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Verhalten

„Dem anderen ein gutes Gefühl geben“

Romano Bier ist Tanzlehrer und Knigge-Trainer. Schülern zeigte er, worauf es im Umgang mit anderen Menschen ankommt.
Von Wail, Banaz, Bina, Mahmud, Basel, Daria, Abdullah, Abdul, Alexandru, M. Hamza, Ahmad, Ibrahim, Enver und Jiayu, Klasse IVK 1, Berufliche Oberschule Regensburg

Schülerinnen und Schüler der Klasse IVK1 der Beruflichen Oberschule Regensburg tasten sich an die Kunst des richtigen Tischdeckens heran. Foto: Daniel Beer
Schülerinnen und Schüler der Klasse IVK1 der Beruflichen Oberschule Regensburg tasten sich an die Kunst des richtigen Tischdeckens heran. Foto: Daniel Beer

Regensburg.Auf der Armbanduhr ist es kurz vor 9 Uhr, als wir gespannt das Tanzstudio „Ritmo“ im Regensburger Stadtwesten betreten, wohin wir uns aufgemacht haben, um etwas mehr über Knigge und richtige Verhaltensregeln zu lernen. Alles ist sehr gepflegt. Die Eingangshalle ist groß, hat eine runde Treppe in der Mitte, die viel Platz einnimmt. Rechts vom Eingang stehen zwei Tische, auf denen für uns Getränke bereitgestellt sind.

Gegenüber den Fenstern liegt eine Bartheke. Von dort aus kommt Romano Bier auf uns zu und begrüßt uns so herzlich, dass wir uns gleich willkommen und wohl fühlen. Wenig später erfahren wir von ihm, dass es bei Knigge im Umgang mit Menschen genau darum geht, „dem anderen ein gutes Gefühl zu geben“.

Als wir langsam in das nächste Zimmer gehen, erscheint vor unseren Augen ein großer Tanzsaal, der komplett mit Spiegeln behängt ist. Man kann sich gut vorstellen, dass hier rauschende Tanzveranstaltungen stattfinden. Wir setzen uns im Saal allerdings in einen großen Stuhlkreis, damit wir alle unseren Gastgeber sehen und gut hören können.

„Tanzen ist Knigge“

Er ist nicht nur Knigge-Lehrer, sondern auch der Besitzer der Tanzschule – ein sympathischer und humorvoller Mensch, der sagt „Tanzen ist Knigge“ und „Tanzen öffnet Türen“. Romano Bier selbst beherrscht und lehrt zahlreiche lateinamerikanische Tänze. Deswegen überrascht es nicht, dass er sich elegant bewegt. Es ist ihm wichtig zu betonen, dass die gute Verständigung auch beim Tanzen nur klappt, wenn man beispielsweise weiß, wie man die Tanzpartnerin auffordert und wenn man die Tanzschritte beherrscht.

Romano Bier verbindet das Tanzen und den Knigge, weil die beiden Dinge riesige Gemeinsamkeiten haben. So wie man zum Beispiel beim Tanzen einer Dame nicht auf die Füße treten möchte, genauso muss man im echten Leben darauf achten, dass man einer anderen Person nichts Unangenehmes zufügt.

Eisbrecher: Knigge-Profi Romano Bier erklärt den Schülern humorvoll, warum es Freiherr Adolph von Knigge nicht immer leicht gehabt hat. Foto: Daniel Beer
Eisbrecher: Knigge-Profi Romano Bier erklärt den Schülern humorvoll, warum es Freiherr Adolph von Knigge nicht immer leicht gehabt hat. Foto: Daniel Beer

Besonders wichtig ist es, sich für den anderen zu interessieren und zu erkennen, was in welcher Situation angemessen ist. Manchmal ist das sehr offensichtlich – etwa, dass man bei McDonalds nicht mit Silberbesteck isst. Manches muss man aber auch erst lernen. Das kann, sagt Romano Bier, aber auch zu Unsicherheiten führen.

Dazu erzählt er eine Geschichte aus seiner Anfangszeit mit Knigge: Am allerersten Tag, als er sich intensiver mit den Umgangsformen beschäftigte, war er bei einem feinen Abendessen in einem Schloss bei Dortmund. Er und die anderen Teilnehmer hätten Angst gehabt, etwas falsch zu machen und seien etwas verunsichert gewesen, schildert er. Dann aber habe der Gastgeber das Eis gebrochen, indem er ein Glas Rotwein auf die weiße Tischdecke schüttete. Denn nun stand fest: den größten Fleck auf der Tischdecke hatte der Gastgeber selbst verursacht. Nun konnte ja nichts mehr schief gehen.

Richtige Umgangsformen

  • Der Knigge:

    Adolph Freiherr von Knigges bedeutendstes Werk „Über den Umgang mit Menschen“ sollte schon seinen Zeitgenossen schon im 18. Jahrhundert kein enges Benimm-Korsett anlegen, sondern ein gut gemeinter Ratgeber für einen anständigen Umgang untereinander sein, sagt uns Romano Bier. Vor drei Jahren gründete der Tanzlehrer die Knigge-Akademie Regensburg und übersetzt Interessierten dort alte Umgangsformen in die moderne Zeit.

  • Ein Beispiel:

    Einem Kellner symbolisiert man mit über Kreuz auf dem Teller abgelegtem Besteck äußerst unfreundlich, was man vom Essen hält. Besser: Das für die Zubereitung nicht verantwortliche Servicepersonal im Extremfall dezent um eine Ansprechperson aus der Küche bitten.

Aber natürlich gibt es speziell bei einem Restaurantbesuch Regeln, die man einhalten sollte: So geht der Mann zum Beispiel zuerst durch die Tür, um diese der Dame dann aufzuhalten. Wie für fast alles gibt es dafür einen plausiblen Grund: Hinter der Tür könnten Gefahren lauern, und wenn es sich dabei auch nur um eine dem Kellner außer Kontrolle geratene Suppenschüssel handelt, vor der der Mann die Frau beschützen will.

Nach dem Betreten des Lokals nimmt der Mann der Dame zuerst den Mantel ab, bevor er selbst ablegt. Beim Verlassen des Lokals ist es aber genau andersherum: Zuerst zieht der Mann seinen Mantel an, um dann der Dame in den Mantel zu helfen. Es soll ihr ja nicht zu warm werden, während sie darauf wartet, gehen zu können.

Tischdecken – aber richtig

Und wenn man selbst einmal den Tisch für ein besonderes Essen decken möchte? Wohin gehört der Dessertlöffel? Wo stehen Rotwein- beziehungsweise Weißweingläser? An dem extra dafür bereit gestellten Tisch versuchen wir uns zunächst selbst daran – so ganz richtig bekommen wir es aber nicht hin. Wir sollten auf unser Bauchgefühl achten, sagt Romano Bier, bevor er uns lächelnd und leicht verständlich erklärt, dass die abgewandte Seite des Brotmessers beispielsweise Verletzungen vorbeugen soll. Auch andere Regeln basieren oft auf ganz praktischen Umständen. Ein bauchiges Rotweinglas benötigt mehr Platz als ein Kelch für Weißwein, weswegen es nicht im Zentrum des Tisches seinen Platz findet.

Die zwei Stunden sind fast vorbei, als uns Romano Bier eine Frage beantwortet, bei der uns Adolph Freiherr von Knigge sicher nicht weiterhelfen hätte können: Was tun mit einem Handy am Tisch? Wenn es denn am Tisch liegt, so Romano Bier, dann immer mit dem Bildschirm nach unten. Damit dreht er das Handy von Schülerin Daria um. Zum Vorschein kommt ein Aufkleber mit zwei kleinen Ferkeln. Es wird gelacht, als der Knigge-Experte ergänzt, dass „die Schweinchen also immer oben liegen müssten“.

Wir lernen viel am heutigen Tag. Vielleicht mehr, als wir erwartet hatten. Eine Information nehmen wir aber ganz besonders mit zurück in unser Klassenzimmer: „Die Schweinchen liegen immer oben“.

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