MyMz

Neumarkts Hebammen schlagen Alarm

Geburtshelferinnen fürchten um ihre Zukunft und die Versorgung der Schwangeren – denn es gibt neue Pläne für ihre Bezahlung.
von Bettina Dennerlohr

Ernste Mienen am Freitag: Die Hebammen und Klinikvorstand Peter Weymayr hatten Oberbürgermeister und Landrat zu einem Gespräch eingeladen. Foto: Dennerlohr
Ernste Mienen am Freitag: Die Hebammen und Klinikvorstand Peter Weymayr hatten Oberbürgermeister und Landrat zu einem Gespräch eingeladen. Foto: Dennerlohr

Neumarkt.„Desaster“, „ernste Lage“, „große Not“ – diese Worte benutzte am Freitag Klinikvorstand Peter Weymayr für eine geplante Änderung im Hebammensystem. Denn, so sagt Weymayr: Künftig könnten in Neumarkt entweder Schwangere weggeschickt werden oder die Hebammen einen Teil ihrer Arbeit nicht mehr mit der Krankenkasse abrechnen. Darüber debattierten auch zehn der 14 im Krankenhaus arbeitenden Beleghebammen, Oberbürgermeister Thomas Thumann und Landrat Willibald Gailler.

Ein „heilloses Fiasko für Bayern“ stehe bevor, sagt Kerstin Hartmann, leitende Hebamme am Klinikum. Seit zehn Jahren gibt es dort das System der Beleghebammen: Die Frauen sind Freiberuflerinnen und unterschreiben einen Kooperationsvertrag mit dem Krankenhaus. Nun hat der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherungen gravierende Änderungen für sie beantragt: Beleghebammen, die wie die Neumarkterinnen im Schichtdienst arbeiten, sollen nur noch höchstens zwei Frauen gleichzeitig betreuen dürfen, erklärt Weymayr. Kommt eine dritte Schwangere, so muss sie entweder abgewiesen werden oder die Hebamme kann ihre Arbeit nicht mehr mit der Krankenkasse abrechnen.

„Leidtragende sind am Ende die Schwangeren.“

Hebamme Kerstin Hartmann

Tagsüber sind zwei Hebammen im Klinikum, erklärt Hartmann. Eine Dritte könne als Rufbereitschaft bei Engpässen einspringen– nicht aber dauerhaft. „Dafür gibt es gar nicht genug Hebammen“, sagt Hartmann. So könnten die Neumarkter Beleghebammen gemäß der Neuregelung nur noch vier Frauen pro Tag betreuen. „Diese Regelung gilt nicht nur für gerade laufende Geburten, sondern auch für Schwangere, die zum Beispiel nur zur Überwachung im Krankenhaus sind“, sagt Hartmann. 812 Kinder kamen 2016 im Klinikum zur Welt. Hier seien so gut wie an jedem Tag mehr als vier Frauen zu betreuen. „Festangestellte Hebammen betreuen oft fünf Frauen gleichzeitig“, so Hartmann.

Mehr Hebammen zu engagieren oder sie wieder in Festanstellungen zu übernehmen, komme für das Klinikum nicht in Frage, sagt Weymayr. Zum einen sei das finanziell nicht möglich, außerdem gebe es gar nicht genug Hebammen für alle Geburtsstationen auf dem Arbeitsmarkt. Auch habe sich das System der Beleghebammen bewährt, mehr als 60 Prozent der bayerischen Entbindungskliniken würden von Beleghebammen betreut.

Hebamme fürchtet schließende Entbindungsstationen

Hartmann sagt, sie befürchte eine drastische Verschlechterung in der Versorgung schwangerer Frauen. Für zahlreiche kleinere Geburtsstationen bedeute die neue Regelung das Aus, ist sie überzeugt. In größeren Kliniken werde dagegen der Zustrom der Patientinnen weiter steigen. Laut dem Verein „Motherhood“ wurden 2014 in München bereits 800 Frauen in den Wehen abgewiesen. Der Hebammenverband verzeichnet online auf einer „Landkarte der Unterversorgung“ Meldungen von Frauen, die eine Hebammenleistung nicht bekommen haben – egal ob Nachsorge, Vorsorge oder Kurs. 11 777 Fälle waren dort bis Freitagnachmittag registriert. Aus dem Landkreis Neumarkt sind es zehn Fälle, alle betreffen die Wochenbettversorgung.

„Seit Jahren haben wir Versorgungsengpässe in Bayern, auch weil in den letzten Jahren viele Hebammen ihren Beruf wegen der Arbeitsbedingungen aufgegeben haben“, sagt Hartmann. Auch die Anmeldungen an den Hebammenschulen seien deutlich zurückgegangen.

„Wegen der Arbeitsbedingungen haben in den letzten Jahren viele Hebammen ihren Beruf aufgegeben“.

Hebamme Kerstin Hartmann

Was sie und ihre Berufskolleginnen besonders bitter finden: Der Deutsche Hebammenverband habe Änderungen angestoßen, sagt Hartmann: „Der Verband fordert seit Jahren eine bessere Vergütung für freiberufliche und bessere Arbeitsbedingungen für angestellte Hebammen.“ Der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherungen habe dagegen wiederum den aktuellen Vorschlag präsentiert.

Entscheidung fällt in gut zwei Wochen

Noch sind die Änderungen aber nicht durch – und die Hebammen wollen sich auch dagegen wehren. Die Neumarkterinnen wandten sich unter anderem deshalb an die Politiker. In Deggendorf kamen Mitte April Hebammen aus ganz Niederbayern zusammen, um gegen die Pläne zu demonstrieren, in Regensburg gingen die Frauen Anfang April auf die Straße. Dass der Protest in Bayern besonders groß ist, kommt nicht von ungefähr. Deutschlandweit waren laut dem Statistischen Bundesamt 2015 16 Prozent der 11 000 Hebammen in deutschen Krankenhäusern Freiberuflerinnen. In Bayern arbeiten dagegen 78 Kliniken nur mit Beleghebammen, 29 mit festangestellten. Wie es weitergeht, steht erst am 19. Mai fest: Dann beurteilt eine neunköpfige Schiedsstelle, ob die Pläne umgesetzt werden. Die Zahl der Krankenhäuser mit Entbindungsabteilung ist derweil seit 2004 von 952 auf 709 gesunken. Das sagte der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft am Donnerstag.

„Wir wollen Reformen, aber nicht solche.“

Hebamme Kerstin Hartmann

Gailler versprach den Hebammen, sich für sie am kommenden Dienstag stark zu machen. Dann tagt in München der Fachausschuss für Gesundheit und Soziales des Bayerischen Landkreistages, dem Gailler angehört. „Wir brauchen unsere Hebammen“, sagte Gailler. Er sei zweifach betroffen, sagte Thomas Thumann: Als Politiker und als Familienvater. Es sei wichtig, Solidarität mit den Hebammen zu zeigen. Die neuen Pläne bedeuteten eine Verschlechterung: „Die Folgen möchte ich mir gar nicht ausmalen“, sagte Thumann.

Lesen Sie mehr:
Mehr Nachrichten aus der Region Neumarkt finden Sie hier.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht