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Kommt die Religion unter die Räder?

Gedankenspiele unseres Autors Alois Dachs zur Debatte über den Glauben, garniert mit ein paar aktuellen Erlebnissen.
Von Alois Dachs

Und plötzlich fährt ein Radfahrer durch die Menschenschar... Foto: Rabl-Dachs
Und plötzlich fährt ein Radfahrer durch die Menschenschar... Foto: Rabl-Dachs

Bad Kötzting.„Was glaubst Du?“, lautete kürzlich die Frage bei einem Thema, das die ganze Woche in Rundfunk, Fernsehen und von Tageszeitungen behandelt wurde. Eine interessante Frage in unserer Zeit, da sich traditionsbewusste Katholiken ihrer Treue zur Kirche und zum Glauben ebenso sicher sind, wie viele evangelische Christen 500 Jahre nach dem Anschlag der 95 Thesen Martin Luthers überzeugt sind, dass dadurch ein wichtiger Weg im Christentum geöffnet wurde.

Dass nicht nur Atheisten, die in kommunistischen Ländern vom Glauben wegerzogen wurden, sondern auch viele Kirchensteuer-Sparer Abschied von Glaubensfragen und Kirche genommen haben, ist dagegen kein Geheimnis. Dazu kommt eine weitere Komponente, nämlich die Angst vor einer Islamisierung, die viele Deutsche im Gefolge der Flüchtlingswelle aus Syrien, dem Irak, dem Iran und aus Afghanistan befürchten.

Woher kommt diese Angst?

Woher kommt diese Angst, die in weiten Teilen an die Kriege gegen Türken erinnert, die es einst in ihrem Drang, den muslimischen Glauben „mit Feuer und Schwert“ zu verbreiten, bis vor die Tore von Wien geschafft hatten? Ist es die Angst vor einem Übergewicht des Islam in Mitteleuropa? Oder resultiert dieses Gefühl vor allem daraus, dass uns jede „fremde Religion“ mit ihren uns unbekannten Ritualen besonders verdächtig erscheint, weil sie von vielen Menschen gelebt wird, die mehrmals täglich eine Moschee besuchen, regelmäßig mit dem Rabbiner in der Synagoge feiern oder mehrmals am Tag buddhistische Gebete sprechen?

Was haben wir als Christen dem entgegenzusetzen? Das seit Jahren umstrittene Recht auf eine Raucherpause während der Arbeitszeit? Ein Hochzeits-Event, bei dem der Priester neben musikalischen Entertainern, Reis werfenden Vereinskameraden oder weißen „Glückstauben“ gerade noch ein geduldeter Dienstleister ist?

Was bedeuten uns Erstkommunion oder Firmung, die für die meisten Kinder und Jugendlichen in erster Linie „Geschenk-Events“ sind, die häufig aber auch den Abschied von der Kirche zur Folge haben? Ein Priester machte kürzlich seinem Frust darüber Luft, dass Eltern um Befreiung ihrer Kinder vom Kommunionunterricht nachsuchen, weil dafür neben Schule und Freizeitaktivitäten keine Zeit mehr sei. „Das ist, wie wenn ein Fußballer unbedingt in der Mannschaft spielen will, obwohl er nie zum Training geht“, sagt der Pfarrer.

Alle anderen bleiben stehen

Wie gehen wir mit unserem christlichen Glauben um? Zwei Beispiele: Beim Bergwacht-Gottesdienst auf der Arberebene verfolgt die Schar der rund 200 Gläubigen vor dem Feldaltar und beiderseits des Wanderweges die Messe. Viele junge Familien und etliche Radfahrer streben dem Berggipfel zu, ohne einen Blick auf den Altar zu werfen oder anzuhalten. Ein einziger junger Mann kniet sich bei der Gabenbereitung auf der weichen Grasmatte des Skihanges nieder, alle anderen – auch ich – bleiben stehen. Wir beugen nicht mehr das Knie vor Gott. Sind deshalb alle verdächtig, die sich vor ihrem Gott mehrmals am Tag zu Boden werfen?

Wenige Tage später Fronleichnamsprozession in Bad Kötzting: Eine große Schar von Christen wartet vor dem Altar auf den eucharistischen Segen des Priesters, da fährt ein Radfahrer mitten durch die Menschenschar. Er glaubt an die gesundheitsfördernde Wirkung seines Sports. Was lernen wir daraus? Vielen von uns fehlt nicht nur der Glaube, sondern auch jeglicher Respekt vor den Gläubigen. Und das ist eine gesellschaftliche Strömung, die sich im täglichen Umgang der Menschen immer häufiger zeigt. Schneller, billiger, oberflächlicher – da bleibt für die Religion nicht mehr viel Platz.

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