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Kindstod: Baby wurde nicht versorgt

Polizisten haben im Januar ein totes Neugeborenes in Zeitlarn gefunden. Nun ist Anklage gegen die Mutter erhoben worden.
Von Bettina Mehltretter, MZ

Anfang Januar hatte ein damals 37-jähriger Mann in seiner Zeitlarner Wohnung Blutspuren entdeckt. Sein Verdacht: Seine Lebensgefährtin hatte ihr Kind entbunden. Wenig später fanden Ermittler die Babyleiche.Foto: Lex
Anfang Januar hatte ein damals 37-jähriger Mann in seiner Zeitlarner Wohnung Blutspuren entdeckt. Sein Verdacht: Seine Lebensgefährtin hatte ihr Kind entbunden. Wenig später fanden Ermittler die Babyleiche.Foto: Lex

Zeitlarn.Der Fall schockierte die Menschen im Landkreis Regensburg: Anfang Januar hatten Polizisten in einer blutverschmierten Wohnung in Zeitlarn die Leiche eines neugeborenen Mädchens gefunden. Mittlerweile hat die Staatsanwaltschaft Anklage gegen die Mutter des Kindes erhoben.

Wie ein Sprecher des Landgerichts auf Anfrage unseres Medienhauses sagte, habe die damals 35 Jahre alte Frau in ihrer Wohnung ein lebensfähiges Kind zur Welt gebracht. Das ergab die Obduktion des Leichnams am Rechtsmedizinischen Institut der Universität Erlangen-Nürnberg. Die Tatsache, dass das Mädchen nach der Geburt lebensfähig gewesen wäre, hatte für die Staatsanwaltschaft für die Bewertung des Falls eine große Bedeutung. Auch eine zweite zentrale Frage konnten die Ermittler inzwischen klären: So starb das Kind nicht aufgrund von Gewalteinwirkung, sondern sei nach der Geburt von seiner Mutter „nicht versorgt worden“. Todestag ist der 28. Dezember 2016.

Frau hatte viel Blut verloren

Auf die Spur gebracht hatte die Ermittler der Lebensgefährte der Frau. Fünf Tage nach dem Todestag des Kindes, am 2. Januar 2017, war der Mann von einer Urlaubsreise zurück nach Hause gekehrt. Dort hatte er die Blutspuren entdeckt. Daraufhin äußerte er bei der Polizei den Verdacht, dass seine Lebensgefährtin während seiner Abwesenheit entbunden haben könnte. Allerdings, so der Mann, habe er kein Kind in der Wohnung finden können. Die Beamten durchsuchten daraufhin die Wohnung und fanden die Leiche des Babys. Gleichzeitig stellten sie fest, dass die Frau durch die Geburt viel Blut verloren hatte. Die Kriminalpolizei veranlasste daraufhin, dass die Mutter stationär in einem Krankenhaus behandelt wird.

Lesen Sie hier ein Experteninterview zum Thema: vier Fragen an Prof. Dr. med. Berthold Langguth, Chefarzt am Bezirksklinikum in Regensburg.

Gericht schaltet Gutachter ein

Fünfeinhalb Monate später, am 13. Juni, ist gegen die Frau Haftbefehl wegen Totschlags erlassen worden. Seither sitzt sie in Untersuchungshaft. Seit nun die Anklage der Staatsanwaltschaft beim Landgericht Regensburg eingegangen ist, prüft die Schwurgerichtskammer – die für Kapitalverbrechen zuständige Strafkammer – die Modalitäten für das weitere Verfahren.

Konkret geht es um die Schuldfähigkeit der Mutter zum Tatzeitpunkt. Ein psychiatrischer Gutachter soll für die Richter eine Empfehlung abgeben. Mit den Ergebnissen sei bis Anfang Oktober zu rechnen, erklärte der Sprecher des Landgerichts. Müsse die sogenannte Steuerungsfähigkeit der Mutter in dieser Situation gänzlich ausgeschlossen werden, könne die Frau nicht verurteilt werden. Stattdessen könnte ihre Einweisung in eine psychiatrische Klinik angeordnet werden.

Grundsätzlich sieht das Strafgesetzbuch (Paragraph 212) bei Totschlag eine Freiheitsstrafe von nicht unter fünf Jahren vor. In besonders schweren Fällen können Täter zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt werden.

Das Drama von Zeitlarn berge „keine großen Geheimnisse“, sagte der Sprecher des Landgerichts unserem Medienhaus. Dennoch wirft der Fall weiter Fragen auf: Warum fand die Geburt zu Hause statt? Wieso hat die Frau keinen Notarzt alarmiert? Warum hielt sich der Lebensgefährte zur Zeit der Geburt im Urlaub auf? Wieso hat erst die Polizei den toten Säugling gefunden? Details will das Landgericht erst bekannt geben, sobald das Gutachten über die Schuldfähigkeit der Mutter vorliegt.

Kindstötungen: Weitere Fälle

  • Dezember 2016:

    Das Landgericht Erfurt verurteilt eine 29-Jährige aus Thüringen wegen Totschlags durch Unterlassen zu achteinhalb Jahren Haft. Sie hatte zwei Neugeborene in Handtücher gewickelt und sich selbst überlassen, Anfang 2016 wurden die Babyleichen gefunden.

  • Dezember 2016:

    In Berlin wird die Leiche eines Säuglings entdeckt. Laut Obduktion starb das Kind durch Fremdverschulden. Die Mutter wird psychiatrisch behandelt, gegen sie wird wegen Verdachts auf Totschlag ermittelt.

  • Juli 2016:

    Eine Frau aus Wallenfells (Oberfranken) muss wegen Totschlags 14 Jahre in Haft. Zuvor waren acht in Handtücher und Plastiktüten gewickelte Säuglinge gefunden worden.

  • Juni 2014:

    Eine 20 Jahre alte Frau aus Saal a. d. Donau (Landkreis Kelheim) wird zu einer Haftstrafe von fünf Jahren und neun Monaten verurteilt. Sie hatte ihr Baby unmittelbar nach der Geburt getötet. Sie hatte angegeben, sich in einer absoluten Notsituation befunden zu haben und sich „von jedem im Stich gelassen“ gefühlt zu haben.

  • September 2012:

    Eine 28-Jährige aus Husum (Schleswig-Holstein) gesteht die Tötung ihrer fünf Babys, drei der Leichen wurden in ihrem Keller entdeckt. Das Urteil: neun Jahre Haft.

  • Juli 2005:

    In einer Garage in Brieskow-Finkenheerd (Brandenburg) werden neun Babyleichen entdeckt. Sie liegen in einem mit Sand gefüllten Aquarium, in Eimern und Blumenkübeln. Die Mutter wird wegen Totschlags zu 15 Jahren Haft verurteilt.

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