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Morde, die unentdeckt bleiben

Rechtsmediziner glauben, dass bei der Leichenschau nicht selten Fehler unterlaufen. Auch in der Oberpfalz gibt es Belege.
Von Isolde Stöcker-Gietl, MZ

  • Ein Arzt stellt vor der Beisetzung die Todesursache fest. Doch nicht immer liegt er damit richtig. Foto: Fotolia
  • Dr. Dieter Geis, Vorsitzender des bayerischen Hausärzteverbandes. Foto: dpa

Regensburg.Als die 87-jährige Rentnerin Elisabeth H. aus Furth im Wald (Lkr. Cham) im Januar 2004 tot in ihrer Wohnung entdeckt wurde, hatte sie schwere Verletzungen im Gesicht und Blutergüsse am Hals. Der Hausarzt, der die Leichenschau vornahm, ging von einem schwerem Sturz aus. Die Familie ließ die Seniorin beerdigen. Beinahe wäre damit ein Verbrechen unentdeckt geblieben.

Nach einer Studie der Universität Münster aus dem Jahr 1997 werden jedes Jahr mindestens 1200 bis hin zu über 2000 Tötungsdelikte nicht aufgedeckt. Der bekannte Münchner Rechtsmediziner Wolfgang Eisenmenger nannte es in einem Interview „einen Skandal“, dass statistisch gesehen womöglich genauso viele Tötungsdelikte unentdeckt blieben wie aufgeklärt werden könnten. In Bremen und Niedersachsen soll sich das nun ändern. Während Niedersachsen das Bestattungsrecht verschärfen will, sollen in Bremen Verstorbene künftig nach der Feststellung des Todes zusätzlich von einem rechtsmedizinisch ausgebildeten Leichenschauarzt begutachtet werden.

Die beiden Bundesländer ziehen damit die Konsequenzen aus der Mordserie des Krankenpflegers Niels H., der in Kliniken in Oldenburg und Delmenhorst betagten Patienten gefährliche Medikamente gespritzt hatte, um sie dann zu reanimieren und sich als Lebensretter feiern zu lassen. Mehr als 200 Todesfälle wurden und werden noch immer untersucht. Doch niemand kam zunächst auf die Idee, dass die Kranken gezielt getötet worden sein könnten. Erst als der Krankenpfleger auf frischer Tat ertappt wurde, kamen immer mehr Vorfälle ans Licht. Im bayerischen Sonthofen tötete ebenfalls ein Krankenpfleger mindestens 29 bettlägerige Patienten durch Injektionen. Hier wurde der Diebstahl von Medikamenten bemerkt, der die Polizei schließlich auf die Spur des 25-Jährigen brachte. Die Verstorbenen mussten exhumiert werden. Auch bei drei Opfern des Regensburger Serienmörders Horst David wurde ein Haushaltsunfall festgestellt, dabei waren die Rentnerinnen erwürgt worden.

Hohes Maß an Sensibilität gefragt

In der Regel diagnostizieren die Hausärzte der Verstorbenen den Tod. Es ist vorgeschrieben, dass sie die Leiche entkleiden und bei möglichst guter Beleuchtung begutachten, dabei sind laut den Vorschriften des Bayerischen Bestattungsgesetzes auch die Körperöffnungen, Rücken und die behaarte Kopfhaut nach Wunden, Blutergüssen und sonstigen Auffälligkeiten abzusuchen. Für die Ärzte keine schöne Aufgabe, insbesondere auch deshalb, weil sie ihre Auflagen gewissenhaft erfüllen und dabei aber auch noch ein hohes Maß an Sensibilität im Umgang mit den trauernden Angehörigen aufbringen müssen.

Der Vorsitzende des Bayerischen Hausärzteverbandes, Dr. Dieter Geis, betreibt eine Praxis im unterfränkischen Randersacker. Durchschnittlich etwa 25 seiner Patienten begleitet er pro Jahr bis hin zum Tod. Er kennt die Erkrankungen und den Verlauf und er kennt das Umfeld. Das hilft ihm beim Ausstellen des Totenscheins. Weitaus schwieriger werde es im Bereitschaftsdienst, sagt Geis. „Da ist man dann auch eher geneigt, als Todesursache ‚nicht aufgeklärt‘ anzukreuzen, um wirklich nichts zu übersehen.“ Bei einer solchen Bewertung wird, ebenso wie bei der festgestellten unnatürlichen Todesursache immer die Polizei hinzugezogen.

Es kommt durchaus häufiger vor, dass die Polizei vom Arzt zu einem Todesfall hinzugerufen wird, sagt Albert Brück, Sprecher des Polizeipräsidiums Oberpfalz. Die Kriminalpolizei nimmt dann die Leiche und die Umstände in den Blick und macht sich ein Bild von der Situation vor Ort. In den meisten Fällen könne nach der polizeilichen Leichenschau der Fall bereits abgeschlossen und nach Rücksprache mit der Staatsanwaltschaft der Leichnam zur Bestattung freigegeben werden, sagt Brück. Gibt es allerdings Erkenntnisse, dass Fremdverschulden zum Tod geführt haben könnte, ordnet die Staatsanwaltschaft eine Obduktion in der Rechtsmedizin an. In Bayern gab es im Jahr 2016 insgesamt 229 vollendete Tötungsdelikte.

„Kein Arzt reißt sich darum“

In Bremen werden die Haus- und Bereitschaftsärzte künftig nur noch den Tod feststellen und die Ursachenerforschung den ausgebildeten Rechtsmedizinern überlassen. Die Kosten dafür sollen die Angehörigen tragen. Eine Praxis, die sich Geis auch für Bayern vorstellen könnte. Im bayerischen Hausärzteverband habe man das Thema bislang aber noch nicht diskutiert, sagt er. Er wisse aber aus dem Kollegenkreis, dass sich „kein Hausarzt um die Leichenschau reißt“. Man werde nun die Erkenntnisse aus dem zweijährigen Modellversuch in Bremen genau verfolgen.

In Bayern werde man einen anderen Weg gehen, heißt es aus dem Bayerischen Gesundheitsministerium. „Aktuell laufen wichtige Vorarbeiten, die die Verbesserung der Plausibilitätskontrolle hinsichtlich der Todesbescheinigungen zum Gegenstand haben.“ Damit solle die Aus-, Fort- und Weiterbildung der Ärzte – auch im Hinblick auf die Leichenschau – verbessert werden. Eine flächendeckende Versorgung mit rechtsmedizinisch qualifizierten Ärzten könne insbesondere in Flächenstaaten wie Bayern kaum umgesetzt werden, da sich wohl nicht genügend Ärzte finden würden, die eine entsprechende Zusatzqualifikation erwerben, heißt es weiter.

Schwierig wird die Ermittlung der Todesursache dann, wenn äußerlich keine Verletzungen erkennbar sind. Wenn etwa alte und kranke Menschen mit einer Überdosis getötet wurden. Laut Rechtsmediziner Eisenmenger blieben auch Vergiftungen und Erstickungen oft unerkannt, da sie ohne eine innere Leichenschau kaum zu erkennen seien. Insgesamt werden deutschlandweit nur in gut einem Prozent aller Todesfälle Obduktionen angeordnet. Das Referat für Gesundheit und Umwelt der Landeshauptstadt München und des Instituts für Rechtsmedizin der Universität München untersuchten 2014/2015 in einer Studie, wie häufig Todesbescheinigungen falsch ausgestellt werden. Insgesamt wurden 27 164 Bescheinigungen analysiert, in 67 Fällen (0,25 Prozent) war ein „natürlicher Tod“ bescheinigt, obwohl ein „nicht natürlicher Tod“ oder eine „ungeklärte Todesart“ zutreffend gewesen wäre. Das Gesundheitsministerium betonte, dass sich in keinem Fall eine Strafvereitelung durch den leichenschauenden Arzt ergeben habe.

Im Fall der ermordeten Rentnerin Elisabeth H. hatte der Sohn der Getöteten schon gegenüber dem Hausarzt den Verdacht geäußert, dass seine Mutter einem Verbrechen zum Opfer gefallen sein könnte. Doch erst drei Wochen später kam die Bluttat ans Licht, weil die Polizei wegen einer Serie von Brandstiftungen in dem Mietshaus ermittelte. Da wandte sich der Sohn der Getöteten mit seinem Verdacht direkt an die Polizei. Die Frau wurde exhumiert, ein 22-jähriger Nachbar als Täter ermittelt und verurteilt. Er sitzt bis heute seine Strafe ab.

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