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Sonja, Mama zweier Sternenkinder

Sonja Knobelsdorf aus Teugn hat Frieden mit ihrem Schicksal gefunden. Nun will sie anderen, die früh Babys verlieren, helfen.
von Beate Weigert

Sonja Knobelsdorf mit zwei Teddys, in die die Namen ihrer Mädchen eingestickt sind. Die haben ihr Ehrenamtliche zukommen lassen. Foto: Weigert
Sonja Knobelsdorf mit zwei Teddys, in die die Namen ihrer Mädchen eingestickt sind. Die haben ihr Ehrenamtliche zukommen lassen. Foto: Weigert

Teugn.Seit sie es öffentlich gemacht hat, was sie Jahre quälte und was sie ihr Leben lang nicht vergessen wird, ist Sonja Knobelsdorf aus Teugn überrascht, wie viele andere Mütter und Väter ihr Schicksal teilen. Es macht sie aber auch wütend, wenn sie sieht, „wie das Thema totgeschwiegen wird“. Die Rede ist von Sternenkindern. So nennt man Babys, die nur eine Handvoll gewogen haben, bevor sie vor, während oder kurz nach der Geburt gestorben sind.

Was die heute 30-Jährige zudem traumatisierte, ist, dass sie bislang keinen Ort zum Trauern hatte. Denn als ihre Zwillinge Eva-Maria und Liza vor fünf Jahren den Kampf ums Überleben Ende des sechsten Monats kurz nach einem Not-Kaiserschnitt verloren, hatten Sonja Knobelsdorf und der damalige Vater der Mädchen kein Geld, um Beerdigung und ein Grab zu bezahlen. Die Frühchen wurden in einem anonymen Gräberfeld bestattet. Damit das anderen Müttern und Vätern künftig nicht passiert, will Sonja Knobelsdorf in wenigen Tagen einen Verein gründen. „Hilfe für kleine Sterne e.V.“ soll er heißen.

Hotline und finanzielle Hilfe

Der Verein will Eltern in finanzieller Notlage ermöglichen, ihre Sternenkinder würdevoll zu beerdigen. Gleichzeitig will das bislang siebenköpfige Gründungsteam um Sonja Knobelsdorf Betroffenen eine Art Telefonseelsorge bieten, Menschen, die zuhören.

Bestattungsmöglichkeiten im Landkreis

  • Im engeren Sinn

    werden Kinder als Sternenkinder bezeichnet, die mit einem Gewicht von weniger als 500 Gramm vor, während oder nach der Geburt versterben. Der Wortschöpfung liegt die Idee zugrunde, dass diese Kinder „den Himmel“ (poetisch: die Sterne) erreichen, noch bevor sie (lange) auf der Welt waren.

  • Alternative

    Bezeichnungen für Sternenkind sind Regenbogen-, Schmetterlings- oder Engelskind.

  • Seit 2013

    dürfen auch Kinder unter 500 Gramm beerdigt werden.

  • Seit 2016

    gibt es auf dem Ihrlersteiner Friedhof ein Grab für Sternenkinder. Betroffene aus dem Gemeindegebiet können sich im Rathaus melden. Sternenkinder können in dem Grab bestattet werden, ihre Namen werden aber nicht eingraviert. Eltern hinterlassen meist Kieselsteine mit den Namen.

  • Auch auf dem Kelheimer Waldfriedhof gibt es solch ein Grab. (re/wikipedia.de)

Sie selbst habe sich mit 25 allein gelassen gefühlt. Erst die Not-OP, kaum daraus erwacht, holten sie die Schwestern im Rollstuhl ab. „Ihre Tochter Eva-Maria braucht sie jetzt“, hieß es. „Da haben sie sie mir in den Arm gedrückt und kurz darauf ist sie dort gestorben.“ Eine Stunde später wurde sie erneut geholt, zu Liza. Sie habe es nicht ertragen, das zweite Mädchen direkt in ihrem Arm das Leben aushauchen zu sehen, sagt die Teugnerin. Am Tag darauf wollte sie nur eines, die Klinik verlassen. Es brauchte lange, bis sie darüber sprechen konnte, ohne dass sie weinen musste.

Nach fünf Jahren Ort zum Trauern

In wenigen Wochen wird die gebürtige Ihrlersteinerin nun für sich einen Ort zum Trauern haben. Ein Natursteinbetrieb von der Brand war auf ihre Geschichte aufmerksam geworden und hat einen Grabstein gespendet, Sonjas Großvater zahlt die Urnen-Grabstelle auf dem Ihrlersteiner Friedhof. Am Grabstein sollen die Namen eingraviert werden. Wenn er aufgestellt ist, will Knobelsdorf auch eine Abschiedsfeier nachholen.

Hier sehen Sie ein Video zur Aktion „Nähen für Regenbogenkinder und Frühchen“:

Sonst sind ihr nur ein paar Fotos, die das Personal im Krankenhaus von den toten Babys machte, geblieben. Doch fast noch mehr als diese bedeuten ihr inzwischen zwei Teddys, zwei Kerzen, zwei Teelichter und zwei Steine, die Frauen ehrenamtlich liebevoll mit den Namen der beiden Mädchen verziert haben und die sie vor kurzem überreicht bekam. Sonst stehen die Namen ja nur auf Geburts-, Sterbe- und Einäscherungsurkunde.

Knobelsdorf weiß zwar, dass ihre Zwillinge unter einem kleinen Stück Rasen auf dem Mainburger Friedhof liegen. Doch umbetten lassen, wird nicht gehen. Denn sie liegen in einem anonymen Gräberfeld, wo unzählige andere auch begraben sind.

Inzwischen hat die 30-Jährige mit einem neuen Partner einen Sohn. Sie schaut nach vorne. Doch das was ihr passierte, soll anderen nicht passieren. „Ich hatte schon immer einen stark ausgeprägten Gerechtigkeitssinn“, sagt Sonja Knobelsdorf. Sie will nun anderen helfen.

Von der Facebook-Aktion „Nähen für Regenbogenkinder“, die Ehrenamtliche betreiben, hat die Teugnerin ein paar Gedenkgegenstände mit den Namen der Kinder bekommen. Foto: Weigert
Von der Facebook-Aktion „Nähen für Regenbogenkinder“, die Ehrenamtliche betreiben, hat die Teugnerin ein paar Gedenkgegenstände mit den Namen der Kinder bekommen. Foto: Weigert

Die Satzung des neuen Vereins haben Knobelsdorf, ihr Mann Ronny sowie die weiteren Mitglieder aus Kelheim, Bad Abbach, Bachl und Stuttgart bereits in der Schublade. Fehlt nur noch die Gründungsversammlung am 10. Juni. Dann heißt’s warten auf den Eintrag ins Vereinsregister. Dann können sie ein Spendenkonto einrichten, Internetseite und Facebook-Account anlegen und die Telefonberatung starten. So der Plan.

Sonja Knobelsdorf wird dieser Tage oft angesprochen. Viele melden sich bei ihr, zollen ihr Respekt. Besonders berührt hat sie ein namenloser Brief mit einer kleinen Spende, der im Briefkasten steckte. Der Absender schrieb, dass er nicht so tief in die Tasche greifen könne, dass er das Vorhaben aber unterstützen wolle. Das rührt die 30-Jährige sehr, „denn das sind die Leute, die mit dem Herzen dabei sind.“

Kontakt zum neuen Verein, Sonja Knobelsdorf Tel. (0 9405) 2 05 99 99

Hier geht es zur Facebook-Seite der Aktion „Nähen für Regenbogenkinder und Frühchen“, sie ist auch in der Region Regensburg/Kelheim engagiert.

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