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Webasto steigt in die E-Mobilität ein

Der Automobilzulieferer ist überall an der Weltspitze angelangt. Deshalb wagt er sich zusätzlich auf ein neues Terrain.
Von Bernhard Fleischmann, MZ

Ambientebeleuchtung im Schiebedach – auch das ist eine Webasto-Neuerung. Sie wird bislang im 7er BMW angeboten. Foto: Webasto
Ambientebeleuchtung im Schiebedach – auch das ist eine Webasto-Neuerung. Sie wird bislang im 7er BMW angeboten. Foto: Webasto

München.Erfolg stößt an Grenzen. Diese Erfahrung macht Webasto aus Stockdorf bei München. Der Autozulieferer ist nach eigener Aussage in all seinen Segmenten Weltmarktführer, beliefert bis auf Toyota und Honda sämtliche größeren Autohersteller. Der Umsatz entwickelte sich top, die Rendite gut. Wohin noch wachsen? Da stellte sich für Vorstandschef Dr. Holger Engelmann die Frage nach neuen Zielen. Die gibt es nun. Wichtigste Neuerung: Webasto steigt in die Elektromobilität ein. Der Spezialist für Autodächer und Standheizungen will künftig bei Batteriesystemen und Ladelösungen mitmischen, verkündete Engelmann am Dienstag in München.

Vorstoß in die Elektromobilität

Webasto werde ins Batterie- und Thermomanagement vorstoßen. Wichtig war laut Engelmann, auf vorhandenen Kompetenzen aufzusetzen. Webasto werde weder Batterien bauen noch Batteriezellen. „Aber dazwischen ist noch Platz“, glaubt er. Batterien müssen temperiert werden. Das traut sich Webasto zu. Als Kunden sieht man mittelgroße Hersteller, die solche Aufgaben nicht selbst lösen wollen. Um sein Wissen zu schützen, müsse man Produkte auch fertigen können. Deshalb hat Webasto den Elektronik-Fertiger Schaidt – früher bekannt als Becker-Autoradio – übernommen.

Zweiter Baustein in der E-Mobilität wird das Laden. Die heutigen Angebote seien verbesserungswürdig, findet Engelmann: „Kriegen Sie heute mal eine gute Ladebox in die Garage und finden den kundigen Installateur dazu – viel Spaß...“ Webasto werde ein Rundum-Paket erstellen und den Herstellern anbieten. In China ist das System bereits vorgestellt worden. Inzwischen sind 70 Mitarbeiter auf diesem Feld tätig, sehr langfristig könne man sich einen Umsatz in Höhe von etwa einer Milliarde Euro vorstellen.

Mit dem Hochvoltheizer agiert Websasto bereits mitten im Elektroauto-Segment. Das ist eine elektrische Standheizung. Im Gegensatz zu Benzinern und Diesel-Autos, bei denen Standheizungen eine seltene Luxus-Zusatzausstattung darstellen, brauchen alle E-Autos eine extra Heizung.

Ein neues Cabrio-Dach

Eine Neuheit verkündete Webasto für Cabriodächer: Ein Softtop, im Volksmund Stoffdach, bei dem sich das Tuch nicht über ein Gestänge spannt, sondern über mehrere hintereinander liegende Platten. So soll das Dach geschlossen absolut glatt aussehen. Obendrein sei es leichter und leiser. Beim Öffnen stapeln sich die Platten im Heck. Bei Cabrios geht der Trend klar weg von schweren, komplexen Klappdächern hin zu Softtops.

Was wird aus dem Standort Regensburg?

Rückläufig war zuletzt die Zahl der Beschäftigten am Standort Regensburg – von ehedem 200 auf 130. Hier gibt es eine Ausnahmesituation: Webasto montiert im BMW-Werk die Cabrio-Dächer. Bisher waren es zwei Modelle: Z4 und 4er Cabrio. Den Z4 baut BMW nicht mehr. Einen Nachfolger wird es 2018 geben, der Fertigungsstandort ist noch nicht bekannt. In einem Bericht war von Magna in Steyr die Rede.

Das 4er Cabrio trägt ein Klappdach, das aufwendig zu transportieren und einzubauen ist – der entscheidende Grund, warum Webasto überhaupt die Dächer in Regensburg montiert. Im Umkehrschluss könnte das bedeuten: Würde BMW künftig beim 3er, der als Cabrio 4er heißt, auf Softtops umstellen, dann fiele für Webasto die Notwendigkeit weg, mit eigenem Betrieb im Regensburger Werk zu verbleiben. Ob es Entscheidungen gibt, dazu äußerte sich Engelmann nicht. Laut Fachpresse wird BMW beim 4er ab 2020 Softtops verbauen ... In Ostbayern betreibt Webasto zudem die Werke Schierling (Kreis Regensburg, 380 Mitarbeiter) und Hengersberg (630).

Vorstandschef Dr. Holger Engelmann Foto: Webasto
Vorstandschef Dr. Holger Engelmann Foto: Webasto

2016 hat Webasto die Drei-Milliarden-Schwelle beim Umsatz überschritten, beim EBIT (Ergebnis vor Zinsen und Steuern) ging es über 200 Millionen Euro hinaus. Daraus ergibt sich eine Rendite von 6,5 Prozent. Engelmann will noch mehr. Sehr viel mehr kann es aber wohl nicht werden, denn Autohersteller pflegen hohe Renditen ihrer Lieferanten mit harten Preisverhandlungen zu kontern. Drei Viertel des Umsatzes macht Webasto mit Schiebe- und Panoramadächern, nur zehn Prozent steuern aktuell Cabriodächer bei. Die restlichen 16 Prozent machen das Thermogeschäft aus.

Überaus flotter Start ins Jahr 2017

Regional betrachtet legt China am stärksten zu und kommt auf ein Drittel Umsatzanteil. Mit einer Eigenkapitalquote von 45 Prozent stehe das nicht börsennotierte Familienunternehmen sehr stabil. Die Zahl der Mitarbeiter ist geringer als der Umsatz gestiegen, um drei Prozent auf 12 200 Menschen. Rasant ist Webasto ins laufende Jahr gestartet. Im ersten Quartal stieg der Umsatz um 15 Prozent, die Rendite sprang sogar auf 8,7 Prozent. Ganz so rasant werde es nicht weitergehen; aber mit genügend Schwung auch bei den Aufträgen, so dass das Ziel von 5 Milliarden Euro Umsatz im Jahr 2020 realistisch erscheine.

Um die klassischen Geschäftsfelder zu stärken, ändert das Management einen Zustand, der für Webasto bisher normal war: die große eigene Abhängigkeit von Zulieferern. „Wir erhöhen unsere Fertigungstiefe“ erklärte Engelmann, sprich Webasto stellt mehr Teile selbst her. Auch das weitet das Geschäft aus und sorgt für mehr Umsatz.

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