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Kelheims Pflegekräften reicht’s

Bereits 2015 war das Personal der Goldbergklinik am Limit. Geändert hat sich nichts. Doch Polemik ist keine Medizin.
Von Beate Weigert

Kein Silberstreif am Horizont, im Gegenteil: Hinter den Kulissen der Kelheimer Goldbergklinik brodelt es gewaltig. Foto: Weigert
Kein Silberstreif am Horizont, im Gegenteil: Hinter den Kulissen der Kelheimer Goldbergklinik brodelt es gewaltig. Foto: Weigert

Kelheim.Es war ein rührendes Bild. Am 10. Februar 2015 beugte sich die Gesundheits-Sekretärin Ingrid Fischbach über das Bett einer Patientin. Sie hörte ihr zu. Neben ihr stand die Kelheimer Krankenschwester Anneliese Röhrl. Ihr hörte Fischbach auch zu. Mit einem Brandbrief hatte Röhrl den Besuch der Bundespolitikerin in der Goldbergklinik ausgelöst. Die Hoffnungen waren groß. Doch: „An der Personalsituation hat sich nichts gebessert, im Gegenteil“, so Röhrl heute.

„Die Kollegen sind total fertig“

Aus pflegerischer Sicht könnte der Region deshalb ein „heißer Sommer“ bevorstehen, sagt Hans Kleehaupt, der Betriebsratsvorsitzende der Goldbergklinik (GBK). Viele seiner Kollegen seien „total fertig, müde, zermatscht“. Die Lage der Krankenschwestern und -pfleger ist prekär, aber nicht so wie sie Kelheims Bayernpartei-Kreisrat Fritz Zirngibl in einer Pressemitteilung, die er diese Woche verschickte und im Netz postete, schildert.

Darin poltert der Teugner, dass das Krankenhaus „trotz Unterdeckung“ Bewerbungen ablehne, gleichzeitig jedoch Geld für „15 sündteure neue Bürostühle“, die nach kürzester Zeit wieder entsorgt worden seien, zum Fenster hinauswerfe. Er suggeriert, dass die Klinikleitung respektive der Landkreis, der alleiniger Träger ist, nur ordentlich zu wirtschaften brauche, dann klappte es auch mit einer ordentlichen Finanzierung. Doch wo er ansetzen würde, vermag der Bayernparteiler nicht zu sagen. Zweifelsohne die Pflegemisere besteht. Quer durch die Republik, nicht nur in Kelheim.

„In allen Häusern, die ich kenne, ist es nie das lokale Problem, die lokalen Personen müssen es nur ausbaden“, sagt Kleehaupt. Was dem Verdi-Mann von Fischbachs Besuch im Kopf geblieben ist? „Dass sie sagte: Ob das Problem zu lösen ist, ist der Geschäftsführung überlassen – ohne mehr Geld (Anm. d. Red., vom Bund) ist die Antwort ein Witz“, ärgert sich Kleehaupt. Man braucht ihn oder Röhrl nur stellvertretend für die 117 Pflegekräfte der Klinik zu fragen, wie es steht. Frust und Wut quellen aus ihnen heraus.

„Aktuell sind zehn Betten in der gewinnbringenden Kardiologie gesperrt. Patienten müssen an andere Kliniken weitergeleitet werden.“

Schreibt Bayernpartei-Kreisrat Fritz Zirngibl

Dass „aktuell zehn Betten in der gewinnbringenden Kardiologie gesperrt sind“ und zum Beispiel Schlaganfallpatienten „an andere Kliniken weitergeleitet werden“, behauptet Zirngibl in seiner Pressemitteilung. GBK-Geschäftsführerin Dagmar Reich kontert: Fakt sei, „dass es eine Sperrung von Betten in der Kardiologie mit entsprechender Auswirkung auf die Aufnahmefähigkeit der Klinik in den vergangenen Tagen und Wochen nicht gegeben hat“. Es seien wegen Personalmangels oder Bettenknappheit keine Patienten woanders hinverlegt worden. Wenn, dann diente dies – „wie sonst auch üblich“ – weiterführender Diagnostik und Therapie.

Was sie bestätigt: Ja, es habe kurzfristige Krankheitsausfälle gegeben. Entsprechend wurden neue Patienten über die vorhandenen „zwei großen und zwei kleineren schwerpunktmäßig internistischen Stationen“ verteilt. Kleehaupt bestätigt: „Dass sich im Krankheitsfall Stationen gegenseitig aushelfen, ist seit Jahrzehnten Standard.“ Von einem Pflegekraftmangel kann aus Sicht der Geschäftsführerin derzeit keine Rede sein. Es liegt in der Natur der Sache, dass sich ein solcher aus ihrer Warte anders definiert als aus Pflege-Sicht. Im Grunde sei sie sich sogar mit Gewerkschaftern einig. Reich würde gerne mehr Kräfte einstellen, ginge deren Bezahlung nicht zulasten eines noch größeren Klinikdefizits. Diese „Krux“ lässt Kleehaupt nur den Kopf schütteln.

Kelheim suche wie jede Klinik in der Region qualifizierten Nachwuchs. Doch nicht jeder Bewerber sei für die „verantwortungsvollen und anstrengenden Aufgaben im Drei-Schicht-Betrieb geeignet“, kontert Reich.

Unser Archivbild zeigt Hans Kleehaupt bei einem früheren Warnstreik an der Goldbergklinik. Foto: Weigert/Archiv
Unser Archivbild zeigt Hans Kleehaupt bei einem früheren Warnstreik an der Goldbergklinik. Foto: Weigert/Archiv

Die aus Kleehaupts und Röhrls Sicht unter anderem folgende wären: „immer neue zusätzliche Aufgaben wie Dokumentation, Hygiene, kürzere Verweildauer, mehr Patienten in kürzerer Zeit, detaillierteste Einhaltung von Vorgaben etwa für die Betreuung Schwerstkranker, psychologische Betreuung der Patienten unter Zeitdruck“. Seit Jahren schieben Pflegekräfte Überstunden bzw. verzichten auf freie Tage, damit der Betrieb funktioniere. „Aber was soll eine Stationsleitung auch machen, wenn die Nachtschicht plötzlich ausfällt.“

Ihre Krux: Eigentlich sollen die, denen sie helfen wollen, die Patienten, nicht leiden, wenn sie für eine Verbesserung ihrer Lage kämpfen wollen, da sind sich die beiden langjährigen Pflegekräfte einig. Doch ohne „vielleicht sogar längere Streiks“ diesen Sommer sieht Kleehaupt keine Option, dass sich etwas bewirken ließe. Denn: „Die Politik weiß alles, aber sie lässt die Pflege im Stich“, sagt Anneliese Röhrl.

So wie Anneliese Röhrl vor zwei Jahren mit ihrem Brandbrief für Aufmerksamkeit sorgt, löste auch der Facebook-Post der Krankenschwester Jana Langer großes Echo aus:

Es kommt noch eins hinzu: In den nächsten Jahren gehen mehr Pflegekräfte – auch an der GBK – in Rente, als nachkommen. Und manche Kollegen werfen bereits zuvor das Handtuch und wechseln die Branche.

Hier sehen Sie eine Videozusammenfassung zu Jana Langers Protest:

Im Gegensatz zu Zirngibl haben Kleehaupt und Röhrl einige konkrete Forderungen: „vernünftige Bezahlung, vernünftige Stundenplanberechnung sprich Mindestbesetzung, fix eingeplante Springer für Krankheitsfälle, die Installation einer Pflegekammer – sie könnte „auf Augenhöhe Forderungen mit Ärzten und Kassen verhandeln“.

Denn vieles, was sie leisten, lässt sich nicht in den aktuellen Fallpauschalen festschreiben. Röhrl glaubt, dass 90 Prozent der Bevölkerung eine Erhöhung des Rentenbeitrags um ein Prozent akzeptieren würden, wenn dafür die Kliniken vernünftig bei der Pflege ausgestattet würden.

Ganze Region steigt auf Barrikaden

Weil stilles Klagen nichts bringt, organisiert Verdi-Mitglied Kleehaupt mit Kollegen anderer Kliniken in Niederbayern und der Oberpfalz eine große Demo. Am 17. Juni will das Klinikpersonal um 15.30 Uhr am Regensburger Neupfarrplatz zeigen, dass seine Lage „alle angeht“. Landkreisbürger könnten zudem an der Pforte der GBK per Unterschrift Solidarität bekunden.

Eine Baufirma, die viel Arbeit hat, habe volle Kassen, wieso das bei einer Klinik nicht so sein kann, will Anneliese Röhrl nicht in den Kopf.

Notiz am Rande: Von sündteuren Sesseln weiß laut Reich selbst die Haustechnik nichts. Ein Chefarzt, der auf dem zwölf Jahre alten Stuhl seines Vorgängers sitzt, hatte sich nachdem er Zirngibls Text im Netz gelesen hatte, hoffnungsvoll bei ihr erkundigt.

Lesen Sie den Artikel von Martina Hutzler: „Krankenschwester setzt Polit-Notruf ab“.

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