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Lesekompetenz

Übungstext: Gaffer empören Retter

Die MZ liefert Artikel, anhand derer Schüler ihre Lesekompetenz testen können. Dieses Mal geht es um Schaulustige.

Ein erster Notarzt übernimmt die Versorgung des Schwerstverletzten.
Ein erster Notarzt übernimmt die Versorgung des Schwerstverletzten. Foto: Klein

Regensburg.Lehrkräfte stellen fest, dass junge Leute zunehmend Probleme mit dem Lesen und Verstehen von Texten haben. Doch über das Lesen werden in Texten gespeicherte Informationen in Wissen umgewandelt. Lesekompetenz ist somit eine wichtige Voraussetzung für das Lernen, den Erfolg im Beruf und die persönliche, gesellschaftliche Teilhabe. Lesekompetenz stellt sich aber nicht von selbst ein, sie muss Schritt für Schritt angebahnt, geübt und gesichert werden. Wer lesekompetent sein will, muss nicht nur fähig sein, Texten selbstständig Informationen zu entnehmen und diese miteinander zu verknüpfen. Er muss zudem über ein Grundlagenwissen zu Texten, deren Inhalten, Strukturen und sozialhistorischer Dimension verfügen und basierend darauf über Texte reflektieren und begründete Schlussfolgerungen ziehen können. Um diese Ziele erreichen zu können, bedarf es gezielter Lesestrategien und Arbeitstechniken, die an Texten schrittweise geübt und dauerhaft gesichert werden sollen. Deshalb bietet die MZ Woche für Woche verschiedene Texte an, an denen die Schüler all das üben können.

Der aktuelle Übungstext

Diese Woche geht es im Übungstext um Gaffer, die zum Beispiel nach Unfällen die Rettungsaufgaben behindern.Hier geht es zu den Aufgaben zum Text.Und hier gibt es die Lösungen.

Gedankenlose Gaffer empören Retter

Die Feuerwehr hält Planen als Sichtblende hoch.
Die Feuerwehr hält Planen als Sichtblende hoch. Foto: Klein

Ein Motorradfahrer kracht auf der A3 bei Rosenhof in zwei Autos. Notärzte kämpfen vergebens um das Leben des 56-Jährigen.

Von Heinz Klein, MZ

Autobahn A3, Dienstag, 9 Uhr: Unmittelbar an der Anschlussstelle Rosenhof muss eine 29-jährige Tiguan-Fahrerin auf der linken Spur stark abbremsen. Ein Motorradfahrer schafft dieses Bremsmanöver nicht mehr und kracht ins rechte Heck des Tiguan. Der Motorradfahrer wird nach rechts geschleudert und prallt mit großer Wucht ins Heck eines nebenan fahrenden VW-Lupo.

Wenige Sekunden nach dem Crash: Der VW-Tiguan steht demoliert auf der Überholspur, der Lupo mit eingedrücktem Heck auf der Standspur. Trümmer liegen verteilt auf der Fahrbahn – und ein großer schwarzer Umriss. Es ist der Motorradfahrer. Drei Ersthelfer hasten herbei, knien um die leblose Gestalt, kontrollieren vorsichtig den Puls am Hals, verändern die Lage des Bewusstlosen mit dem eingedrückten Helm vorerst nicht, schneiden nur vorsichtig Futteral aus dem Helm, um den Mann das Atmen zu erleichtern. Einer der Ersthelfer winkt dem nachstehenden Verkehr, bittet, eine Rettungsgasse freizumachen. Statt ein, zwei Meter nach links auszuweichen und dann stehen zu bleiben, nutzen Autofahrer die Chance und rollen los, schmuggeln sich ganz links an der Mittelleitplanke vorbei. Nichts wie weg, bald wird die Polizei da sein und ein Rettungshubschrauber landen, dann geht stundenlang nichts mehr.

Inzwischen spüren die Ersthelfer keinen Puls mehr. Die Tiguan-Fahrerin ist Ärztin. Vorsichtig drehen die Helfer den Motorradfahrer auf den Rücken und beginnen, den Leblosen zu reanimieren. Sie knien in der Mitte der Fahrbahn und kämpfen um das Leben des Mannes. Eineinhalb Meter neben dem Schwerstverletzten und den drei Helfern, die sein stockendes Herz massieren, rollt der Verkehr vorbei. Pkw um Pkw, dazwischen Lastzüge, die Fahrer recken die Hälse, die Beifahrer zücken Fotohandys.

Nun trifft ein erster Notarzt ein, dann ein Polizei-BMW, der sich querstellt und die Kolonne stoppt. Der Rettungshubschrauber des Uniklinikums landet, Feuerwehrleute sperren die Unfallstelle, die Rettungsmaschinerie läuft. Mehrere Notärzte übernehmen das Reanimieren, intubieren, legen Infusionen, schneiden den leblosen Mann aus der schwarzen Motorradkombi. Ein vielköpfiges Team kämpft um das Leben des 56-Jährigen.

Inzwischen hat sich auch auf der Gegenfahrbahn ein Stau gebildet. Langsam rollt dort der Verkehr vorbei. Feuerwehrmänner entrollen Plastikplanen und halten sie als Sichtblende hoch. Dennoch werden Handys gezückt, Lkw-Fahrer haben von ihrer hohen Warte einen guten Blick. Empört über die gnadenlose Neugier brüllt ein Feuerwehrmann den Gaffern nicht Zitierbares hinterher und zeigt den bösen Finger. „Die Fotos, die die gemacht haben, kannst du in zehn Minuten bei Facebook sehen“, sagt der Hubschrauberpilot.

Die Notärzte erheben sich aus der Hocke, schütteln taub gewordene Beine. Der Kampf ist vorbei, der Motorradfahrer aus dem Neckar-Odenwald-Kreis ist tot.

Schaulustige

  • Arbeit behindert

    Nicht nur auf der Autobahn, auch bei den dramatischen Einsätzen der Rettungskräfte von DLRG und Wasserwacht am Sonntag erschwerten Schaulustige massiv die Arbeit der Helfer.

  • Hemauer Waldbad

    Im Hemauer Waldbad ärgerte sich Taucheinsatzführer Dieter Neubig von der DLRG über ein Reihe von Zeitgenossen, die offenbar unbedingt den toten jungen Mann sehen wollten, nachdem ihn die Wasserretter aus dem Wasser geborgen hatten. Obwohl Helfer mit Decken die Sicht auf den Toten zu verhindern versuchten, gab es einige, die massiv versuchten, Blicke über die Absperrung zu werfen.

  • Roither Weiher

    Auch am Roither Weiher gab es einige Badegäste, die offenbar gar nicht nahe genug ans Geschehen herankommen konnten. Wollten sie doch unbedingt auf die Plattform im See, von der aus die Rettungskräfte die Taucheinsätze koordinierten – und reagierten auch noch höchst ungehalten, als ihnen das von den Helfern verwehrt wurde.

  • Rechtliche Konsequenzen

    Pressesprecher Stefan Hartl vom Polizeipräsidium Oberpfalz kann angesichts dieser Vorfälle nicht nachvollziehen, „wie sich manche Zeitgenossen am Leid anderer ergötzen“. Eindringlich weist er darauf hin, dass solches Verhalten auch rechtliche Konsequenzen haben kann, insbesondere, wenn die Rettungskräfte behindert werden. (tk)

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