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Propaganda durch Programme?

Social Bots stehen unter dem Verdacht, Wahlen zu manipulieren. Wie mächtig die Meinungsroboter sind, ist aber umstritten.
Von Jana Wolf, MZ

Können Meinungsroboter uns beeinflussen? Sie heizen gezielt Diskussionen an, sagen die einen. Sie erweitern unsere digitale Kommunikation und bieten neue Möglichkeiten, sagen die anderen.Foto: dpa
Können Meinungsroboter uns beeinflussen? Sie heizen gezielt Diskussionen an, sagen die einen. Sie erweitern unsere digitale Kommunikation und bieten neue Möglichkeiten, sagen die anderen.Foto: dpa

Regensburg.Ein gruseliges Szenario geistert in der Öffentlichkeit herum: Computerprogramme schalten sich unbemerkt in unsere Kommunikation ein, flößen uns politische Botschaften ein und steuern so unsere Entscheidung an der Wahlurne. Seit US-Präsident Donald Trump angeblich dank Manipulation auf Facebook und Twitter die Wahl gewonnen haben soll, kursiert auch bei uns die Angst vor Propaganda im Netz. Die Tatverdächtigen heißen Social Bots. Pünktlich zum Bundestagswahlkampf ist die Frage, ob diese Meinungsroboter uns politisch lenken können, wieder hochaktuell. Da Angst ein schlechter Berater ist, lohnt sich ein genauer Blick.

Social Bots sind Computerprogramme, die sich als solche nicht zu erkennen geben. Das Wort „Social“ tragen sie im Namen, weil sie auf sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter zu finden sind. Sie treten dort wie herkömmliche Nutzer auf und haben häufig Profilbilder echter Menschen, was sie schwerer erkennbar macht. Das Wort „Bot“ (von Englisch robot, also Roboter) besagt, dass sie darauf programmiert sind, automatisch in sozialen Netzen zu agieren und Nachrichten zu verschicken. Menschen, die Bots programmieren, legen auch ihren Handlungsspielraum fest.

Propaganda versus neue Vielfalt

David Röthler sieht keine Gefahr, wenn Bots klar erkennbar sind. Foto: Wolf
David Röthler sieht keine Gefahr, wenn Bots klar erkennbar sind. Foto: Wolf

Sind Social Bots nun gefährlich? Oder sind es die Menschen, die sie programmieren, und die seit jeher versuchen, Wahlen zu steuern? Oder keiner von beiden? An diesen Fragen scheiden sich die Geister. „Bots sind nicht per se böse“, sagt David Röthler. Der Salzburger Dozent für digitale Medien und politische Kommunikation ist zu einer Podiumsdiskussion zum Thema „Meinungsroboter in der politischen Auseinandersetzung“, die die Friedrich-Ebert-Stiftung veranstaltete, ins Ibis-Hotel in Regensburg gekommen. Der Konferenzraum ist mit 40 Gästen gut gefüllt, das Thema treibt offenbar viele um. Röthler zählt positive Beispiele von Social Bots auf: Bei standardisierten Kundenanfragen im Netz, Reisebuchungen oder Restaurant-Tipps könnten sie gute Dienste leisten und wiederholbare Antworten automatisiert verschicken. Auch die Nachrichten-App Resi, die journalistische Inhalte im Chat-Format auf das eigene Handy liefert, oder der Englisch-Trainer Andy (www.andychatbot.com), täten laut Röthler gute Dienste.

Florian Ritter, Vorsitzender der Datenschutzkommission des Bayerischen Landtages, hält dagegen: „Die Gefahren und Risiken überwiegen.“ Als Politiker (SPD) legt Ritter berufsgemäß den Fokus auf politische Debatten. Bots seien darauf ausgelegt, Meinungen gezielt zu platzieren. Sie wollen nichts anderes, als andere Akteure im Netz dominieren, sagt Ritter. Dadurch werde das Diskussionsklima aggressiver und gemäßigte Meinungen würden verdrängt. Denn Social Bots würden Nachrichten einfach weiterverbreiten, ohne deren Inhalt zu prüfen und Fakten zu verifizieren. „Nicht die Quelle zählt, sondern die Dominanz.“

Laut Florian Ritter sind Social Bots nicht glaubwürdig, sondern verzerren politische Debatten. Foto: Wolf
Laut Florian Ritter sind Social Bots nicht glaubwürdig, sondern verzerren politische Debatten. Foto: Wolf

Der Politiker geht noch einen Schritt weiter. „Bots haben das Potenzial, das Vertrauen in die Demokratie zu gefährden.“ Ritter macht seine Einschätzung an einem Beispiel fest: die Flüchtlingsdebatte. Durch Meinungsroboter seien Diskussionen bewusst hochgeschaukelt worden und hätten damit die reale Stimmung in der Bevölkerung verzerrt.

Vor dem Einfluss derartiger Zuspitzung seien selbst kritisch denkende Menschen nicht bewahrt, findet Ritter. Wenn man den Eindruck habe, alle um einem herum seien einer Meinung, frage man sich irgendwann: ‚Ist da doch was dran?‘. Ritter warnt daher vor „massiver Propaganda“.

Ein Blick in die USA

Um den Einfluss auf Wahlkämpfe besser zu verstehen, lohnt sich ein Blick in die USA. Die Diskussion um Social Bots nahm nach der US-Wahl Anfang 2017 richtig an Fahrt auf. 400000 Bots sollen Donald Trump zum Sieg verholfen haben, berichteten zahlreiche Medien. Sie bezogen sich auf eine Studie vom University of Southern California Information Sciences Institute, die genau einen Tag vor der Wahl veröffentlicht wurde. Demnach sollen die Bots rund 20 Prozent aller thematisch passenden Tweets abgesetzt haben. Wie viele Medien die Zahlen aufgriffen und wie viele sie in alarmierte Berichte verpackten, zeigt auch eines: Nicht nur die Kommentare von Bots selbst, sondern auch die mediale Berichterstattung über sie ist nicht frei von Zuspitzung.

Auch die US-Firma Cambridge Analytica mit Sitz in London meldete sich damals zu Wort und beanspruchte für sich, Trumps Wahlsieg im Netz entschieden zu haben. In der Pressemitteilung der Firma hieß es großspurig: „Wir sind begeistert, dass unser revolutionärer Ansatz der datengetriebenen Kommunikation einen derart grundlegenden Beitrag zum Sieg für Donald Trump leistet.“ Nach mächtigem öffentlichem Gegenwind ruderten die Forscher im Nachhinein zurück. Mit dem Selbstlob ihrer Technologie waren sie offensichtlich über das Ziel hinausgeschossen. Die Werbekampagne in eigener Sache war aufgeflogen – der Schuss ging nach hinten los.

Die Erfahrungen aus den USA zeigen, dass es zu Wahlkampfzeiten grundsätzlich hitzig zu geht und unzählige Eigeninteressen kollidieren. Zuspitzung bleibt nicht aus – egal, ob Social Bots im Spiel sind oder nicht.

Kommentar

Nicht ablenken!

Social Bots stehen unter Generalverdacht. Die Programme seien verantwortlich für aggressive Debatten und politsche Stimmungsmache im Netz, heißt es. Es...

Es bleibt die Frage, wie man als normaler Internetnutzer erkennt, wenn man es mit einem Bot zu tun hat. Medienexperte David Röthler gibt zu: „Es ist total schwierig, das zu erkennen.“

Bots auf die Schliche kommen

Er empfiehlt, sich den Account des vermeintlichen Bots genau anzuschauen, Freundeslisten zu durchforsten und sich zu fragen, wie authentisch das Profil aussieht. Auch Kommentare und Posts könnten ein Indikator sein. Klingen sie unlogisch oder widersprüchlich, könne das auf einen Bot hinweisen. Man könne auch eigene Nachrichten verschicken und die Antworten auf ihre Glaubwürdigkeit hin prüfen.

Röthler setzt zudem auf Medienkompetenz. Immer mehr Menschen müssten zum Fakten-Checker werden. Diese Kompetenzen könnten bei Infoverstaltungen, in Schulen oder durch die Politik, aber auch in Jugendzentren und anderen Bildungseinrichtungen vermittelt werden. Und auch die Medien sieht Röthler in der Pflicht. Sie sollten verstärkt über Themen wie Social Bots berichten.

Im Video geben David Röthler und Florian Ritter weitere Tipps, wie man Social Bots erkennen kann, und erklären, wo die Risiken und Chancen liegen:

Wie man Social Bots erkennen kann

Florian Ritter setzt dagegen auf politische Regulierung. Er spricht sich für eine Kennzeichnungspflicht für Social Bots aus. Diese sei zwar in der Praxis schwer umzusetzen. Dennoch: „Es muss eine klare Trennlinie gezogen werden zwischen Propaganda-Maschinen und nützlichen Hilfen wie Bots für Kundenanfragen im Netz.“

Der SPD-Politiker will diese Kennzeichnung auf europäischer Ebene regeln und hofft, dass die EU-Länder mit nationalen Gesetzen nachziehen. Im bayerischen Landtag hätten sich die politischen Fraktionen bereits darauf geeinigt, keine Social Bots im Wahlkampf einzusetzen, sagt Ritter. Dieses Versprechen ließe sich aber nicht kontrollieren. Sie sei eine Selbstverpflichtung zum fairen Wahlkampf ohne Roboter-Hilfe.

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