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Schwiegervater stach mit Messer zu

Bei einem Familienstreit in Langquaid erlitt 32-Jähriger einen Lungenanstich. Die Anklage lautet auf versuchten Totschlag.
Von Marion von Boeselager, MZ

  • Über seinen Anwalt ließ der Angeklagte ein Geständnis ablegen – soweit es seine Erinnerung zuließ. Foto: Martin Kellermeier

Langquaid. Ein Familienstreit in Langquaid spitzte sich im November letzten Jahres derart zu, dass ein 56-jähriger Gartenbauhelfer aus dem Landkreis Cham seinem 32-jährigen Schwiegersohn ein Messer in den Rücken rammte. Der jüngere Mann erlitt eine etwa vier Zentimeter lange und zehn Zentimeter tiefe Stichverletzung und einen Lungenanstich. Er wurde ins Regensburger Universitätsklinikum eingeliefert und in stationärer Behandlung operiert. Seit Dienstag steht der Schwiegervater wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung in Regensburg vor dem Schwurgericht. Zum Prozessauftakt legte er ein Geständnis ab.

Der Angeklagte war seit einigen Monaten Zeitmitarbeiter im kleinen Gartenbaubetrieb seines Schwiegersohnes und seiner Tochter. Er fuhr nur übers Wochenende nach Hause in den Landkreis Cham zu seiner Ehefrau und seinen anderen erwachsenen Kindern. Am 8. November letzten Jahres hielten sich er und die jungen Eheleute in deren Haus auf. Dort übernachtete der 56-Jährige auch unter der Woche und erhielt freie Kost und Logis.

Nach der Arbeit und dem gemeinsamen Abendessen kam es jedoch laut Anklageschrift zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen den beiden Männern. Dabei begann der Angeklagte seinen Schwiegersohn zu schubsen. Es kam zu einem Gerangel der Kontrahenten. Beide gingen zu Boden. Da nahm der jüngere Mann seinen Schwiegervater in den Schwitzkasten und forderte ihn auf, sich zu beruhigen. Er half dem Älteren, der nach eigenen Angaben bereits etliche Halbe Bier, sowie Glühwein und einige Flachmänner Schnaps intus hatte, sogar beim Aufstehen.

Die Situation schien beruhigt. Doch dann ging der Angeklagte ins Wohnzimmer, nahm aus seiner Reisetasche ein Einhandmesser mit einer Klingenlänge von 7,5 Zentimetern und kehrte um in Richtung Küche, so die Staatsanwaltschaft. Von dort kam ihm sein Schwiegersohn entgegen.

Mordmerkmal Heimtücke?

Da umfasste der Angeklagte plötzlich den 32-Jährigen von vorn mit den Armen und stieß ihm von hinten das Messer in den Brustkorb, so die Vorwürfe. Die Anklage wirft dem 56-Jährigen Tötungsabsicht vor. Ihm sei klar gewesen, dass der Messerstich dem Schwiegersohn das Leben hätte kosten können.

Der Verletzte konnte den Angreifer zu Boden ringen und durch einige Schläge außer Gefecht setzen. Doch auch danach soll der 56-Jährige noch in die Küche zum Besteckkasten geeilt sein, um sich „ein neues Tatwerkzeug“ zu beschaffen, wie es in der Anklageschrift heißt. Dabei soll er „Ich bring Dich um!“ oder „Ich stech Dich ab!“ ausgerufen haben. Das Ehepaar flüchtete zu Nachbarn und rief die Polizei.

Zu Prozessauftakt wies der langjährige Schwurgerichtsvorsitzende Werner Ebner, für den es die letzte Verhandlung vor dem Eintritt in den Ruhestand ist, darauf hin, dass auch eine Verurteilung wegen versuchten Mordes mit dem Mordmerkmal Heimtücke in Frage käme. Außerdem komme auch eine Unterbringung des Angeklagten in einer Entziehungsanstalt in Betracht.

Auslöser Alkohol

  • Hintergrund:

    Der Alkohol dürfte eine große Rolle bei dem Ausraster gespielt haben. Nach Angaben des Angeklagten hatte er schon früher den einen oder anderen Rausch gehabt. Richtig heftig sei es aber geworden, als einer seiner Söhne vor vier Jahren einen schweren Autounfall hatte und lange schwerverletzt auf der Intensivstation lag. Sein Leben hing an einem seidenen Faden. Um dies zu verkraften habe er vermehrt zu trinken begonnen und dies vor seiner Frau verheimlicht.

  • Konsequenzen:

    Auch als er nach einigen beruflichen Pleiten – unter anderem betrieb der Angeklagte eine Reinigungsfirma, arbeitete als Küchenhelfer und als Staplerfahrer – im Betrieb seines Schwiegersohnes einstieg, ging es mit dem Alkohol weiter. Deshalb verlor er auch schon mal seinen Führerschein. Auch der Geschädigte soll dem Alkohol nicht abgeneigt gewesen sein.

Über seinen Anwalt Dr. Georg Karl legte der Schwiegervater daraufhin ein Geständnis ab, soweit es seine Erinnerung zuließ. Danach war der Auslöser des Streits eine Diskussion der jungen Eheleute über Geldprobleme der fünfköpfigen Familie. Der Schwiegervater schaltete sich ein und warf seiner Tochter vor, diese könne doch arbeiten gehen. Die junge Frau antwortete, dies ginge nicht. Sie habe drei kleine Kinder und müsse sich um Haushalt und Büro der kleinen Firma kümmern. Der 56-Jährige blieb dabei: Zwei oder drei Stunden pro Tag müssten doch gehen. Mit dieser Haltung stand er jedoch allein da. Sein Schwiegersohn pflichtete seiner Frau bei. Dem Vorhalt des Vorsitzenden Richters, ob der Angeklagte nicht auf die Idee gekommen sein, dass ihn das nichts angehe, stimmte dieser nun zu: „Das war ein Fehler.“

Irgendwann platzte dem Angeklagten während der Diskussion der Kragen: Er kündigte an, er werde gehen und sich von seiner Frau abholen lassen.

Dies passte wiederum seinem Schwiegersohn nicht: Es sei viel Arbeit da. Er könne nicht einfach gehen. Aus der Diskussion sei dann das Gerangel entstanden. Laut Angeklagtem nahm ihn der Schwiegersohn in den Schwitzkasten und schlug ihm mit Fäusten ins Gesicht. Der Rest des Geschehens sei nicht mehr klar in seiner Erinnerung, nur so viel: „Ich habe zugestochen. Es tut mir wahnsinnig leid“, so der Angeklagte.

Er könne sich jedoch glücklich schätzen, dass seine Familie und seine Kinder nach wie vor zu ihm stünden. Der Schwiegersohn habe sogar seine Frau und den jüngsten Sohn bei sich aufgenommen, da diese sich die Wohnung im Landkreis Cham nach seiner Inhaftierung nicht mehr leisten konnten.

Mit Schwiegersohn versöhnt

Der Angeklagte erklärte vor Gericht weiter, er sei dankbar, dass er sich mit seinem Schwiegersohn wieder versöhnt habe. Aus der Untersuchungshaft heraus habe er ihn aber noch nicht um Verzeihung bitten können.

Dazu erhielt der Angeklagte Gelegenheit, als sein Schwiegersohn in den Zeugenstand trat. Er machte von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch. Da wandte sich der 56-Jährige mit den Worten an ihn: „Es tut mir leid, was passiert ist. Ich hoffe, ich kann das irgendwann wieder gut machen.“

Der Geschädigte nahm die Entschuldigung an und meinte versöhnlich: „Ist doch schon alles vergessen.“

Der Prozess ist auf drei Verhandlungstage angesetzt.

Auch „Mittelbayerische am Mittag“ berichtete über den Prozess

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