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Moderne Medizin auf der grünen Wiese

Vor 25 Jahren nahm das Universitätsklinikum Regensburg seinen stationären Betrieb auf. Der Weg dorthin war holprig.
Von Isolde Stöcker-Gietl, MZ

Das Uniklinikum Regensburg heute: Ein Krankenhaus der maximalen Versorgungsstufe mit 833 Betten und über 4400 Mitarbeitern. Im Jahr 2016 wurden über 140 000 Patienten ambulant und knapp 35 000 Patienten stationär behandelt. Foto: Universitätsklinikum Regensburg/Herbert Stolz
Das Uniklinikum Regensburg heute: Ein Krankenhaus der maximalen Versorgungsstufe mit 833 Betten und über 4400 Mitarbeitern. Im Jahr 2016 wurden über 140 000 Patienten ambulant und knapp 35 000 Patienten stationär behandelt. Foto: Universitätsklinikum Regensburg/Herbert Stolz

Regensburg.Journalisten können irren. Heute wie damals. Als der bayerische Landtag 1961 beschloss, dass der vierte Universitätsstandort des Freistaates in Regensburg liegen soll, da ätzte das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ kräftig gegen diese Entscheidung. „Tatsächlich ist kaum damit zu rechnen, daß Regensburg viele Studenten anlocken wird: Die größte Attraktion der Stadt ist ihre Vergangenheit“, hieß es in dem Bericht. Allenfalls junge Historiker, nicht aber Naturwissenschaftler und Juristen werde der geplante Hochschulstandort anlocken, prognostizierte der Autor. Er sollte sich gewaltig täuschen. Die Universität wurde gebaut, aktuell sind mehr als 21 000 Studenten eingeschrieben. Für das Universitätsklinikum brauchte man zwar einen längeren Atem und musste einige politische Wendungen durchstehen. Aber errichtet wurde es am Ende doch.

Vor 25 Jahre nahm auf der Anhöhe am Stadtrand die stationäre Patientenversorgung ihren Betrieb auf. Heute ist das Klinikum ein Maximalversorgungszentrum, das im vergangenen Jahr knapp 35 000 Patienten stationär und über 140 000 Patienten ambulant versorgte. „Das Uniklinikum war ein Experiment auf der grünen Wiese. Es ist ein sehr erfolgreiches Experiment geworden“, sagt Dr. Oliver Kölbl, der Ärztliche Direktor der Klinik. Letztlich habe sich die langsame Entwicklung als der richtige Weg erwiesen. „Das Haus kann auch 25 Jahre nach der Errichtung in funktioneller und medizinischer Sicht den Entwicklungen standhalten.“

Bettenzahl war deutlich geschrumpft

Als am 26. September 1978 Bayerns Ministerpräsident Alfons Goppel – ein gebürtiger Regensburger – zusammen mit Kultusminister Hans Maier und dem Regensburger Universitätspräsidenten Dieter Henrich die Zeitkapsel versenkte und damit den Grundstein für den Bau legte, hatte es bereits einige Nachjustierungen zu dem Millionenprojekt gegeben. Das ursprünglich auf 1600 Betten ausgerichtete Klinikum war deutlich geschrumpft. Nun sollten rund 1000 Betten die medizinische Versorgung der Bevölkerung im ostbayerischen Raum sichern.

Als erste Klinik nahm 1983 die Zahnmedizin ihren Betrieb auf. Die Mittelbayerische Zeitung schrieb damals, dass mit dem neu eingerichteten Schmerzdienst „die Qualen von Patienten nun auch nachts beseitigt werden können“. Schon wenige Wochen nach dem Start wurde der 2000. Patient vermeldet und das Problem der fehlenden Betten zur stationären Versorgung thematisiert. Doch es ging die kommenden Jahre nur schleppend voran.

Der Bund fror die Mittel ein

Nach der Wiedervereinigung stand der Ausbau des Uniklinikums sogar komplett auf der Kippe, denn zugesagte Bundesmittel wurden eingefroren. Erst als der Freistaat Bayern beschloss, den fehlenden Betrag aus eigener Tasche zu bezahlen, konnte der 500 Millionen Mark teure zweite Bauabschnitt fertiggestellt werden. 1992 nahmen die Kliniken für Innere Medizin, die chirurgischen Abteilungen sowie Augenheilkunde, Dermatologie und Hals-Nasen-Ohrenheilkunde ihre Arbeit auf. Der erste Verwaltungsdirektor Dr. Hans Brockard sagte über die Vorbereitungen: „Die Frage ist: Wann können wir zum ersten Mal abheben und dann Stück für Stück die Reiseflughöhe im Steilflug erreichen.“

Lesen Sie hier ein Interview mit Prof. Dr.Michael Landthaler, einem Mediziner der ersten Stunde am Klinikum:

Die Journalisten interessierte vor allem eins: Wann würde die erste Herztransplantation in Regensburg stattfinden. Ein Wirbel, den der damalige ärztliche Direktor, Dr. Kai Taeger, nicht verstehen konnte. „Herztransplantationen sind in vielen Zentren zur Routine geworden. Ich würde das nicht mehr so hoch aufhängen. Es gibt wesentlich problematischere Dinge wie Lebertransplantationen“, sagte er in einem Interview mit der Mittelbayerischen Zeitung im Jahr 1991. Die erste Herztransplantation fand übrigens 1994 statt. Heute gehören am Uniklinikum auch Lebertransplantationen zur medizinischen Routine.

Dr. Oliver Kölbl, Ärztlicher Direktor am UKR Foto: UKR
Dr. Oliver Kölbl, Ärztlicher Direktor am UKR Foto: UKR

Überhaupt hat sich das Universitätsklinikum einen hervorragenden Ruf erarbeitet, insbesondere dort, wo es um die Behandlung schwerster oder seltener Krankheitsbilder geht. „Mit einem Case Mix Index von 1,95 liegt das UKR an der Spitze der deutschen Universitätskliniken bei der Versorgung schwerster Krankheitsbilder und komplexer Therapien bundesweit“, sagt Kölbl.

Noch zu Beginn der Planungen für das Universtitätsklinikum hatten die bestehenden Kliniken die drohende Konkurrenz gefürchtet. Heute arbeitet man in Kooperationen in verschiedenen Bereichen eng zusammen. Das Uniklinikum hat zudem das Einzugsgebiet deutlich erweitert. Patienten reisen bis aus Hof und Passau an, um sich medizinische Hilfe zu holen.

Dass das heute so ist, dazu haben auch die Menschen in der Region einen entscheidenden Beitrag geleistet. Denn nach dem zweiten Bauabschnitt geriet der Ausbau des Klinikums erneut ins Stocken. Die Kinderheilkunde, die Frauenheilkunde, die Urologie und die Geburtshilfe sollten noch verwirklicht werden. Doch dafür fehlten die finanziellen Mittel. Insbesondere eine universitäre Pädiatrie, also die Versorgung schwerkranker Kinder, trieb nicht nur Eltern, sondern auch die Mediziner der Regensburger Klinik St. Hedwig um. „Wir haben ein recht hohes Versorgungsniveau, aber unser Angebot ist unvollständig“, mahnte 1998 Chefarzt Dr. Hugo Segerer. Doch es sollte weitere sechs Jahre dauern, bis sich endlich etwas bewegte – allerdings nicht bei den Entscheidungsträgern in München. Die Mediziner am Uniklinikum nahmen unter der Regie von „KUNO-Vater“ Hans Brockard das Projekt selbst in Angriff. Unter dem Motto „Wir packen’s an – Wir bauen unsere Kinderklinik selbst“ startete im März 2004 die deutschlandweit einmalige Spendenaktion KUNO. Es war wie ein Weckruf für die Menschen in der Region. Kinder verkauften selbst gepflückte Blumen, Frauenkreise bastelten und backten, es gab Benefizkonzerte und Sportveranstaltungen – alles für die gute Sache. Innerhalb eines Jahres kamen 3,5 Millionen Euro zusammen. Die Aktion mit dem verletzten, blauen Raben als Maskottchen schaffte das unmöglich Scheinende: Eine millionenschwere Anschubfinanzierung, die auch den Freistaat Bayern bewegte, seinen Beitrag für die Kinderuniklinik Ostbayern zu leisten. 2010 wurde der Bau mit den bunten Fensterrahmen eröffnet. Bis heute wurden elf Millionen Euro an Geld- und Sachspenden von der KUNO-Stiftung für die kindermedizinische Versorgung aufgewendet. Ein weiteres Millionenprojekt stemmte in unmittelbarer Nachbarschaft der Verein zur Förderung krebskranker und körperbehinderter Kinder (VKKK). Im Elternhaus finden die Angehörigen schwerkranker Kinder eine Bleibe auf Zeit.

Lesen Sie hier mehr über die größten Spendenprojekte in der Region:

Das jüngste Universitätsklinikum in Deutschland beschäftigt heute 4400 Mitarbeiter und bietet in 28 Kliniken, Polikliniken, Abteilungen, Instituten und mehr als 30 interdisziplinären Zentren medizinische Versorgung der höchsten Stufe an. Forschungsergebnisse aus Regensburg finden international Anerkennung. Als einen Meilenstein in der universitären Forschung am Klinikum nennt Kölbl den Bau und Betrieb einer mobilen Herz-Lungen-Maschine, auch Extrakorporale Membranoxygenierung (ECMO) genannt. Für die Pionierarbeit auf diesem Gebiet erhielt das Klinikum 2014 den ELSO Award for Excellence in Life Support – nur vier medizinische Zentren in Europa können diese Auszeichnung vorweisen. Auch bei Patientenrankings erzielt das Haus immer wieder Bestnoten.

Gebaut wird übrigens derzeit wieder: Ein weiteres Forschungszentrum und ein neuer Bereich für die Intensiv- und Transplantationsmedizin entsteht. „Bei uns ist es wie mit dem Dom. Die Arbeit ruht nicht“, sagt Kölbl.

Eine Ausstellung zur Bau- und Entwicklungsgeschichte wird am Donnerstag, 27. April, um 17 Uhr im Foyer des UKR eröffnet. Sie läuft bis 24. Juli.

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