Ist es nicht, sagt Josef Graf – nicht zuletzt auch mit Blick auf die Stadtkasse. Als kreisanhängige Stadt ist das Thema Sozialhilfe vor allem beim Landkreis angesiedelt. Heßlinger schwebt daher ein runder Tisch vor, an dem neben Stadt und Landkreis auch Wohlfahrtsverbände sitzen könnten. Das Ziel: ein Konzept für die Betreuung der Obdachlosen.

Solche Konzepte gebe es bereits in anderen Städten, erklärt Willi Kornberger von der Wohnungslosenhilfe Nordbayern. Für Kommunen könne ein solches Konzept, das Menschen helfen soll, Obdachlosigkeit zu überwinden, ebenfalls hilfreich sein. Indem nämlich der Bedarf an Notunterkünften nicht weiter steige, erklärt Kornberger.

Inwieweit dies angesichts der teils verfahrenen Schicksale der Menschen möglich scheint, ist eine andere Frage.

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