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Wer kann, verlässt die Stadt

130 Millionen Euro kostet den Steuerzahler der G20-Gipfel in Hamburg. Auch die örtliche Wirtschaft zahlt einen hohen Preis.
von Tilman Leicht, MZ

Militante linke Gruppen haben bereits angekündigt, den G20-Gipfel in Hamburg „aufmischen“ zu wollen.Foto: dpa
Militante linke Gruppen haben bereits angekündigt, den G20-Gipfel in Hamburg „aufmischen“ zu wollen.Foto: dpa

Hamburg.Und schon wieder biegt ein Mannschaftswagen der Polizei von der Feldstraße aus in die Karolinenstraße ein – der dritte innerhalb von zehn Minuten. Er fährt Richtung Fernsehturm, passiert auf der linken Seite die Häuserreihen des Karolinenviertels, rechts die riesigen Glasfassaden der Hamburger Messehallen. Seit Wochen reihen sich hier auf den Gehwegen die Mannschaftswagen der Polizei aneinander. Fahrradfahrer und Fußgänger schieben sich umständlich an den blau-silbernen Transportern vorbei.

„Objektschutz“ heißt das, wenn die Polizisten rund um die Uhr die Messehallen bewachen. Am Freitag und Samstag sollen sie ein reibungsloses Treffen der G20 garantieren, damit Merkel, Putin, Trump & Co. in Ruhe über Probleme der Globalisierung, Sicherheitspolitik, Klimaschutz und Migration debattieren können.

Ein paar Häuserblocks entfernt hat man dazu eine klare Meinung. 400 Meter weiter steht man mitten im Schanzenviertel. Von der Roten Flora, einem ehemaligen Theater, das seit 1989 von Linksradikalen besetzt ist, hängen Protestbanner und Plakate. Gegen G20, gegen das System, gegen den Status quo. „Capitalism will end anyway. You decide when“, steht in weißen Lettern auf einem schwarzen Plakat. Zu Deutsch: Der Kapitalismus wird zu Ende gehen, ihr entscheidet, wann. Die „Schanze“ gilt als Problemrevier: Jedes Jahr liefern sich am 1. Mai autonome Linke und Polizei Straßenschlachten auf dem Schulterblatt, der Straße vor der Roten Flora. In den Hinterhöfen und Parks werden Drogen vertickt.

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Welten prallen aufeinander

In diesen Parks juchzen aber auch Kinder vor Freude auf dem Klettergerüst, zwei Jungs treten ihren Ball gegen eine mit Graffitis besprühte Hauswand. Studenten sitzen in der Sonne und trinken Astra aus der Pulle. In den Schanzenhöfen wird Kaffee geröstet, Bier gebraut, Fernsehkoch Tim Mälzer hat hier ein Restaurant. Da zahlt man für ein Abendessen auch schnell mal 50 Euro pro Person. Hier prallen, vor allem am Wochenende, Welten aufeinander. Unter dem Vordach der Roten Flora schlafen Obdachlose. Gestalten mit eingefallenen Gesichtern, zugedröhnt von Drogen, stolpern über den Gehweg. Auf der anderen Straßenseite trägt man zerrissene Designerjeans, teure Sonnenbrillen und fotografiert den Zwölf-Euro-Burger mit Avocado und Süßkartoffelpommes auf dem Teller vor sich.

Bundespolizisten untersuchen den Eingangsbereich der Messehallen. Foto: dpa
Bundespolizisten untersuchen den Eingangsbereich der Messehallen. Foto: dpa

Wenn sich die Spitzenpolitiker also ein paar hundert Meter entfernt zusammensetzen, um Weltpolitik zu machen, dann werden sich die Augen auch auf die Schanze richten. Die Polizei rechnet mit bis zu 7000 gewaltbereiten Linken, die aus aller Welt anreisen wollen. Die Polizei hält mit 20 000 Polizisten aus dem gesamten Bundesgebiet dagegen. Die deutsche Spezialeinheit GSG 9 ist vor Ort. Man könne im Falle eines Terroranschlags unter einer Minute vor Ort sein, heißt es – egal, wo in der Stadt. Etliche Beamte werden sich in Zivil unter die Demonstranten mischen. Kostenpunkt des Polizeieinsatzes: 130 Millionen Euro. Und da sind die Ausfälle für die Wirtschaft noch nicht einberechnet. Für die Firmen, deren Angestellte wegen des Gipfels nicht zu ihrem Arbeitsplatz kommen, für die Cafés und Restaurants, denen die Gäste ausbleiben.

„Die meisten, die hier wohnen, haben sich freigenommen und fahren übers Wochenende weg“, sagt Cem, der schon seit Langem in der Schanze wohnt und seinen Nachnamen nicht nennen mag. „Die haben gar keinen Bock da drauf.“ Es sei schon ein bisschen verrückt, meint der Inhaber eines Fahrradladens, dass hier oft jene Leute am meisten kaputt machen würden, die gar nichts mit der Schanze zu tun hätten.

„Lasst unsere Läden in Frieden“

In den Schaufenstern hängen Plakate: „No G20. Spare our shops“, „Lasst unsere Läden in Frieden“. Andere Betreiber gehen das Risiko einer zerstörten Ladenfront gar nicht erst ein. Im „Maegde u. Knechte“ in der Feldstraße werden gesellschaftskritische Sprüche auf Textilien gedruckt. Geschäftsführerin Ina Kurz hat sich entschieden, bis 9. Juli abzuhauen. Die Fenster sind mit Pressholzplatten verrammelt, darauf ein neonfarbener Schriftzug: „Zurück wenn Frieden“.

Zahlen rund um den G20-Gipfel in unserer Grafik:

Szenenwechsel: Die „Schöne Aussicht“ – eine von Hamburgs teuersten Straßen. Am nördlichen Ende der Außenalster, dem großen See im Herzen Hamburgs, reihen sich wuchtige Stadtvillen aneinander. Familien spazieren über den breiten Sandweg, der sich am Ufer entlang windet. Jogger bahnen sich ihren Weg durch das Getümmel, auf dem Wasser gleitet ein schlankes Ruderboot vorbei. Im Café trinkt man Alsterwasser, im größten Teil Deutschlands unter dem Namen Radler geläufig. Im Westen der Alster erhebt sich der Fernsehturm, im Süden zeichnen sich die Kirchtürme Hamburgs und das Rathaus ab. Und dahinter glitzert seit einiger Zeit der neue Stolz der Hamburger – die Elbphilharmonie.

Diese schöne Aussicht wird wohl auch US-Präsident Donald Trump genießen, wenn er während des Gipfels im Gästehaus des Hamburger Senats nächtigt. So geht zumindest das Gerücht. Die weiße Villa liegt an der Außenalster. Polizisten stehen Wache in schwarzen Overalls. Aus den Mannschaftswagen heraus wird jeder Passant kritisch begutachtet. Rund um die Uhr patrouillieren Polizeiboote. Der Gehweg vor Hausnummer 26 ist abgesperrt. Wer hier Fotos macht, wird von der Polizei angehalten und nach dem Ausweis gefragt. Wer man sei, was man mache, wollen die Beamten wissen. Es sei nicht verboten, aber man dürfe nichts dem Zufall überlassen. Denn auch die Alster liegt in der Sperrzone, in der während des Gipfels Versammlungsverbot herrscht. Diese Fläche erstreckt sich von der Elbphilharmonie bis zum Flughafen. Das sind 38 Quadratkilometer, die Hälfte des gesamten Regensburger Stadtgebiets. Sollte sich hier, nahe Trumps Unterkunft, eine Gruppe von mehreren Dutzend Leuten bilden, so müsse man sie nach einer Einschätzung der Sicherheitslage auflösen. „Wenn nötig, auch mit Zwang“, sagt ein Polizist.

Max und Conrad sitzen etwas abseits des Geschehens. „Mich trifft der Gipfel glücklicherweise nicht so sehr, weil ich etwas außerhalb wohne“, sagt Conrad. Doch der Student an der HAW Hamburg hat Kommilitonen, die wegen der Demonstrationen und Polizeieinsätze wohl nicht zu ihren Prüfungen erscheinen können. Und Max wirft ein: „Auch bei uns im Handwerksbetrieb kannst du Aufträge in der gesamten Innenstadt knicken. Da kommt ja niemand rein.“

Welche Länder zu den G20 gehören, zeigt unsere Grafik:

Viele Hamburger fragen sich, was dafür spricht, so einen Gipfel mitten in eine Großstadt zu legen. Die Befürworter erhoffen sich, den Tourismus anzukurbeln, die Stadt auch international bekannter zu machen. Wer in Hamburg aufwächst, hört oft, sie sei die schönste der Welt. Das will man sich jetzt auch mal selbst beweisen.

Auch die Bewerbung für Olympia 2024 hat eine Rolle gespielt. Im Gegenzug für das Ausrichten des G20-Gipfels wurde der Hamburger Regierung Unterstützung bei der Bewerbung für das sportliche Großereignis zugesichert. Allerdings hatte die Hamburger Bevölkerung darauf keine Lust und stimmte in einem Volksentscheid gegen eine Bewerbung für die Olympischen Spiele in der Hansestadt. Der Gipfel kommt jetzt trotzdem.

Einer der Polizisten am Gästehaus sagt: „Persönlich finde ich das schon fraglich, für solch eine Konferenz eine ganze Stadt lahmzulegen.“ Doch gegen den Gipfel zu demonstrieren, das überlegt man sich hier zweimal. Viele haben Angst: vor der Polizei, vor Ausschreitungen, Pfefferspray und Wasserwerfern. Auch Max und Conrad wissen noch nicht, ob sie gegen G20 demonstrieren werden. Max: „Ich verstehe ja, dass die Politiker miteinander reden müssen. Aber kann man das nicht einfach auf Helgoland machen?“

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Unsere Grafik zeigt einen Überblick über die Gipfelteilnehmer:

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