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Lesekompetenz

Übung: Stimmung gegen Flüchtlingsheim

Wir liefern Berichte, mit denen Schüler ihre Lesekompetenz testen können. Das aktuelle Thema: Eine geplante Asylunterkunft.

Dieses Flugblatt verfasste die Gruppe „Wir sind das Volk“.
Dieses Flugblatt verfasste die Gruppe „Wir sind das Volk“. Foto: Seitz

Regensburg.Lehrkräfte stellen fest, dass junge Leute zunehmend Probleme mit dem Lesen und Verstehen von Texten haben. Doch über das Lesen werden in Texten gespeicherte Informationen in Wissen umgewandelt. Lesekompetenz ist somit eine wichtige Voraussetzung für das Lernen, den Erfolg im Beruf und die persönliche, gesellschaftliche Teilhabe. Lesekompetenz stellt sich aber nicht von selbst ein, sie muss Schritt für Schritt angebahnt, geübt und gesichert werden. Wer lesekompetent sein will, muss nicht nur fähig sein, Texten selbstständig Informationen zu entnehmen und diese miteinander zu verknüpfen. Er muss zudem über ein Grundlagenwissen zu Texten, deren Inhalten, Strukturen und sozialhistorischer Dimension verfügen und basierend darauf über Texte reflektieren und begründete Schlussfolgerungen ziehen können. Um diese Ziele erreichen zu können, bedarf es gezielter Lesestrategien und Arbeitstechniken, die an Texten schrittweise geübt und dauerhaft gesichert werden sollen. Deshalb bietet unsere Zeitung Woche für Woche verschiedene Texte an, an denen die Schüler all das üben können.

In dieser Woche geht es um eine geplante Flüchtlingsunterkunft in Königswiesen. Den Text gibt es hier zum Herunterladen.Das sind die Aufgaben zum Text.Und hier gibt es die Lösungen zum Herunterladen.

Flüchtlingsheim-Gegner machen Stimmung

Eine Gruppierung in Regensburg-Königswiesen behauptet: „Wir sind das Volk.“ Andere Bürger fürchten, dass die Hetze fruchtet.

Von Julia Ried, MZ

An diesem Mittwochvormittag gehört das Jugendzentrum Königswiesen den Bobby Cars. Kinder im Kindergartenalter sausen auf vier Rädern von der Theke bis ans andere Ende des Holzbaus, während ihre Mütter beim zweiten Frühstück plauschen. Thema in solchen Runden in dem Haus in der Dr. Gessler-Straße, das auch das Familienzentrum nutzt, ist unter anderem die Flüchtlingsunterkunft, die die Stadt nebenan bauen will. „Ob es dann so einfach ist, als Mutter mit Kind hierherzukommen“, denkt eine Mama laut. Ausprobieren werde sie es. Ihre Nebenfrau ist kritischer: „Sie kriegen die besten Plätze in der Stadt“, sagt die Frau, und fragt, warum die Asylbewerber nicht „am Land“ untergebracht würden.

Vor wenigen Wochen habe sie Äußerungen wie diese nicht wahrgenommen, sagt die Leiterin des Familienzentrums, Simone Schöberl. Die 34-Jährige, Mutter von drei Kindern, ist beunruhigt: „Ich hab den Eindruck, die Hetze fruchtet“, sagt sie und bezieht sich damit auch auf das Auftreten einer Gruppierung von Gegnern des Heims in der Informationsveranstaltung der Stadt am Freitag vor einer Woche.

443 gehören zur Facebook-Gruppe

„Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht“, schrie Anne Michelle Schott da Oberbürgermeister Joachim Wolbergs an. Sie übergab ihm eine Liste mit 451 Unterschriften gegen die Unterkunft. Auf dem Flugblatt, mit dem sie und Mitstreiter von Haus zu Haus gingen, steht unter dem Satz „Wir müssen was tun“ mit „Wir sind das Volk“ der Slogan, den auch die „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ von „Pegida“ skandieren. Auf der Facebook-Seite der Regensburger „Wir sind das Volk“-Gruppe mit 443 Mitgliedern heißt es: „Wir vertreten eine patriotische Meinung.“

Die 19-jährige Schott, die zu den Initiatoren zählt, will nicht in einem Atemzug mit Pegida genannt werden. „Wir sind keine Anhänger von irgendwelchen Parteien und Gruppierungen“, sagt sie im Gespräch mit unserer Zeitung, zu dem sie mit dem 29-jährigen Christian Kumbach erschienen ist. Dass sie Hetze betreibe, weist sie von sich. Sie führt aus: „Ich habe grundsätzlich nichts gegen Flüchtlinge. Aber das ist der falsche Standort. Man kann Flüchtlinge auch integrieren, wenn sie nicht ganz so zentral wohnen.“ Sie sei überzeugt, für die Mehrheit im Viertel zu sprechen. Aus ihrer Sicht der Beleg: Ihre fünfköpfige Gruppe habe zehn Stunden lang Unterschriften bei Anwohnern des Parks gesammelt. „Die Leute waren zu 90 Prozent unserer Meinung“, sagt die Angestellte. Die Pläne der Stadt machten ihnen Angst. Viele würden sich nicht mehr durch den Park trauen, wenn am Rand eine Unterkunft für Asylbewerber steht. Zudem verlören die Jugendlichen ihren Bolzplatz.

Wie die fünf ihrem Widerstand weiter Ausdruck verleihen wollen, darüber müssten sie erst entscheiden, sagt Kumbach. Er fordert: „Der Oberbürgermeister muss sich als Demokrat der Meinung der Mehrheit beugen.“

Kommentar

Dagegenhalten muss sein

In Königswiesen hat sich eine Initiative formiert, die davon überzeugt ist, für das „Volk“ zu sprechen. Das ist gefährlich, weil die Mitglieder der im...

Joachim Wolbergs, der in der Unterkunft „schwerpunktmäßig Familien“ unterbringen will und deshalb den Standort neben Familien- und Jugendzentrum für sinnvoll hält, widerspricht da vehement. „Der Oberbürgermeister muss handeln im Sinne des Allgemeinwohls der Stadt Regensburg. Er muss nicht im Sinne der Mehrheit an einer Stelle handeln.“ Der OB sagt: Wenn er das täte, könnte er wohl nirgends bauen. Davon abgesehen sei es zweifelhaft, ob die Königswiesener Gruppe für die Mehrheit dort spreche.

Schöberl tritt dieser These der Initiative energisch entgegen: „Was mich sehr gestört hat, ist, dass diese lautstarke Gruppe behauptet, die Meinung aller Königswiesener zu vertreten.“

Rentnerin: „Die waren angestiftet“

Unter denen, die sich aufregten, waren einige mit russischem Akzent. Einer Rentnerin, die selbst so spricht, ist es an diesem Mittwoch im Familienzentrum deshalb wichtig, zu betonen: „Nicht alle Russischsprachigen denken so.“ Sie und viele, die sie kenne, hätten vor einer Unterkunft, in die vor allem Familien einziehen, keine Angst. „Die sind nicht gefährlich. Die sind vor Gewalt weggerannt.“ Über die mit den „Wir sind das Volk“-Sprüchen sagt sie: „Die waren angestiftet.“ Das Internet spiele da eine große Rolle.

Wolbergs’ Motto im Bemühen um Verständnis für seinen Plan lautet: „Immer wieder hingehen und mit den Leuten reden.“ Den Jugendlichen, die den Verlust ihres Bolzplatzes beklagen, und ihren Eltern macht er ein Angebot. Zwei Pläne will er ihnen bei einer weiteren Besprechung zur Abstimmung vorlegen: Entweder die Stadt baut das Jugendzentrum neu, rückt es so weiter an die Straße und schafft damit Platz für einen Hartplatz für die Jugendlichen. Oder sie baut an.

Weitere Teile zur Lesekompetenz finden Sie hier!

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