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Führung

Geschichtsstunde in sechs Metern Tiefe

Im document Niedermünster kann man eine Zeitreise vom Regensburg der Römerzeit bis ins hohe Mittelalter machen.
Von der 8. Klasse des Gymnasiums der Regensburger Domspatzen

Im document Niedermünster tauchten die Domspatzen in die Geschichte Regensburgs ein. Foto: Risto Schürer
Im document Niedermünster tauchten die Domspatzen in die Geschichte Regensburgs ein. Foto: Risto Schürer

Regensburg.„So hautnah bei den Mächtigen – diese Gelegenheit habt ihr bestimmt nicht mehr oft!“, sagt Dr. Silvia Codreanu-Windauer vom Landesamt für Denkmalpflege und deutet auf den Sarkophag Herzog Heinrichs I. von Bayern. Wir, die 8. Klasse der Regensburger Domspatzen, stehen gerade in, oder besser unter der Niedermünsterkirche, in der wir sonst immer unsere Weihnachtskonzerte und Donnerstagsämter abhalten. Erst jetzt wird uns klar, dass sich an dieser Stelle noch zwei weitere Kirchen befanden. Vorher hatten wir bereits an der Wand der Kirche ein Bild gesehen, das den zufälligen unterirdischen Fund zeigt. Als man im Jahr 1963 beschloss, eine Fußbodenheizung in das Mittelschiff einzubauen und dazu den Kirchenboden öffnete, wurden Grundmauern spätantiker Gebäude und Gräber entdeckt.

Nach fünf Jahren Ausgrabungszeit beschloss das Landesamt für Denkmalpflege, ein der Öffentlichkeit zugängliches, unterirdisches „document“ einzurichten und so die historischen Überreste zu einer Attraktion Regensburgs unter der Niedermünsterkirche zu machen. Seit 2011 ist es mit einer neuen didaktischen Präsentation wieder im Rahmen von Führungen zu besichtigen. Um auf die Spuren der älteren Kirchen zu stoßen, müssen wir uns sechs Meter unter das heutige Straßenniveau begeben, denn: „Müllabfuhr gab es damals noch nicht, so sammelte sich Schutt und Müll und diente als Fundament für neuere Bauten, denen ihrerseits wieder neue Häuser oder Ähnliches folgten“, erklärt unsere Führerin. Wenn man dann die Treppe betritt, die in das document führt, kann man Funde von Römern und germanischen Stämmen in gläsernen Vitrinen betrachten. Diese wurden damals bei den Ausgrabungen freigelegt.

Licht macht Epochen deutlich

Je nach Epoche werden die Steine in verschiedenfarbiges Licht getaucht. Foto: Risto Schürer
Je nach Epoche werden die Steine in verschiedenfarbiges Licht getaucht. Foto: Risto Schürer

Als die Klasse nun den in dunkles violettes Licht getauchten Raum betritt, wandern interessierte Blicke umher, auch die Knipsgeräusche der Kameras sind in der gespannten Stille gut zu hören. Doch auch, wenn die Weite des Kirchenraumes nicht mehr zu spüren ist, fühlt man sich nicht erdrückt und es ist auch keinesfalls ein Hauch von stickiger Luft zu spüren: „Wenn man den Geruch der alten Steinmauern in die Nase bekommt, fühlt man sich fast selbst so, als ob man in die Zeit des frühen Mittelalters eintauchen würde“, so beschreibt es ein Domspatz.

Dr. Silvia Codreanu-Windauer zeigt uns einen kurzen Film, der mit detailreichen 3D-Rekonstruktionen die Entstehung des von Marc Aurel in Auftrag gegebenen, um 179 n. Chr. fertiggestellten, römischen Legionslagers „Castra Regina“ darstellt. Dieses wurde von der III. Italischen Legion bewohnt und als Verteidigungsstätte gegen die Germanen genutzt. Das Lager war von einer großen Mauer umgeben und hatte vier Tore, von denen auch heute noch Teile zu erkennen sind, wie das restaurierte damalige Haupttor Porta Praetoria unweit des Doms. Innerhalb dieses Schutzwalles gab es auch geschotterte sechs Meter breite Lagerstraßen, die um die Baracken liefen und sie miteinander verbanden. Die Mannschaftsbaracken beherbergten jeweils eine Centurie von 100 Mann. Jeweils acht Männer teilten sich eine Stube und einen Schlafraum.

Anschließend holt die Führerin eine Fernbedienung und drückt auf eine farbige Taste – da wechselt das violette Licht augenblicklich zu einem strahlenden Grün.

Fasziniert folgen die Schüler den Ausführungen von Dr. Silvia Codreanu-Windauer. Foto: Lukas Kunkel
Fasziniert folgen die Schüler den Ausführungen von Dr. Silvia Codreanu-Windauer. Foto: Lukas Kunkel

Die Steine, die schichtweise von dem Licht angestrahlt werden, können nun deutlich von anderen Steinen unterschieden werden, die in früherer oder späterer Zeit verbaut wurden, die Höhenunterschiede sind faszinierend. Außerdem sieht man so sehr gut, wie auf alte Fundamente und alte Mauern neue folgen. Jetzt wird nicht mehr das ganze 600 Quadratmeter große Areal in Licht getaucht, sondern nur noch kniehohe Mauern. Diese gehören zu einer römischen Villa aus dem vierten Jahrhundert. Zu dieser Zeit waren nur noch 1000 Mann in Regensburg stationiert.

Doch dieses Gebäude sitzt auch schon auf Fundamenten von römischen Legionärsunterkünften früherer Jahrhunderte. Diese wurden durch zwei Brände zerstört und nur noch teilweise wiederaufgebaut. Den Teil, der aufgebaut wurde, setzten die Römer nicht auf das gleiche Erdniveau, sondern auf Sockel. So war es auch nach dem zweiten Brand, dann wurden noch zusätzlich Heizkanäle eingebaut. In diesem Gebäude, das einer römischen Stadtvilla glich, residierte wahrscheinlich ein offizieller römischer Amtsträger. Insgesamt wurde das Straßenniveau in der Römerzeit um 60 bis 70 Zentimeter angehoben.

Bei dem „Opus Spicatum“ genannten System werden die Steine ineinander verkeilt. Foto: Lukas Kunkel
Bei dem „Opus Spicatum“ genannten System werden die Steine ineinander verkeilt. Foto: Lukas Kunkel

Die antiken Baumeister verwendeten ein ausgeklügeltes Schema zum Errichten von Gebäuden: Es sieht aus wie kleine Tannenbäume und nannte sich „Opus Spicatum“. Dabei werden Steine ineinander verkeilt, damit keine Risse im Mauerwerk entstehen. Dies hat auch gut funktioniert, ist manchmal sogar besser als heutige Methoden.

Recycling ist keine neue Idee

Dann wechselt das Licht auch schon zu einem kräftigen Rotton. Wie Dr. Codreanu-Windauer erklärt, handelt es sich um die Fundamente der karolingischen Kirche. Denn als die Römer Regensburg verließen, traten die Bajuwaren ihre Nachfolge an. Sie verwendeten die alten Steinquader wieder und bauten die erste Kirche. Diese war für damalige Zeit ein echter Monumentalbau, da sonst fast nur kleinere Holzkapellen existierten. „Recycling ist keine neue Erfindung, das gab es damals auch schon!“, werden wir aufgeklärt. Eine zusätzliche Neuerung war, dass der Friedhof die Kirche umgab, denn Friedhöfe lagen vorher normalerweise außerhalb der Stadtmauern. Die Kirche gehörte als Pfalzkapelle zum Hof des damaligen Herzogs Theodor von Bayern. Er wurde nach seinem Tod um 716/717 in der Kirche bestattet. Die Pfalzkapelle wurde im 9. Jahrhundert umgebaut, die Fundamente des Bauwerks präsentieren sich nun in einem dunklen blauen Licht.

Nun kommen wir zu den Gräbern. Neben Herzog Heinrich I. und seiner Frau Judith ist hier ihre Schwiegertochter Gisela von Burgund begraben. Diese war die Mutter zweier sehr berühmter Personen, nämlich Gisela von Ungarn und Kaiser Heinrich II.

Interview

Spuren aus der Vergangenheit

Mit der Archäologin Dr. Silvia Codreanu-Windauer sprachen die Schüler über ihren Beruf und das document Niedermünster.

Sogar ein Heiliger ist hier begraben: der heilige Erhard, ein Wanderbischof ohne Sprengel und Bistum. 1052 wurde dieser von Papst Leo heiliggesprochen. Ganz bewusst hat man sein Grab mit jedem Neubau höher gesetzt. Damit blieb es durch alle Bauphasen erhalten und den Kirchgängern zugänglich. Erhard ist der Helfer für Augenleiden. Nur wenige seiner Reliquien – so nennt man Knochen von Heiligen – sind erhalten, da man sich diese früher auf die Augen gelegt hatte, um sie schneller verheilen zu lassen.

Fast unter dem Altarraum der heutigen Kirche erfahren wir dann noch etwas über die Ehe im Mittelalter. Sie war keine Liebesheirat, sondern diente vor allem der Mehrung von Macht oder Reichtum. Oftmals wurden die adligen Töchter an ein Kloster gegeben oder an ein Damenstift. Ein Damenstift ist eine Abtei für fast ausschließlich adelige Frauen, die sich dort mit viel Geld einkaufen mussten. Was hat das mit dem document Niedermünster zu tun? Ganz einfach: Die Kirche war im hohen Mittelalter ein von Herzog Heinrich gegründetes Damenstift, welches aus der erweiterten Pfalzkapelle entstanden ist. Einen Damenstift zu gründen, hat damals für Ansehen beim Kaiser oder König gesorgt.

Nun geht es zurück in die Gegenwart. „Das war eine großartige Erfahrung, die Geschichte unserer Heimatstadt neu zu entdecken! Besonders die Lichtshow fand ich super“, sagt einer unserer Mitschüler.

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